Computex

Computex 2008: Ein Fazit

Aus Sicht der Veranstalter war die Computex 2008 natürlich ein voller Erfolg: Größer, besser besucht und natürlich viel erfolgreicher als im Vorjahr. Doch es gibt auch kritische Stimmen von Ausstellern und Besuchern.

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Von
  • Georg Schnurer

Die neue Computex-Halle in Nangang

Auf der Abschluss-Pressekonferenz der Computex wurde Walter Yeh, Executive Vice President der Taitra, nicht müde, die neuen Rekorde der Computex zu preisen. Mehr "Buyer" – so heißen die Fachbesucher im Jargon der Messeveranstalter – mehr Aussteller und natürlich mehr "Boothes" als je zuvor, schwärmte er. Dabei lohnt sich hier durchaus ein Blick auf die Details: Auf der Computex 2008 gab es 4492 "Boothes", 2007 waren es noch bescheidene 2926 – eine beeindruckende Steigerung, sicherlich. Doch unter einem "Booth" versteht man in Taiwan einen Messestand von drei mal drei Metern. Eine Firma, die mit solch einer Zelle nicht auskommt, belegt also mehrere "Boothes". Der enorme Zuwachs hat hier also vor allem etwas damit zu tun, das die Computex 2008 erstmals neben dem alten Messegelände auch die neue Messehalle in Nangang bespielte. Viele Aussteller konnten sich nun also größer als in der Vergangenheit präsentieren. Zudem konnte die Taitra die schon seit Jahren existierende Warteliste drastisch reduzieren. So wundert es auch nicht, dass 2008 mit 1725 Ausstellern deutlich mehr Firmen auf dem Messegelände vertreten waren als im Vorjahr (1333).

Der Jubel der Computex-Veranstalter Taitra und TCA (Taipei Computer Association) in Sachen Besucherrekord hält einer seriösen Analyse allerdings kaum stand: Zwar stieg die Zahl der ausländischen Fachbesucher moderat von 33 037 auf 34 685, doch gleichzeitig sahen sich weniger inländische Besucher auf der Messe um. Der Rückgang war hier ausgesprochen drastisch. 2007 waren es noch 96 624 "Local Visitors", 2008 reduzierte sich diese Zahl auf 71 832 – projektiert waren gut 100 000 Besucher aus Taiwan. Als Erklärung für den Besucherschwund muss – wie auch bei anderen Veranstaltungen dieser Art – mal wieder das B2B-Argument herhalten. Die Computex würde sich halt immer mehr als Plattform für Käufer und Verkäufer etablieren, da sei es selbstverständlich, dass das normale Publikum nicht mehr so stark vertreten sei. Diese Argumentation hinkt allerdings ein wenig. Zum einen hat der "Endkunde" ohnehin nur am letzten Messetag Zutritt zum Gelände, zum anderen weist der Messeveranstalter lokale Fachbesucher nicht gesondert aus. Sie stecken also irgendwo in den "Local Visitors" mit drin.

Orientiert man sich nur an den auf der Abschlussveranstaltung ausgegebenen Wachstumsparolen, könnte leicht der Eindruck entstehen, dass die Computex dem internationalen Fachpublikum die größte Aufmerksamkeit schenkt. Ein Blick in die Hallen rückt das Bild jedoch schnell wieder zurecht: Die Animationen an den Ständen waren sehr wohl auch auf das heimische Publikum ausgerichtet – und das nicht nur am "Enduser Day".

Allzu "international" scheint man sich derzeit in Taiwan ohnehin nicht geben zu wollen. Das ganze Land überschwemmt eine massive Rückbesinnungswelle auf die eigenen Wurzeln. Die "Ein-China"-Politik der aktuellen Regierung ist da nur ein Element. Vorbei sind die Zeiten, als Taiwan offensiv auf die eigene Unabhängigkeit vom großen Nachbarn China pochte. Heute geht man eher auf Schmusekurs mit den Machthabern auf der anderen Seite der Taiwan-Straße. Dahinter steht nun freilich nicht der Wunsch, alsbald zu einer chinesischen Provinz zu werden. Das will in Taiwan wirklich niemand. Man möchte vielmehr mit dem großen Nachbarn ungestört von politischen Missklängen Geschäfte machen. China ist nun mal ein gewaltiger Markt und gleichzeitig die ausgelagerte Werkbank vieler taiwanischer Unternehmen.

Es ist aber nicht nur der schnöde Mammon, der hier als treibende Kraft wirkt. Hinter der neuen Annäherungspolitik an Festland-China steckt auch ein wachsender Stolz darauf, als Taiwaner eben auch "Chinese" zu sein. Die eigene Kultur und Sprache wird so hoch geschätzt wie selten zuvor. Das führt mitunter freilich zu seltsamen Stilblüten. So freute sich Walter Yeh bei der Computex-Eröffnung etwa darüber, dass nun immer mehr Ausländer auch chinesisch sprechen. Vielleicht könne man ja die nächste Computex-Eröffnungspressekonferenz in chinesischer Sprache abhalten, schlug Yeh vor. Wer das für einen seltenen Anflug von Humor hielt, konnte sich auf der nachfolgenden Veranstaltung, dem "Green-IT-Forum" schnell eines besseren belehren lassen: Nachdem der erste Vortragende seinen Beitrag noch in Englisch gehalten hatte, stellte das Podium kurzerhand fest, dass ja ohnehin gut 80 Prozent der Zuhörer des Chinesischen mächtig seien. Die weiteren Vorträge erfolgten dann in Chinesisch, was vielen der anwesenden "Langnasen" zu einem freien Nachmittag verhalf ... Rückbesinnung auf die eigene Kultur und Sprache ist eine feine Sache, doch übertreiben sollte man es als internationaler Messeplatz von Rang wirklich nicht. Man stelle sich vor, auf der CeBIT würde künftig ausschließlich deutsch gesprochen.

Doch zurück zum Computex 2008. Die Taitra lässt verlauten, dass auf der Messe Geschäfte in einem Gesamtvolumen von stattlichen 20 Mrd. US$ abgeschlossen worden sein sollen. Zum Vergleich: Die CeBIT reklamiert für 2008 ein Abschlussvolumen von knapp 15 Mrd. US$ – und das bei gut dreimal so vielen Ausstellern (5800), beinahe fünf mal so vielen Besuchern (495 000) und knapp dreimal so vielen ausländischen Fachbesuchern (100 000). Doch zahlen von Messeveranstaltern werfen ohnehin oft mehr Fragen auf, als sie beantworten.

Wer glĂĽck hatte fand einen Sitzplatz in den Bussen, die zwischen den Hallen hin und her pendelten.

Erkundigt man bei den ausstellenden Unternehmen nach ihrer Zufriedenheit mit der Computex 2008, so stieß man auf ein geteiltes Echo. Über die neue Halle freuten sich vor allem die dort vertretenen Aussteller, auch wenn längst nicht jeder mit seiner Platzierung zufrieden war. Ist es nun besser, seinen Stand im leicht für Besucher zu erreichenden Erdgeschoss zu haben, oder ist ein Platz im lichtdurchfluteten oberen Stockwerk der wertvollere? Ehrlich gesagt: keine Ahnung. Oben ist es auf jeden Fall heller, dafür aber auch lauter, weil sich hier Intel, AMD, MSI, Gigabyte, Shuttle und Co. eine akustische Schlacht um die Aufmerksamkeit der Besucher lieferten. Unten war es ruhiger, dafür sorgte die nur notdürftig verkleidete Hallendecke für ein leichtes Baustellen-Feeling.

Wer Unterschlupf in den alten Hallen fand, haderte ebenfalls mit seinem Schicksal: Zwar war hier vor allem an den ersten Tagen mehr los, dafür war das Ambiente aber eher einfach und es ging wie in der Vergangenheit eher gedrängt zu. Einig waren sich alle Aussteller und viele Besucher aber vor allem in einem Punkt: Die Teilung der Messe auf zwei weit auseinander liegende Gelände ist kein überzeugendes Konzept. Zwar sind die Hallen thematisch recht gut aufgeteilt, doch wer etwa auf der Suche nach Notebooks oder typischen PC-Komponenten war, kam nicht umhin, beide Ausstellungsorte zu besuchen. Ein recht ordentlich funktionierender Shuttle-Service half zwar beim Transfer zwischen den Hallen, doch das kostete viel Zeit.

Besonders lästig war das für größere Aussteller: Diese unterhalten neben dem eigentlichen Messestand traditionell oft noch einen weiteren Stand in einem der umliegenden Hotels, an dem ausgewählte Kunden in ruhigerer Atmosphäre betreut wurden. Wenn nun aber ein wichtiger Kunde doch auf dem eigentlichen Messestand auftaucht, hieß es für den zuständigen "Sales", ab ins Taxi und rein ins Verkehrsgetümmel. Je nach Tageszeit konnte solch ein Trip etwa vom Hyatt nach Nangang schon mal eine knappe Stunde in Anspruch nehmen. Na ja, zumindest 2009, wenn die Computex von 2. bis 6. Juni wieder in allen Hallen spielt, wird sich an dieser Situation kaum etwas ändern. Gerüchteweise denkt man aber bereits darüber nach, in Nangang noch eine weitere Halle zu errichten. Dann wäre dort genug Platz für die gesamte Computex. Doch vor 2015 wird sich hier wohl kaum etwas tun. Immerhin: 2010 soll die MRT, Taipeis Hochbahn-System, eine direkte Verbindung zwischen den beiden Ausstellungsstandorten bieten. Das dürfte die Verkehrssituation für Besucher und Aussteller drastisch verbessern.

WiMax im fahrenden Demo-Bus - eine feine Sache, auch wenn das CNN-Video immer wieder ruckelte, weil sich das System bei einer neuen Basisstation anmelden musste.

Thematisch war diese Computex auf jeden Fall ein echter Kracher: Vor allem durch die vielen vorgestellten Notebooks hat sie wichtige Impulse für den Markt gegeben. Der Trend weg vom klassischen PC, hin zu immer mehr mobilen Gerätschaften wird vor allem durch die günstigen Notebooks – die Netbooks – weiter an Schwung gewinnen. Über kurz oder lang dürfte der "Desktop-PC" nur noch in wenigen Nischen eine Heimat finden.

Ebenfalls spannend – wenn auch weniger für den deutschen Markt – ist die weitere Entwicklung bei drahtlosen Funksystemen. WiMax verspricht zu einer echten Konkurrenz zum doch recht teuren UMTS zu werden. In Taipeh, eine der ersten Modellstädte mit zumindest im Innenstadtbereich flächendeckender WiMax-Infrastruktur, konnte man sich schon mal ein Bild von den Möglichkeiten dieser Technik machen. Schneller Datentransfer von und zum Notebook auch unterwegs, das hatte schon etwas. Allerdings konnte man in den mit WiMax ausgestatteten Shuttlebussen auch die Tücken des Systems erkennen: Besonders der Zellenwechsel scheint noch nicht so reibungslos wie versprochen zu funktionieren. Immer wieder reißt die Verbindung ab und eine Neuanmeldung ist nötig. Doch für einen ersten Flächentest schlug sich die neue Technik schon recht ordentlich. In Deutschland werden wir aber wohl noch lange auf ein halbwegs flächendeckendes WiMax-Netz warten müssen. Die Carrier müssen schließlich erst einmal ihre Investitionen in UMTS wieder einspielen ... (gs)