Retweeting-(R)evolution
Der Kurznachrichtendienst Twitter bastelt an einer neuen Methode, mit der interessante Botschaften einfacher weitergeleitet werden können. Gut möglich, dass sie das Verhalten der Nutzer gründlich verändert.
- Kristina Grifantini
Der Microblogging- und Social Networking-Anbieter Twitter hat ein hervorragendes Jahr hinter sich: Das Wachstum kannte keine Grenzen, im Juni schauten mehr als 44,5 Millionen Nutzer weltweit bei dem US-Dienst vorbei. In dem auf 140-Zeichen-Botschaften beschränkten Plauder-Universum haben die User inzwischen eine eigene Sprache entwickelt, um den nicht selten unüberschaubaren Strom an Neuigkeiten auf kreativem Wege überblicken zu können.
Nun hat der Dienst angekündigt, eine dieser nutzergenerierten Kommunikationstechniken formal zu integrieren – das so genannte Retweeting, also das Wiederholen und Zitieren von Botschaften anderer Nutzer. Das Echo in der Szene ist indes gespalten: Während einige Beobachter glauben, dass der neue Ansatz die freie Kommunikation bei Twitter künftig behindern könnte, sehen andere nicht weniger als die Schaffung einer neuen Kommunikationsform in dem Schritt.
Twitter hat bereits andere von der Community entwickelte Werkzeuge in den Hauptdienst übernommen, etwa die so genannten Hashtags, mit denen Nachrichten leichter auffindbar werden ("#technologyreview" wäre ein Beispiel). Eine weitere viel verwendete Technik ist das Eintippen des "@" vor dem Nutzernamen, um eine Person direkt (aber öffentlich) zu adressieren. Auch das wurde von Twitter längst formal ins System integriert. Werkzeuge wie diese haben es zudem längst in andere soziale Netze geschafft, beispielsweise YouTube, Flickr oder Facebook.
Aktuell fehlt es noch an einem vorgeschriebenen Format für die Retweets, wie per Retweeting erzeugte Botschaften im Twitter-Slang genannt werden. Üblicherweise wird ein solches Posting aber mit den Buchstaben "RT" eingeleitet, gefolgt vom "@"-Symbol und dem Nutzernamen der Person, die zitiert wird. Ziel eines Retweets ist es dabei stets, eine Information an andere Twitter-Mitglieder zu verbreiten, die sie womöglich beim ersten Mal nicht mitbekommen haben. Oder sie folgen dem Autor schlicht nicht. Retweets können selbst weiter "retweetet" werden, wenn ein Nutzer das will. Auf diese Art verbreiten sich Ideen, Links und andere Infos erstaunlich schnell – und auch ihre Wege werden relativ rückverfolgbar, halten sich die User an die oben genannten Konventionen.
Das Retweeting-Format sei allerdings viel inkonsistenter und komplexer als an Nutzer gerichtete Replys oder Hashtags, meint Social Media-Forscherin Danah Boyd von Microsoft Research, die erst kürzlich ein Paper zum Thema publiziert hat. Zu den möglichen Variationen gehört die Zuordnung zu einer Person erst am Ende des Retweets und die Nutzung von "Via", "By" oder "Retweet" anstatt des zumeist standardmäßigen "RT". Hinzu kommt, dass viele Nutzer ihre eigenen Kommentare vor oder hinter einen Retweet hängen. Dies wird zum Problem beim berühmten 140-Zeichen-Limit des Kommunikationsdienstes: Tippt man allein ein zusätzliches "RT @Nutzername" ein, meint Boyd, kostet das bereits wertvollen Platz. Kommentiert man dann auch noch, ist der Platz bald gefüllt. Um dem zu entgehen, formulieren einige Nutzer die Original-Postings einfach um oder lassen Teile davon weg. Manchmal wird das Zitat so auch verfälscht.
Mitte August gab Twitter dann bekannt, dass demnächst ein eigener Knopf eingeführt werden soll, über den die Nutzer die Nachricht eines anderen Users automatisch wiederholen können. Das mag das korrekte Retweeting schneller und leichter machen, doch der Prototyp des neuen Konzepts hat auch Macken. So sieht es danach aus, als ob es künftig gar nicht mehr möglich sei, das Original-Posting zu kommentieren. Stattdessen sorgt der Retweet-Knopf nur dafür, dass das Nutzerbild und der Name der zitierten Person an das Original angehängt werden. Es landet dann bei allen Followern des Retweeters.
Die neue Retweet-Funktion sei nicht ausreichend für diejenigen, die die Funktion heute "per Hand" benutzen, meint Expertin Boyd. "Gleichzeitig denke ich aber auch, dass es das Retweeting einer ganz neuen Zielgruppe vorstellen könnte." Die Kommentierbarkeit sei aber einer der Hauptgründe, warum die Leute die Funktion nutzten. Statt nur privat einem anderen mit seiner Meinung zu antworten, teilt man durch Kommentar und Retweet einem größeren Publikum mit, was man von einer Nachricht hält und lädt auch andere dazu ein, mitzudiskutieren.
Boyd fand heraus, dass die Prozentzahl der Twitter-Nutzer, die bereits jetzt retweeten, relativ klein ist. Sie erwartet aber, dass sie sich erhöht, sowohl der erwartete Knopf vorhanden ist. Boyds Untersuchung ergab, dass 11 Prozent aller Retweets Kommentare enthielten. Diese Zahl bilde das Phänomen aber vermutlich untertrieben ab, weil sie nur nach Kommentaren zu Beginn der Botschaft suchte, so die Forscherin.
"Das Retweeting wird vor allem von Geeks und Nachrichtenleuten genutzt", sagt sie. "Derzeit kommen Menschen, die mit Popkultur zu tun haben, in großer Zahl zu Twitter." Boyd erwartet, dass der neue Retweet-Knopf die Technik Millionen von Nutzern bekannt machen wird, die heute Berühmtheiten wie dem Twitter-Fanatiker und Schauspieler Ashton Kutcher oder der Talklady Oprah Winfrey folgen. "Wir werden sehen, wie sich Informationen über Nutzerkreise verbreiten, die sich hier bislang nicht engagiert haben. Es wird eine Evolution dieses Verhaltens geben – als Weg, den Inhalten anderer Nutzer zuzustimmen oder sie zu bestätigen."
Nutzer verwenden Retweets häufig, um Haltungen einen Kontext zu geben, meint Susan Herring, Professorin für Informationswissenschaften und Linguistik an der Indiana University und Chefredakteurin des Journals "Language@Internet". "Ich kann mir nicht vorstellen, dass das neue Twitter-Werkzeug für die Retweeter sehr befriedigend sein wird. Retweet plus Kommentar sind ein Gespräch. Ein Retweet allein gibt einem Posting eine gewisse Anerkennung, aber es ist schwierig, einen Austausch solcher Darstellungen als eine echte Konversation zu werten." Herring glaubt allerdings auch, dass der neue Knopf die Retweeting-Aktivität erhöhen und die Nutzung verstärken wird.
Retweets sind nicht nur für Nutzer interessant, sondern auch für Firmen oder Forscher, die herausfinden wollen, wie sich Ideen verbreiten. "Retweeting ist dieser elegante virale Mechanismus", meint Dan Zarrella, ein Web-Entwickler, der virales Marketing im Social Media-Bereich untersucht. "Das Ausmaß und die Breite der Daten, die sich daraus extrahieren lassen, gab es bei herkömmlichen viralen Maßnahmen oder Mundpropaganda noch nie." Er selbst habe inzwischen eine Datenbank von mehr als 30 Millionen Retweets zusammengestellt.
"Ich denke, ein Knopf und eine von der Firma unterstützte Struktur für Retweets ist definitiv eine gute Idee. Mit der geplanten Implementierung hadere ich aber", sagt Zarella. Er schlägt ein Format vor, wie es das Third-Party-Twitter-Werkzeug TweetDeck sowie andere externe Programme nutzen: Ein Druck auf den dortigen Retweet-Knopf kopiert den alten Link mit dem RT-Syntax automatisch, erlaubt dem Retweeter aber noch, den Text zu verändern oder zu kommentieren.
Durch die Herausnahme des Schlüsselbegriffs "RT @Nutzername" mache es Twitter zudem künftig vermutlich unmöglich für User, selbst nach Retweets zu suchen, kritisiert Zarella. "Die Firma will einschränken, wie stark man die Daten analysieren kann." Der Twitter-Experte spekuliert, dass der neue Retweet-Knopf vielleicht nur deshalb eingeführt werde, um später neue Premiumfunktionen anzubieten, mit denen dann etwa Firmen ein tiefes Retweet-Tracking erhalten.
Neben der Anzeige des Bildes des Original-Posters wird der Retweet-Button auch noch die neuesten 20 Retweets eines Postings anzeigen. "Wenn sie die Brotkrümel von allen darstellen, die retweetet haben, wäre das gut", meint Steve Garfield, New Media-Berater für einige große Firmen und selbst fleißiger Videoblogger. "Ich gebe meinen Retweets aber auch gerne etwas mehr mit, in dem ich einen Kommentar hinzufüge – ich sage den Leuten, warum ich etwas mag."
Ergo: Fehlt der neuen Funktion die Kommentarmöglichkeit, dürften die Nutzer selbst nach Wegen suchen, die alte Funktionalität wieder herzustellen, glaubt der Berater. "Die Leute werden Twitter weiterhin so für sich verwenden, wie es ihnen passt", meint auch Forscherin Herring. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass diejenigen, die leidenschaftliche Retweeter sind, damit jetzt aufhören." (bsc)