Online-Preis für Netzkunst
Zwei Preise für Netzkunst werden beim 16. Stuttgarter Filmwinter vom 16. bis 19. Januar vergeben.
Zwei Preise für Netzkunst werden beim 16. Stuttgarter Filmwinter vom 16. bis 19. Januar vergeben. Für den erstmals mit 1000 Euro dotierten Publikumspreis kann vom heutigen 9. Januar an online auf der Festivalpage www.filmwinter.de und beim Stifter, dem Jugendradio Das Ding, abgestimmt werden. Eine Jury hat 20 von rund 180 Netzkunst-Einsendungen für die letzte Runde ausgewählt. Insgesamt erreichten die Organisatoren von Wand5, die den Filmwinter als "populäres Avantgarde Medienfestival" sehen, 1300 Kunststücke aus den Bereichen Film, Video, DVD, Video, Installation und Webkunst aus insgesamt 46 Ländern.
Seit 1996 kann das Publikum seinen Netzkunstpreis vergeben. "Ein Trend ist sehr offensichtlich," sagt Ulrich Wegenast, Mitbegründer des Vereins Wand5. "Die Seiten sind wesentlich filmischer geworden." Ein Blick auf die Endrunden-Kandidaten belegt das: So verarbeitet Michael Brynntrup einen Super-Acht-Film aus den 80er Jahren zum "Stummfilm für Gehörlose". Das Trio Peter Mühlfriedel, Gundula Markeffsky und Tim Büsing setzt Filmschnipsel aus Bruce-Lee-Filmen ein für ihren Kungfu-Mixer mit dem Titel "I know where Bruce Lee lives".
Thematisch stehen dokumentarische neben künstlerischen Themen, ein Beitrag "Nothing but the truth" über ein angebliches Anarchistenattentat in Italien in den 70er Jahren steht neben Dokumentarischem wie dem französischen Beitrag zur Ausgrabung der Abtei von Fontevraud. Netzkritische Themen fehlen nicht: "60X1.com ist User-unfreundlich gestaltet. Die Navigation ist nur in eine Richtung möglich, die Dateigröße der Bilder ist sehr hoch, um die Geduld und die Erwartungen des Anwenders zu testen", beschreibt Kenneth Hung sein Projekt.
Tatsächlich wird von einigen der Beiträge die Geduld der Betrachter ziemlich auf die Probe gestellt -- gerade bei denen, die stark von Filmen dominiert werden: Der Australier Trevor Graham hat auf der Einstiegsseite zum seinem Beitrag über Obdachlose in sechs Städten der Welt zwei Warnungen platziert. Erstens -- damit muss er wohl die australische Netzzensur besänftigen -- warnt er vor der rüden Sprache der Obdachlosen und, zweitens, warnt er vor Schwierigkeiten mit Quicktime am PC. Auch diese Entwicklung bestätigt Wegenast. Frühere Netzkünstler hätten aus der Not der darstellerischen Mittel noch eine Tugend gemacht und mit den Möglichkeiten von Schrift und der Thematisierung des Codes selbst gespielt. Jetzt wird mehr und mehr in die Flash- oder Quicktime-Trickkiste gegriffen. "Dabei gibt es natürlich tolle Sachen," sagt Wegenast, "aber man sollte nicht vergessen, dass nicht jeder Nutzer eine Standleitung hat, sonst wird ein demokratisches Medium pervertiert." Bei der Vorauswahl habe das Handling der Stücke daher auch eine gewisse Rolle gespielt.
User können bis 12 Uhr am 18. Januar online ihren Favoriten küren. Am Abend des gleichen Tages werden die internationalen Kurzfilm-Preise, die Preise für neue Medien der Stadt Stuttgart und weitere Stifterpreise in sechs Kategorien vergeben. Zum ersten Mal haben die Netzkünstler zwei Chancen: Neben dem Publikumspreis gibt es auch noch einen von einer Expertenjury gewählten Preisträger. "Im Netz gewinnt gern auch mal der, der die meisten Leute mobilisiert," sagt Wegenast. Mit den Jurypreisen -- wie schon mit der getroffenen Vorauswahl -- will man aber auch den künstlerischen Anspruch des Filmwinters einlösen.
Avantgardistisches bietet das Festival allerdings auch noch im Bereich der künstlerischen Bearbeitung von Computerspielen. Unter dem Motto "Gegenspieler" lädt der Filmwinter zu Präsentationen, in denen bekannte Spiele wie Quake verwendet werden, um "Gegenerzählungen zu den inhaltlichen Festschreibungen" zu entwickeln. Der New Yorker Paul Marino von der kürzlich gegründeten Academy of Machinima Art & Sciences aus New York stellt am Samstag, den 19. Januar, Arbeiten des neuen "Digitalen Punks" vor. (Monika Ermert) / (jk)