Agenten in der Metakrise

Claus Leggewie und Harald Welzer setzen in ihrem neuen Buch gegen technokratische Masterpläne zur Rettung der Welt die "APO 2.0". Eine echte Bereicherung.

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Von
  • Niels Boeing

In den Fußgängerzonen wird geshoppt wie eh und je, die Wirtschaftsauguren wittern gar einen Miniaufschwung, die Bürger lassen funktionstüchtige Autos abwracken, weil ihnen der Staat Geld zum Neuwagen dazutut, und Hitzewellen sind in diesem lauen Sommer auch ausgeblieben. Wie eine historische Krise fühlt sich das nicht an. Und weiter geht's.

Von wegen, sagen der Politikwissenschaftler Claus Leggewie und der Sozialpsychologe Harald Welzer, die beide am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen forschen. In ihrem heute erscheinenden Buch Das Ende der Welt, wie wir sie kannten (der Titel ist einem R.E.M.-Song entlehnt) vermessen sie noch einmal die "Metakrise" aus Umwelt-, Finanz- und Klimakrise und schicken gleich vorweg: "...die große Transformation, die ansteht, gleicht in ihrer Tiefe und Breite historischen Achsenzeiten wie den Übergängen in die Agrargesellschaft und in die Industriegesellschaft."

Nun ist dergleichen schon öfter geschrieben worden, und die Krisenfakten, die sie zusammenstellen, sind im Wesentlichen bekannt. Eine Bereicherung für die Debatte ist das Buch aber aus zwei Gründen.

Der eine ist, wie sie das komplexe Faktenknäuel entwirren: auf den Punkt und ohne den moralisierenden Duktus vieler Klima-Apokalyptiker oder globalisierungskritischen Schaum vorm Mund, sondern mit einer leichten Lakonie, die dringend gebraucht wird. In den Worten Antonio Gramscis, den sie an einer Stelle zitieren, könnte man sagen: mit "Pessimismus im Verstand, Optimismus im Willen". Großartige Losung.

Der andere Grund ist ihre These: Wenn wir die Metakrise meistern wollen, brauchen wir mehr Demokratie. Das ist umso bemerkenswerter, als viele Vorschläge, was wir tun müssen, allmählich einen autoritären Ton annehmen. Als technokratische Masterpläne daherkommen, die die Schmutz und Bedrohungen ausspuckende Gesellschaftsmaschine neu justieren wollen. Natürlich ohne ihre Konstruktion zu ändern. Darin, argumentieren Leggewie und Welzer, gleichen wir den grönländischen Wikingern, die am Ende des Mittelalters verhungerten, weil sie partout keinen Fisch aßen. Dabei war der das einzige, was reichlich vorhanden war.

Reichlich vorhanden ist in den Industriegesellschaften (und nicht nur dort) die Bereitschaft, zu handeln und die große Transformation mitzugestalten. Aber die läuft mehr und mehr ins Leere, weil sich die westliche Demokratie zur formalen Demokratie entwickelt, in denen die Wahlen wenig bewirken, weil die relevanten Entscheidungen auf anderen Wegen getroffen werden. "In der Metakrise müssen ... nicht nur die politischen Technologien, sondern vor allem die Bürgergesellschaft modernisiert werden", schreiben Leggewie und Welzer.

Die Lösungen, wie mit dem Klimawandel und mit den Ressourcen umgegangen werden soll, können nur in konkreten "Klimawelten" von den Betroffenen entwickelt werden, nicht in Davos oder Kopenhagen. Werden die Lösungen von einer "grün aufgeklärten Monarchie" angeordnet, werden sie scheitern.

Die Bürger sind also die change agents, die Akteure der Veränderung. Für den zunehmend paranoiden Staat, der im Klimawandel neue Sicherheitsrisiken entdeckt, gleichen sie freilich eher Agenten, weil sie der Logik des Systems widersprechen. Die Stromrebellen von Schönau sind solche Agenten, aber auch die kritischen Verbraucher, die die sozialen und ökologischen Kosten industrieller Massenware hinterfragen.

In dieser "Renaissance des Politischen" kommt für Leggewie und Welzer dem Internet als Plattform eine wichtige Rolle zu. Zwar fördert das Web 2.0 eine "Zerstreuung des Publikums", aber es ermöglicht eben auch einen neuen Sinn für Gemeinschaften, neue Formen der politischen Teilhabe und eine wachsende Transparenz von Wirtschaft und Politik. Damit sind Leggewie und Welzer ihren Altersgenossen in den Parlamenten, die das Internet immer noch nicht verstehen, Lichtjahre voraus.

Aus all diesen Möglichkeiten könnte sich etwas formen, dass sie "APO 2.0" nennen: "keine Organisation, sondern eine Haltung", die sich von der Original-APO deutlich unterscheidet. Für mich ist es dieselbe Haltung, die der Piratenpartei gerade Auftrieb gibt. In den nächsten Jahren ist womöglich mehr change drin, als wir in unserer antrainierten Abgebrühtheit glauben. (wst)