"Government 2.0": Mit Crowd Sourcing zur Verwaltungsreform
Im Rahmen des ersten deutschen "Government 2.0 Camp" in Berlin debattieren Experten aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik über den Einsatz sozialer Medien in Behörden, offene Standards und Open Source.
Beim ersten deutschen "Government 2.0 Camp" in Berlin debattieren am heutigen Freitag rund 350 Experten aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik über den Einsatz sozialer Medien in Behörden. "Ziel ist es, das in der Verwaltung seit Jahren angesammelte Wissen anzuzapfen", erklärte Matt Miszewski, Chefstratege für den öffentlichen Sektor bei Microsoft in den USA, im Gespräch mit heise online. Die Redmonder gehören zu den Initiatoren der in den USA bereits erprobten Veranstaltung, die mittlerweile von einem branchenübergreifenden Gremium durchgeführt wird.
Unter "Government 2.0" versteht Miszewski die "Anwendung von Techniken aus dem Web 2.0 und sozialer Computermedien im Regierungsumfeld". Die meisten Probleme von Verwaltungen und Regierungen haben nach seiner Ansicht wenig mit Technik zu tun. Es fehle vielmehr eine gemeinsame Verständigungskultur, traditionelle Hierarchiezonen müssten zertrümmert und Prozesse umorganisiert werden. Erst danach könne man die Informationstechnik einsetzen, um Änderungen voranzutreiben. Die Prioritäten seien anfangs aber genau anders herumrum gelegt worden.
Vorbilder für den Einsatz von Twitter, Blogs oder sozialen Netzwerken in der Verwaltung sieht Miszewski in der Wirtschaft: "Bei Microsoft haben wir die 'Think Week', während der jeder Angestellte einen Vorschlag an Bill Gates schicken und von ihm checken lassen kann." Auch andere Mitarbeiter könnten die Eingaben lesen und bewerten. Das resultiere oft in konkreten Projekten. Außerhalb des IT-Bereichs setze etwa Starbucks auf Social Media und Bewertungsseiten, um die internen Abläufe zu verbessern.
Miszewski lobte die Initiative des US-Präsidenten für ein "Open Government" und Veröffentlichung amtlicher Statistiken über die Website data.gov. Angesichts der dabei allein in den ersten 15 Minuten eingegangenen 300.000 Kommentare sei es wichtig, der Bürgerbeteiligung inhaltliche Vorgaben zu machen. Genauso müssten den Nutzern neben Rohdaten offene Programmierschnittstellen und Werkzeuge zur Verfügung gestellt werden, um gezielte Anwendungen zu erleichtern.
"Offene Standards spielen dabei eine wichtige Rolle", beteuert der Verwaltungsexperte. Die von ihm betreute Microsoft-Abteilung veröffentliche auch "viele Anwendungen als Open Source". Er sei sich aber nicht sicher, "ob der Zugang zum Quellcode Auswirkungen auf die Transparenz und die Kontrollmöglichkeiten öffentlicher Einrichtungen hat". Dabei handle es sich eher um eine "philosophische Frage". Regierungen würden auch Autos oder Flugzeuge kaufen, bei denen keiner über die "Ideale eines allgemeinen Anspruchs" spreche, "wie sie mit freier Software verbunden werden". Von künftigen Regierungen erwartet Miszewski, dass sie "über extrem effiziente und interoperable E-Government-Strukturen im Hintergrund verfügen und intern miteinander sowie mit der Außenwelt eng über soziale Medien in Verbindung stehen". (Stefan Krempl) / (anw)