"Radikale Innovationen haben es schwer"

Im Internet entsteht wenig radikal Neues, sagt Viktor Mayer-Schönberger von der Uni Singapur: Die Anbieter werden aus Angst vor der User-Basis zunehmend konservativer; die Open-Source-Community ist zu eng vernetzt.

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Von
  • Florian Rötzer

Ist das Internet gefährdet, wenn dessen Neutralität eingeschränkt wird, wie manche befürchten? Dann könnten nämlich die Datenströme von den Providern kontrolliert und damit verhindert werden, dass Internetnutzer weiterhin alle von ihnen gewünschte Programme und Dienste beschaffen, verteilen und anwenden können. Im Prinzip der Netzneutralität sehen manche die Innovationskraft des Internet, weswegen sie geschützt werden müsse, wie dies auch US-Präsident Obama erklärt hat.

Viktor Mayer-Schönberger, Direktor des Forschungszentrums für Politik und Innovation an der Universität Singapur, sieht allerdings andere Probleme, die die Innovation behindern. , In dem Artikel Can We Reinvent the Internet? in der Zeitschrift Science konstatiert er, dass kaum wirklich neue Programme für das Internet entstehen, während die grundlegenden Protokolle weitgehend unverändert geblieben sind. Schuld daran seien die Unternehmen, die fürchten, dass bei ganz neuen Ansätzen die Kunden nicht mitziehen, aber auch die Trägheit der sozialen Netzwerke der Open-Source-Community. Die nämlich würden, so die These von Mayer-Schönberger, zu eng vernetzt sein, was die Entstehung ganz neuer Ansätze erschwere und meist nur kleine Fortschritte zulasse.

Der Internetexperte unterscheidet zwischen inkrementellen Verbesserungen und radikalen Innovationen. Im Telepolis-Gespräch (Einsamere Programmierer gesucht) macht er deutlich, wie er den Unterschied versteht: "Windows Vista ist eine inkrementale Verbesserung, so auch Firefox 3.5 – der iPod ist eine radikale Innovation. Radikale Innovationen haben es schwer, weil die kommerziellen Anbieter aufgrund großer Nutzerbasis, die umlernen müsste, zunehmend konservativer werden; und die Open-Source Community ist durch die sozialen Netzverbindungen ihrer Teilnehmer so eng miteinander verwoben, dass radikale neue Ideen es enorm schwer haben, sich gegen die 'herrschende Lehre' durchzusetzen."

Dicht gewobene soziale Netze fördern für ihn dieses eher innovationsabwehrende "Gruppendenken". Daher müsse man soziale Netze schaffen, "die genügend, aber nicht zu viele Netzverbindungen bieten", wenn Innovation etwa im Hinblick auf das Internet der nächsten Generation beschleunigt werden soll. Die Politik könnte beispielsweise, so der Wissenschaftler, Gelder für Softwareentwicklung nicht an feste größere Gruppen vergeben, sondern an mehrere kleinere und miteinander konkurrierende. Das würde die Modularität fördern. Forschungsprojekte sollten nicht von "Peers", sondern von Experten beurteilt werden, die nicht mit der entsprechenden Forschergemeinschaft verwoben sind. (fr)