"Leasing" soll Signaturkarte für Alle ermöglichen

Forscher und Banken fordern die Einführung eines transaktionsbezogenen Gebührenmodells zur Finanzierung von Chipkarten mit Signaturfunktionen.

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Nur ein neues Gebühren- und Rollenmodell kann nach Ansicht von Forschern und Praktikern den häufig beklagten Stillstand bei der digitalen Signatur beenden. Private oder professionelle Anwender kaufen dabei die Signaturkarte mit dem "elektronischen Ausweis" und das zugehörige Lesegerät für den PC nicht mehr, sondern mieten oder leasen diese. Als neue Abrechnungsplattformen müssten Mittler zwischen Trust-Centern und primären Dienstleistern wie Versicherungen oder Stadtverwaltungen dienen. Diese Zwischenhändler sollen sich über transaktionsbezogene Gebühren finanzieren. Mit einer solchen Umverteilung, hoffen Experten, können die immensen Kosten für den Aufbau und den Betrieb der komplexen Infrastrukturen für das "Geschäft" mit digitalen Signaturen und Identitätszertifikaten geschultert werden.

"Es ist dringend notwendig, ein anderes Geschäftsmodell für Signaturkarten zu entwickeln", machte sich Rüdiger Mock-Hecker, Leiter der Geschäftssparte S-Kartensysteme beim Deutschen Sparkassenverlag in Stuttgart, auf der Omnicard in Berlin für entsprechende Systemänderungen stark. Dabei müsse ein entsprechender "Return on Invest" für diejenigen sichergestellt werden, die die Infrastrukturvorleistungen übernehmen. Gleichzeitig müsse das Modell so angelegt sein, dass "der Zertifikatsnutzer einen geringeren Einstiegspreis erhält".

Die Lösung der Probleme sieht Mock-Hecker in der Umstellung auf Lizenzen oder transaktionsabhängige Entgelte im Signaturmarkt. Schon heute gebe es im Bereich der kryptographischen Schlüsseltechnik eine ganze Reihe von Beteiligten, die sich erhebliche Vorteile durch die Anwendung von kartenbasierten Zertifikaten versprechen. Das seien vor allem Unternehmen und Behörden, die unter den Schlagworten E-Business beziehungsweise E-Government ihre Prozesse hin zum Bürger oder im "Backoffice" auf den Einsatz der digitalen Signaturen vorbereiten und sich damit Kostenvorteile erschließen wollen. Allein bei einer Wertpapierorder, bestätigte Gerd Schlachter, Direktor E-Business Service bei der HypoVereinsbank, ließen sich 50-prozentige Einsparpotenziale durch die digitale Kundenidentifizierung auf Basis der Zertifikate realisieren. Doch nach dem bisherigen Modell soll laut Mock-Hecker just der Bürger und Kunde, der allein keinen sofort messbaren monetären Vorteil aus der Sache ziehe, "für den Spaß der Anderen zahlen".

Die Situation ist daher von der berüchtigten Henne-Ei-Problematik gekennzeichnet: Die Nutzer auf der einen Seite wollen die Signaturkarten nicht einmal geschenkt oder zu stark subventionierten Preisen. Von 10.000 für die Bürger in Bremen im Rahmen des dortigen Media@Komm-Pilotprojekts reservierten Signaturkarten, wusste etwa Herbert Kubicek vom Institut für Informationsmanagement der Uni Bremen zu berichten, seien nach vier Jahren erst 3000 Stück ausgegeben worden. Das sei "nicht in erster Frage eine Sache des Preises", da nur ein symbolisches Entgelt in Höhe von rund fünf Euro für Karte und Lesegerät erhoben würde. Doch wer wolle sich schon mit der Installation der benötigten Hard- und Software herumplagen, nur um sich dann etwa als Student ein paar Mal pro Jahr einfacher für eine Prüfung anzumelden? Die wirklichen Anwendungen für den Massenmarkt würden schlicht noch fehlen. Das ist die zweite Seite der Henne-Ei-Lage: Unternehmen und Behörden sind momentan nicht gewillt, für eine kleine Nutzerschar neue, attraktive Einsatzmöglichkeiten für die Signaturkarten zu entwickeln.

Den gordischen Knoten zerschlagen wollen die Fachleute mit dem Mittler-gestützten Abrechnungsmodell. "Bislang bestehen zwischen Kartenherausgebern, Trust-Centern und Dienstleistern keine direkten Rechts- und Geschäftsbeziehungen", zeigte Kubicek ein Manko der gegenwärtigen Situation auf. Das sollten die zwischen den Parteien agierenden Plattformbetreiber beseitigen, die Transaktionsgebühren von den nutznießenden Verwaltungen oder Firmen beziehen und sie an die übrigen Mitspieler verteilen. Aufgehen könne die Rechnung aber nur, wenn die Signaturanwendungen ein "hohes Transaktionsvolumen auslösen". Die Hauptzielgruppe seien damit Geschäftskunden.

Den Banken und der Finanzwirtschaft, die seit langem als Hoffnungsträger bei der Verbreitung von E-Signaturen über die Einbindung der Zertifikate in ec-Karten gelten, kommt laut Kubicek nach wie vor eine wichtige Rolle zu. Von den Träumen der Industrie, dass der digitale Personalausweis die Schlüsseltechniken unters Volk bringen werde, hält der Informatikprofessor nämlich wenig. Die Erfahrungen mit der chipgeschmückten Ausweiskarte in Finnland hätten gezeigt, dass nur 20 Prozent der Bürger sich für die mit 10 Euro zu Buche schlagende Zusatzfunktion entschieden hätten. Die Kreditwirtschaft sei daher als Kartenherausgeber weiterhin gefragt. (Stefan Krempl) / (jk)