Domain-Gerangel zu Lasten der Kunden

Der Domaininhaber kann der Dumme sein, wenn Domain-Reseller, Registrar und Registry miteinander streiten, wie ein Beispiel zeigt.

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Von
  • Monika Ermert

Der Domaininhaber kann der Dumme sein, wenn Domain-Reseller, Registrar und Registry miteinander streiten. Vor diesem Problem steht im Moment ein Schweizer Chatbetreiber, der händeringend versucht, seine Domains swissirc.net und swissirc.com wieder online zu bekommen. Weil der Reseller, über den der Chatbetreiber die Domain bestellt hat, beim Wechsel des Domainregistrars einen Fehler machte, kappte dieser die Verbindung zwischen Domains und Nameservern. Wenn Domaininhaber Marcel Stutz von Swissirc seine Domains jetzt zurückhaben will, wird es für ihn richtig teuer.

Schon im Herbst vergangenen Jahres hat Stutz für die Erneuerung seiner auslaufenden Registrierungen den Schweizer Reseller DNS-net/Pearsoft bezahlt und diesen auch auf bereits eingegangene Mahnungen des Registrars CSL/Joker.com aufmerksam gemacht. Daher fiel er aus allen Wolken, als ihm am 26. Januar dieses Jahres enttäuschte Chatbesucher mitteilten, dass die Seiten offline sind. Die hobbymäßig angebotenen Chatseiten, über die auch zwei zahlende Erotikportale angeboten werden, laufen auf einem kleinen Netz mit 13 Servern weltweit. "Ich verliere immerhin 8000 Chatbesucher durch die fortgesetzte Unterbrechung," erklärt Stutz. Was ihn besonders ärgert: Trotz zig Mails und Telefonaten ist es ihm bis heute nicht gelungen, die Domains wieder zu aktivieren.

"Bei uns war die Domain trotz mehrfacher Erinnerung nicht bezahlt worden. Also haben wir dekonnektiert, als die Registrierzeit ausgelaufen war", sagt Siegfried Langenbach von Joker.com. Bei dem fast ausschließlich mit Robots arbeitenden Registrar, der eine halbe Million Domains verwaltet, werden Kunden und Reseller in einem automatisierten Verfahren vier Wochen, zwei Wochen und unmittelbar vor Erlöschen informiert. Allerdings hat Joker die Domains -- die org-Version war auch noch dabei -- eben doch nicht sofort gelöscht. Was Langenbach als Entgegenkommen gegenüber säumigen Kunden bezeichnet, bedeutete für Stutz eine Katastrophe.

Statt wie im Fall der org-Domain konnte der aufgescheuchte Reseller nämlich nicht einfach neu registrieren. Vielmehr greift seit Mitte Januar beim com- und net-Zentralregister VeriSign Global Registry die "Redemption Grace Period": Weil User vielfach darüber geklagt hatten, dass im Falle einer irrtümlichen Löschung Domains sofort von kommerziellen Domainbörsen oder anderen Mitbewerbern weggeschnappt würden, verlangt ICANN von VeriSign diese "Gnadenfrist". Neuregistrierung, Übertragung oder Umzug der Domain ist damit für 30 Tage unmöglich. Nur der ursprüngliche Registrar -– im vorliegenden Fall Joker.com -– kann die Domain wiederbeleben; und das kostet. 85 Dollar verlangt allein VeriSign Global Registry. Bei Joker schlägt man mehr als 150 Prozent drauf. "Das Verfahren ist aufwendig und kostet eine Menge Zeit", so Langenbach.

Daniel Neuweiler vom Reseller DNS-net/Pearsoft.com, der wegen online gestellter Schweizer Telefonbücher ein juristisches und finanzielles Desaster hinter sich hat, gibt sich zugeknöpft. Nach einem bereits zwei Jahre währenden Streit mit Langenbach um mehrere 10.000 Euro hat DNS-Net seit 2001 nach und nach Kundendomains von Joker zu CORE umgezogen. Konkurrent Langenbach habe allerdings versucht, diese Umzüge durch ein "wahnwitzige Timeframes und sinnlose Bestätigungen mit Fangfragen" zu behindern, ließ Neuweiler heise online wissen. Man habe einen eigenen Mitarbeiter dafür eingestellt, um mit dem "irrwitzigen Modell" klarzukommen, das das Umziehen (KK) laut Neuweiler unmöglich mache. Durch "künstliche" Löschung vor Ablauf der Registrierzeit habe man die Mehrzahl der Domains aber doch noch umgezogen. Leider nicht im Fall von Stutz, dessen Domains zu den letzten auf der Liste gehörten.

Im täglichen Kleinkrieg hatte DNS-net die Einführung der Redemption Grace Period übersehen, die die Domains für eine Neuregistrierung auf 30 Tage blockiert. Außerdem komplizierte ein weiteres Problem den Umzug: Ende Januar transferierte das Registrarkonsortium CORE seine Backend-Gateway von CSL zu Knipp und Global Village. Obwohl sich beide Parteien bedeckt halten, ist man nicht wirklich im Guten geschieden. Die einstige Anti-NSI-Koalition hat dem steigenden Kosten- und Konkurrenzdruck offensichtlich nicht Stand gehalten.

Domainkunde Stutz ist das im Grunde herzlich egal. Nur dass das Hauen und Stechen unter den Registraren auf seinem RĂĽcken ausgetragen wird, macht ihn wĂĽtend. Er weiĂź einfach nicht mehr, an wen er sich wenden soll, sagt er. Beim hochautomatisierten Joker, wo aus KostengrĂĽnden gar kein Telefonsupport geboten wird, kam er mit einer erneuten -- und erneut bezahlten -- Domainbestellung nicht weiter. Nur dort kann die Domain kurzfristig reaktiviert werden, doch das Verfahren ist noch neu und muss erst einmal praktisch umgesetzt werden.

Stutz Reseller DNS-Net hat zwar immerhin die org-Domain "gerettet" und für die com- und net-Adresse genervt die Übernahme von Kosten angeboten. Inzwischen hat Firmen-Chef Neuweiler seinen verzweifelten Kunden jedoch aufgefordert, sich einen anderen Registrar zu suchen. swissirc.net und swissirc.com wären ohnehin schon nicht mehr in der eigenen Registry. Nur Joker als eingetragener Registrar könne in der jetzigen Situation die Domain kurzfristig reaktivieren, urteilt Neuweiler. "Inzwischen sind gerade mal noch 70 Leute im Chat", sagt Stutz, "dafür brauche ich die 13 Server eigentlich nicht." (Monika Ermert) / (hob)