Die Woche: Bremse fĂĽr Oracle und Sun

Die EU-Kommission sorgt sich um den Wettbewerb auf dem Datenbankmarkt, wenn Oracle nach der Übernahme von Sun sowohl die führende proprietäre als auch die führende Open-Source-Datenbank besitzt. Dabei unterschätzt sie jedoch die Dynamik von Open Source.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 4 Min.

Es sah alles schon so gut aus für die Übernahme von Sun durch Oracle: Im Juli gaben die Sun-Aktionäre grünes Licht, im August genehmigte die US-Kartellbehörde die Übernahme. Und jetzt das: Die Europäische Kommission meldet wettbewerbsrechtliche Bedenken an und will bis zum 19. Januar genau prüfen, "ob durch diesen Zusammenschluss der wirksame Wettbewerb im Europäischen Wirtschaftsraum erheblich beeinträchtigt wird". Dieses Jahr, so viel ist damit schon klar, wird es wohl nichts mehr werden mit dem Abschluss der Übernahme.

Die Bedenken konzentrieren dabei sich auf MySQL. In der ersten Augusthälfte hatte die EU-Kommission eine Umfrage unter MySQL-Anwendern durchgeführt. Deren Ergebnisse habe ich bislang nirgends veröffentlicht gefunden, aber wahrscheinlich haben sie zu den wettbewerbsrechtlichen Bedenken beigetragen.

Zwei Argumente gegen die Übernahme führt die Kommission an: Zum einen, erklärte Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes, "stellen Systeme, die auf Open-Source-Software basieren, zunehmend eine wirtschaftliche Alternative zu proprietärer Software dar". Die Kommission müsse gewährleisten, dass solche Alternativen vorhanden bleiben. "Wenn das weltweit führende Unternehmen im Bereich proprietäre Datenbanken das weltweit führende Unternehmen im Bereich Open-Source-Datenbanken zu übernehmen gedenkt, muss die Kommission die Auswirkungen auf den Wettbewerb in Europa äußerst sorgfältig prüfen", so Kroes. Insbesondere müsse sie sicherstellen, dass die Kunden nach der Übernahme nicht mit einem geringeren Angebot oder höheren Preisen konfrontiert würden.

Hier kommt ein zweites Argument ins Spiel: Nach Ansicht der EU-Kommission stehen "die Oracle-Datenbanken und die MySQL-Datenbank von Sun in vielen Sektoren des Datenbankmarktes in direktem Wettbewerb miteinander". Dabei könne "auch der Open-Source-Charakter der MySQL-Datenbank von Sun die möglichen wettbewerbswidrigen Auswirkungen nicht völlig beheben".

Das erste Argument – will man die führende proprietäre Datenbank und die führende Open-Source-Datenbank wirklich in einer Hand sehen? – ist sicher richtig. Nach der Übernahme würde Oracle mit seinen Produkten den größten Teil des Datenbankmarkts abdecken. Inwieweit das tatsächlich den Wettbewerb auf dem Datenbankmarkt einschränkt, ist allerdings eine andere Frage.

Über das zweite Argument hingegen kann man streiten – dass MySQL direkt mit der Oracle-Datenbank konkurriert, dürfte eher Wunschdenken des MySQL- und Sun-Marketings sein. Zwar sprach sprach Sun-Chef Jonathan Schwartz schon bei der Übernahme von MySQL AB Anfang 2008 davon, die freie Datenbank über ihr angestammtes Segment der Webanwendungen hinaus auch für unternehmenskritische Applikationen qualifizieren zu wollen. Ich bin aber skeptisch, ob es allzu viele Szenarien gibt, in denen Anwender ernsthaft zwischen MySQL und Oracle schwanken – auch wenn MySQL-Varianten wie die MySQL Cluster Carrier Grade Edition durchaus auf ein anderes Einsatzfeld zielen als klassische LAMP-Systeme.

Und auch die Dynamik der Open-Source-Gemeinde scheint mir die EU-Kommission zu unterschätzen. Derzeit wird an mindestens zwei MySQL-Forks intensiv gearbeitet: Drizzle, gestartet von MySQL-Entwicklern im Sommer letzten Jahres als indirekte Folge der Übernahme von MySQL AB durch Sun, wird als Open-Source-Projekt unter Beteiligung unter anderem von Canonical, Google und einigen anderen Firmen weiterentwickelt. Drizzle konzentriert sich auf alte MySQL-Tugenden und soll eine schlanke Open-Source-Datenbank vor allem für Webanwendungen werden – ein einsatzfähiges Release soll Ende des Jahres fertig sein.

MariaDB ist das neue Projekt von MySQL-Miterfinder Monty Widenius, der nach seinem Weggang von Sun mit seiner neuen Firma Monty Program AB im Rahmen der im Frühjahr gegründeten Open Database Alliance an einem MySQL-kompatiblen Fork arbeitet. Eine erste Version soll in den nächsten Wochen erscheinen.

Anwender, die einfach eine freie Datenbank für ihre Webanwendungen suchen – und das sind die allermeisten MySQL-User –, finden also durchaus Alternativen zu MySQL. Und da die aktuelle Version 5.4 der Datenbank unter der GPL steht, kann niemand das Entstehen weiterer Forks verhindern. Sollte Oracle zukünftige MySQL-Versionen nicht mehr als Open Source freigeben, die Entwicklung der Datenbank in eine Richtung treiben, die an den Bedürfnissen der MySQL-Anwender vorbeigeht, oder MySQL gar komplett einstampfen, können die User jederzeit selbst die Pflege und Weiterentwicklung von MySQL übernehmen. Das nötige Know-how dürfte es in der MySQL-Community geben – und mit MariaDB und Drizzle gibt es bereits zwei aktive MySQL-Alternativen. (odi) (odi)