City-FCD: Der Kampf gegen den Verkehrskollaps

Mit Floating Car Data soll auch in Ballungszentren und Innenstädten der Verkehr durch Datensammlung und elektronische Steuerung flüssiger werden.

vorlesen Druckansicht 112 Kommentare lesen
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Hartwig von SaĂź
  • dpa

Otto Hauser von der Firma M-Tech aus dem schwäbischen Denkendorf hat ehrgeizige Pläne: "Wir wollen das Chaos ordnen", sagt er knapp. Zusammen mit der Software-Tochter des Volkswagen-Konzerns gedas hat seine Firma dem Verkehrskollaps in deutschen Innenstädten den Kampf angesagt. "Wenn es auf den Autobahnen einen Stau gibt, ist der schnell gemeldet. Die meisten Verkehrsprobleme aber gibt es in den Ballungszentren." Kaum eine Stadt in Deutschland hat diese Probleme im Griff. Zwar sind unzählige Knotenpunkte mit Videokameras auf den Ampeln und Induktionsschleifen in den Fahrbahnen ausgestattet. Was aber zwischen diesen einzelnen Messpunkten passiert, berücksichtigt kein Verkehrsrechner. City-FCD (Floating Car Data), das beide Unternehmen auf der Computermesse CeBIT präsentieren, soll helfen.

Gedas und M-Tech wollen den Stau anders als bisher umgehen. Sie wollen die Autofahrer nicht mehr per dynamischem Navigationssystem auf eine Umleitungsstrecke auf Nebenstraßen umleiten. "Wir wollen den Verkehr flüssiger machen", meint Ralf Willenbrock von gedas. Dazu installieren die gedas-Techniker etwa in Taxen oder Linienbussen kleine Sensoren, die die Geschwindigkeit registrieren. Zusammen mit den Daten des GPS-Systems zur Position des Autos werden die Informationen per SMS -- wenn nötig im Sekundentakt -- an den gedas-Zentralrechner geschickt. Später soll das über den preiswerteren digitalen Datenfunk laufen.

M-Tech wertet diese Daten aus und speist sie in die Verkehrsrechner der jeweiligen Stadt ein. Melden also mehrere Auto-Sensoren auf einer Hauptausfallstraße einen Stau, schaltet der Rechner die Ampeln auf grüne Welle und schon kann sich der Stau auflösen. Um die Daten aus einem Stau und seiner Auflösung handhabbar zu machen, musste allerdings das Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik zunächst komplexe Algorithmen entwickeln -- das mathematische Gehirn der Verkehrsrechnung sozusagen.

Bislang ist City-FCD noch Zukunftsmusik, auch wenn beispielsweise BMW das Prinzip der kontinuierlichen Datenübermittlung durch das Fahrzeug bereits seit längerem untersucht. Einen ersten Testlauf mit City-FCD gab es bereits in Frankfurt, sagt Willenbrock. Allerdings ließ die Stadt bei "wayflow" nicht zu, dass die Informationen, die die rund 100 Testautos an gedas sendeten, auch die Verkehrsregelung beeinflussten. Nur am Sonntag ließen die Frankfurter vorübergehend in ihren Verkehr eingreifen. Im Mai soll ein weiterer Versuch in Hannover starten, das "ohnehin schon europaweit die beste Verkehrsregelung hat", meint Hauser. Dort sollen die Linienbusse der üstra mit Sensoren ausgestattet werden und über die wichtigsten Routen der niedersächsischen Landeshauptstadt Echtzeit-Daten liefern. Auch in der griechischen Hauptstadt Athen soll die Technik bis zur Olympiade 2004 installiert sein. Die EU fördert diesen Pilotversuch mit vier Millionen Euro. Hier sollen die Daten von Schulbussen "gesammelt werden" und im erwarteten olympischen Verkehrschaos helfen.

Hinter der bislang einzigartigen Verkehrstechnik steht nicht nur der Kampf gegen den Stau, es geht auch um bares Geld -- etwa für große Speditionen. "Wenn ein Wagen etwa 40 Prozent der Strecke steht, steigt der Spritverbrauch bis auf den dreifachen Wert an. Und es geht auch um die Zeit. Bei einer Flotte von 100 Fahrzeugen, die täglich eine Stunde in einem innerstädtischen Stau stehen, gehen 100 Stunden Produktivität verloren", meint Willenbrock. Die City-FCD-Daten sollen zudem eine exakte Reisezeitplanung ermöglichen, die dann im Internet abgerufen werden kann.

Für Hauser liegt auf der Hand, warum die bundesweit extrem klammen Kommunen Geld für ein solches Projekt ausgeben sollten. "Innerorts gibt es einen extremen Handlungsbedarf bei der Abbildung von Staus." Wenn Kommunen in ihre Verkehrstechnik investieren, könnten sie auch den konventionellen Weg gehen und weiter Videokameras installieren. Allerdings: "Eine Anlage allein kostet rund 15.000 Euro. Und sie kann nur einen kleinen Bildausschnitt wiedergeben. Was unmittelbar vorher oder direkt danach passiert, weiß dann noch immer niemand." (Hartwig von Saß, dpa) / (jk)