Die Schlacht auf dem Netzteil-Markt tobt weiter
War es im vergangenen Jahr der Watt-Wahnsinn, der die Netzteil-Produzenten umtrieb, ist es auf der diesjährigen Computex der (zumindest im Prinzip) sinnhaltigere Kampf um den besten Wirkungsgrad.
Der Netzteilmarkt ist ein Schlachtfeld – dieser Eindruck entsteht nicht nur, wenn man sich auf dem Computex-Stand der Firma In Win umsieht. Immer mehr Hersteller drängen mit eigenen Modellen in diesen ohnehin schon hart umkämpften Markt. Doch zunächst zurück zum In-Win-Stand: Die dort ausgestellten Netzteile aus der "Commander"-Serie kommen zwar im Military-Look daher, erfüllen aber keineswegs die für den Einsatz beim Militär vorgegebenen MIL-Spezifikationen. Stattdessen findet man eher Übliches: Kabelmanagement, umfangreiches Zubehör in aufwendiger Verpackung und natürlich den Hinweis auf einen hohen Wirkungsgrad. In Win verspricht, für die mit Nennleistungen zwischen 650 und 1500 Watt angebotenen Netzteile einen Wirkungsgrad von "up to 88 %" – und schon befinden wir uns tatsächlich mitten im aktuellen Netzteil-Schlachtfeld. "Up to" ist hier eine beliebte und von den Herstellern gern gezündete Nebelkerze. Natürlich erreicht so ein Netzteil bei irgendeiner Belastung einen Wirkungsgrad von 88 Prozent. Meist bei annähernd der auf dem Typenschild angegebenen Nennleistung, doch der ist eigentlich nicht von Bedeutung. Viel interessanter wäre es zu erfahren, welchen Wirkungsgrad das Netzteil bei einer typischen Belastung zwischen 20 und 60 Prozent der Nennlast erreicht. Doch darüber schweigen sich die Prospekte der meisten Anbieter aus.
Für etwas mehr Transparenz sollten hier eigentlich die inzwischen verfügbaren "80+" Zertifizierungen sorgen. Das "80+"-Logo gibt es inzwischen in vier Kategorien: Einfach nur mit "80+" darf sich ein Netzteil schmücken, das bei Belastung mit 20, 50 und 100 Prozent der Nennleistung in allem Bereichen einen Wirkungsgrad von mindestens 80 Prozent aufweist. Ein bronzenes Logo erhält, wer bei halber Nennleistung mindestens 85 Prozent und bei 20 und 100 Prozent Last wenigstens 82 Prozent Wirkungsgrad erreicht. "80+ silver" verlangt hier (20/100%) schon mindestens 85 Prozent, bei 50 Prozent Last sollen es 88 Prozent Wirkungsgrad sein. Die aktuelle Königsklasse ist das Gold-Logo, für das ein Wirkungsgrad von 87 (20/100% der Nennlast) beziehungsweise 90 Prozent (50% der Nennlast) verlangt wird. Wirft man also noch mal einen Blick in die von In Win bereitgestellten Daten – und siehe da, keine Spur von irgendeinem Logo. Die Aussage "88 % Wirkungsgrad" allein ist also wertlos.
Überzeugender wirkt da schon das Angebot bei Cooler Master: Dort ist man stolz darauf, dass sich das Modell UCP-900W als weltweit erstes Netzteil dieser Leistungsklasse mit einem "80+ silver"-Logo schmücken darf. Dieses Netzteil erreicht also tatsächlich einen Wirkungsgrad von 85 bis 88 Prozent über einen weiten Lastbereich. Immerhin mit "80+"-Logo kommen die Modelle ZM660-XT und ZM770-XT von Thermaltake daher. Die beiden 660- beziehungsweise 770-Watt-Netzteile sollen dank eines großen 140-mm-Lüfters und aufwendiger Kühlkörper im Betrieb besonders leise arbeiten.
Die Schlacht auf dem Netzteil-Markt (10 Bilder)

Geringe Geräuschentwicklung und guten "80+"-Wirkungsgrad verspricht auch Tagan für seine Netzteile aus der BlueRock-Serie. Richtig stolz ist man aber dort auf das komplett passiv gekühlte 500-Watt-Modell TG-I500FL (Maximale Dauerlast: 470 Watt). Die passive Bauweise legt hier zwar nahe, dass das Gerät mit einem guten Wirkungsgrad arbeitet, konkrete Angaben oder gar ein wie auch immer geartetes "80+"-Logo konnten wir aber nicht entdecken.
Noch ein Logo entdeckten wir bei Arctic Cooling: Das Netzteil Namens Fusion 550 ziert neben dem üblichen "80+"-Logo auch noch ein vom Design her ähnlich gehaltenes Logo Namens "Eco 80". Wofür und von wem das Gerät diese "Auszeichnung" erhielt, erschloss sich allerdings nicht so recht. Der von Arctic Cooling angegebene Wirkungsgradbereich zwischen 82 und 86 Prozent reicht auf jeden Fall nicht für das "80+ silver"-Logo. Immerhin verspricht der außerhalb des Netzteils untergebrachte und mit Gumidämpfern befestigte 80-mm-Lüfter einen leisen und vibrationsarmen Betrieb.
Mit "80+" in Sachen Wirkungsgrad scheint die Marketing-Schlacht bei den Netzteilen aber erst zu beginnen: Enermax propagiert schon mal eine Netzteilserie namens "Revolution", die ein noch zu kreierendes "85+"-Logo schmücken soll. Nähere Angaben zum Aufbau der neuen Netzteile möchte man aber derzeit lieber nicht veröffentlicht sehen. Zu groß sei die Gefahr, das "der liebe Mitbewerb" die neuen Ideen mitbekommt und munter abkupfert. Na ja, warten wir also ab, was da auf uns zukommt. Silverstone jedenfalls scheint der Magie der großen Zahlen schon jetzt erlegen zu sein: Man preist munter Netzteile mit einem Wirkungsgrad von 90 Prozent an. Na dann sollte es doch kein Problem sein, jedes der unter dem Plakat ausgestellten Netzteile mit einen "80+ gold"-Logo zu schmücken, oder? Entdeckt haben wir solch ein Logo aber auf keinem einzigen der vorgestellten Netzteile.
Sei es wie es will – auch wenn die Hersteller mitunter den Mund noch etwas voll nehmen in Sachen Effizienz: Die Schlacht um den besten Wirkungsgrad nützt der Umwelt in jedem Fall mehr, als der Watt-Wahnsinn, der den Netzteilmarkt im letzten Jahr in Bewegung hielt.
Jenseits des Wettbewerbs um den besten Wirkungsgrad tut sich aber auch noch anderes bei den PC-Netzteilen: So zeigte die Firma Ikonik ihre "Vulcan"-Netzteilserie. In das Netzteil integrierte Sensoren ermöglichen die Überwachung von Temperatur, Lüfterdrehzahl und der aktuellen Leistungsaufnahme – getrennt für jeden Spannungspfad, versteht sich. Billig ist das freilich nicht. Das Einstiegsmodell mit 650 Watt Nennleistung soll ohne Steuer knapp 180 Dollar kosten, für das Spitzenmodell mit 1200 Watt veranschlagt der Hersteller stolze 400 Dollar. Kommt Ihnen das Konzept der "Vulcan-Serie" bekannt vor? Ja, richtig, genau so etwas hat auch Gigabyte im Programm. Dort werden die Informationen aus dem Netzteil via USB-Port ans System weitergeleitet. Diesen von Gigabyte patentierten Weg mochte Ikonik also nicht beschreiten. Deshalb überträgt das Netzteil seine Daten hier via Infrarot-Signal. Ein passender Sender sowie ein USB-IR-Dongle gehören zum Lieferumfang der Netzteile.
Wer es wirklich ausgefallen mag, sollte einmal bei OCZ vorbeischauen: Dort erhält man das 1200-Watt-Modell T12W-IN31 auch in einer "Modding-Version", bei der der Anwender jede einzelne vom Netzteil gelieferte Spannung via Poti nach Lust und Laune verändern kann. Diese prächtige Möglichkeit sein System gezielt zu grillen bietet OCZ allerdings nur zahlungskräftigen und erfahrenen Kunden, da die einzelnen Netzteil-Mods in Handarbeit nach Eingang der Bestellung angefertigt werden.
Ausgefallen, aber möglicherweise bei weitem nützlicher ist dagegen ein Prototyp, den wir bei FSP entdeckten: Für sparsame Systeme mit einer Leistungsaufnahme von weniger als 60 Watt haben die Ingenieure dort einen DC/DC-Wandler entwickelt, der gerade einmal so groß ist wie ein typischer ATX-Power-Stecker. Der Vorteil liegt auf der Hand: Das mit 19 Volt gespeiste "Netzteil" nimmt so gut wie keinen Platz mehr im Gehäuse weg. Wann und zu welchem Preis die Neuentwicklung auf denMarkt kommen wird, wollte uns FSP allerdings noch nicht verraten. (gs)