"Sie sehen aus, wie Zauberlichter"
Als die Männer Ende des 19. Jahrhunderts die Welt der Physik längst als ihre Domäne ansahen, betrat eine junge, engagierte Polin die Bühne.
- Veronika Szentpetery
Als die Männer Ende des 19. Jahrhunderts die Welt der Physik längst als ihre Domäne ansahen, betrat eine junge, engagierte Polin die Bühne: Ein fiktives Interview mit Marie Curie.
TR: Madame Curie, Sie kommen gerade aus dem Weißen Haus. Glückwunsch zu dem Gramm Radium, das Sie von Präsident Warren Harding erhalten haben.…
Marie Curie: Vielen Dank, ich bin hocherfreut darĂĽber.
Es ist 100000 Dollar wert und muss abgeschirmt werden. Sie werden das doch nicht hier im Hotel haben?
Nein, das war heute eine symbolische Geste. Der Behälter mit dem echten Radium befindet sich noch in einem Safe in Pittsburgh. Ich kann es kaum erwarten, damit endlich wieder in meinem Labor in Paris zu sein und weiter zu forschen. Ich mache das ganze [-–] verzeihen Sie meine Direktheit [-–] Medientheater hier nur mit, weil ich mich für diese großzügige Spende erkenntlich zeigen möchte.
Eine Spende, die von einer amerikanischen Journalistin ermöglicht wurde. Auf ihren Aufruf hin kam das Geld für den Radiumkauf zustande.
Ja, ich bin Mrs. Marie Meloney zu großem Dank verpflichtet. Und deshalb habe ich mich auch bereit erklärt, Vorträge zu halten und Interviews zu geben. Aber ehrlich gesagt bin ich froh, wenn ich mich wieder ganz der Forschung widmen kann.
Und dazu brauchen Sie das gespendete Radium, denn Ihr Vorrat ist, wie ich hörte, fast aufgebraucht?
In der Tat. Das, was wir noch nicht für Messungen verbraucht hatten, haben wir im Krieg für die Therapie von Soldaten verwendet. Ich arbeite immer noch mit den Resten des Gramms, das ich für meine Doktorarbeit mühsam aus acht Tonnen Pechblende-Rückständen gewonnen habe.
Wie kamen Sie auf die Idee, dass in diesem Abfall noch weitere radioaktive Elemente sein könnten?
Das war eine logische Überlegung. Pechblende strahlte bis zu fünfmal so stark, wie es das darin noch enthaltene restliche Uran vermuten ließ. Also haben mein Mann Pierre und ich es so lange mit Säuren in seine Bestandteile aufgelöst, bis wir schließlich tatsächlich erst das Polonium und dann das Radium entdeckten.
Sie bekamen damals fĂĽr Ihre Doktorarbeit kein Labor, sondern nur einen zugigen Schuppen. Wie haben Sie es in dieser winters unbeheizten und sommers ĂĽberhitzten Baracke denn ausgehalten?
In diesem dürftigen Schuppen habe ich mit Pierre meine besten und glücklichsten Jahre verbracht. Ich musste schon im Studium mit wenig auskommen. Sehen Sie, ich hatte trotz allem eine wunderbare Chance: In meiner Heimat Polen durfte ich als Frau nicht studieren. Ich hätte höchstens als Lehrerin arbeiten können. Für mich aber gab es nie etwas Schöneres und Befriedigenderes als die Wissenschaft.
Auch wenn Sie körperlich hart arbeiten mussten, um das Mineral aufzuschließen.
Das war in der Tat eine schreckliche Schufterei, die großen Gefäße hin und her zu schaffen, die Flüssigkeiten umzugießen und stundenlang mit einem Eisenstab die siedende Masse in einem Schmelztiegel umzurühren. Aber es war jede Anstrengung wert. Haben Sie schon mal in der Dunkelheit fluoreszierende radioaktive Substanzen gesehen? Sie sehen aus wie Zauberlichter.... (kd)