Konspirative Bildung

So problematisch sie für die Menschheit auch sein mögen: Manchmal kann man bei Verschwörungstheorien sogar etwas lernen.

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Von
  • Peter Glaser

Die vor kurzem veröffentlichte Studie des französischen Marktforschungsinstituts TNS Sofres zu dem seit acht Jahren laufenden Großversuch "Ein Schüler, ein Laptop" hat einigermaßen niederschmetternde Ergebnisse erbracht. Das Departement Landes hatte 2001 für die Ausstattung der Eleven mit Rechnern und Lernsoftware 45 Millionen Euro aufgewendet. Nun zeigte sich, dass die Schüler ihren Schulcomputer zu 80 bis 90 Prozent für Spielereien nutzen, statt damit zu lernen.

"Die Ergebnisse", so Pierre-Louis Ghavam, der im Departement für neue Technologien zuständig ist, "sind vor allem darauf zurückzuführen, dass sich kein Lehrer für die Ausbildung zur Informationsbeschaffung und die Analyse der Quellen verantwortlich fühlt".

Dass auch in Deutschland für Grundbildung im Umgang mit der digitalen Welt mehr getan werden muss, wurde bereits im Jahr 2000 durch die internationalen Studien TIMSS und PISA deutlich. Und die Studie PISA 2006 zeigte, dass neue Medien in der Schule vergleichsweise wenig genutzt werden. Auch in der Freizeit beschränkt sich bei überdurchschnittlich vielen 15-Jährigen die Nutzung von Computer und Internet auf E-Mail, Spiele und Musikkonsum. "Es besteht also weiterhin bildungspolitischer Handlungsbedarf", heißt es trocken bei dem vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie geförderten Verein "Schulen ans Netz e.V.".

Lehrer und große Teile des Bildungssystems sind offenbar damit überfordert, den nachwachsenden Nutzergenerationen ein brauchbares Grundverständnis für den Umgang mit Informationen, mit Wissen, mit Nachrichten zu vermitteln: ein Bedürfnis für Neuigkeiten zu entwickeln, herausfinden zu können, ob eine Information richtig ist oder Quatsch, Unterhaltung, Wow-Effekt. Zum Glück kann man das zum Teil auch ohne Lehrer, sozusagen auf der Straße lernen. Eine der wirkungsvollsten Methoden dabei ist das Verschwörungstheoretisieren.

Die gängigen Verschwörungstheorien sind unterhaltsam, fühlen sich subversiv an und verhelfen einem zu Grundübungen im Misstrauischsein. Man muss nicht gleich paranoid werden, um mit Hilfe von Verschwörungstheorien einige journalistische Tugenden nahegebracht zu bekommen, zum Beispiel, dass man nicht alles glauben soll, was einem jemand erzählt. Dass eine gewisse Skepsis eine gute Sache ist. Oder dass sich auch Verschwörungstheorien lästige Fragen und Fakten gefallen lassen müssen.

In einer Zeit, in der das so genannte Wissen der Welt auch gern dazu benutzt wird, seine Freunde mit unglaublichen Geschichten zu verblüffen, ist die lakonische Grundhaltung, die sich aus gepflegtem Verschwörungstheoretisieren ergibt, von pädagogischer Wichtigkeit. Jemand, der in (etwas gelockerter) journalistischer Tradition eine gewisse Standard-Skepsis mit sich führt, wird den Gefahren von Demagogie, esoterischem Geraune oder einfach den unbewerteten Informationsschwällen, die aus dem Google-Suchschlitz über das Bildschirmweiß triefen, besser gerüstet entgegentreten können als der unverschworene User.

Natürlich gibt es auch bei dieser Form des Informationszugangs mögliche Fehlentwicklungen, seien es eingebildete jüdische Weltverschwörungen oder das schlichte Bedürfnis, mit vermeintlichem Sonderwissen zu protzen. Der ordentlich misstrauensgebildete, am Konspirativen selbstgeschulte Mensch wird auch hier zu unterscheiden wissen zwischen nützlicher Verschwörung, Konspirationsvergnügen und den verschiedenen Formen von Hirnlosigkeit.

Eine eigene Antwort auf lästige Zweifler fand der ehemalige Astronaut Buzz Aldrin, der zweite Mann auf dem Mond. Als ihn wieder einmal ein Hardcore-Verschwörungstheoretiker bedrängte und aufforderte, auf die Bibel zu schwören, dass er tatsächlich auf dem Mond gewesen sei, schlug Aldrin ihn mit einem Kinnhaken nieder. (wst)