Her mit der Hypernanny

Eine Technologie, die das ganze Leben aufzeichnet, soll selbiges total verändern.

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Von
  • Peter Glaser

Er hält es für die "Armbanduhr des 21. Jahrhunderts": TechCrunch-Blogger Michael Arrington ist davon überzeugt, dass ein kompaktes Aufzeichnungsgerät große Veränderungen nach sich ziehen wird. "Stell dir ein kleines Kästchen vor, das du an einer Halskette trägst und das alle paar Sekunden ein Foto deiner Umgebung schießt und den ganzen Tag lang alles aufnimmt, was rund um dich herum zu hören ist." Es habe GPS und könne die aufgezeichneten Daten drahtlos in die Cloud hochladen, wo sie mit Timestamps und Geokoordinaten verknüpft und die Soundfiles transkribiert und indiziert würden. "Menschen auf Fotos werden automatisch identifiziert und mit Tags markiert. Man muss sich vorstellen, dass bald ein ganzes Leben aufgezeichnet und durchsuchbar gemacht werden kann."

"Und das ganze", kommentiert man drĂĽben beim Perlentaucher sarkastisch, "wird wahrscheinlich vom Innenminister anstelle des Personalausweises ausgegeben".

Arrington sieht die Selbstüberwachungstechnik in kurzer Zeit schon "so verbreitet wie Armbanduhren" (wobei ihm vielleicht noch nicht aufgefallen ist, dass immer weniger Menschen eine Armbanduhr tragen, weil sie die Uhrzeit von ihrem Handy ablesen). Er würde sich sowas sofort umhängen. Privatsphäre? Was die Leute heute – als genüssliches soziales Experiment – auf Facebook und Twitter von sich vor allen anderen ausbreiten, wäre vor zehn Jahren ein Datenschutz-Alptraum gewesen. Wie hätte eine Familie gar in den siebziger Jahren reagiert, wenn ihre Fotoalben pötzlich auf Computern verfügbar und für die ganze Welt zu sehen gewesen wären? Sie wäre fassungslos gewesen.

"Die Hardware ist nicht das Problem, sondern die Frage, wie man die anfallenden Datenmengen online transkribiert, indiziert und sichert", umreißt Arrington das Projekt "Life Recorder" – und dann kommt's: "Nur einige wenige Firmen (Microsoft, Google, Amazon) sind in der Lage, mit solchen Datenmengen umzugehen."

Ich kenne da noch andere, Handelsunternehmen wie Wal-Mart beispielsweise, deren Computerpower und Data Mining-Werkzeuge man nicht unterschätzen darf. Nicht zu vergessen sind außerdem unsere alten Freunde von der NSA. Die Vorstellung, dass eine lückenlose Aufzeichnung "meines Lebens" von Google verwaltet wird, ist aber eher niedlich als erschreckend. Sie macht deutlich, dass jemand wie Michael Arrington sich nach einer Hypernanny sehnt, die ihn algorithmisch pampert und mit Komfort versorgt.

Dass "mein Leben" in diesem Zusammenhang in Anführunsgzeichen steht, hat damit zu tun, dass mein Leben mit dem, was sich von meinen Aktivitäten aufzeichnen lässt, nur peripher etwas zu tun hat. Mein Denken und meine Empfindungen, das, was wir "Ich" nennen und was als ein rätselhaftes Kontinuum über den ständigen Augenblick der Gegenwart hinwegfließt – alles das kann nur aufgezeichnet werden, wenn ich bereit bin, mich auszudrücken und auch dann nur in fragmentierter und reduzierter Form. Was sich aufzeichnen lässt, sind Versteinerungen des Lebens, aber nicht das Leben selbst.

Ganz unabhängig von der Frage, wie viel sich tatsächlich technisch aufzeichnen lässt von dem, was wir Persönlichkeit, Individualität oder Bewusstsein nennen, wird der Life Recording-Ansatz an Informationsüberdruss scheitern. 24-Stunden-Aufzeichnungen von 365 Tagen im Jahr sind weder nützlich noch eine Freude. Die totale Erinnerung (die das natürlich gar nicht ist) ist eine Last, und das nicht nur, weil sie ignoriert, dass auch Erinnerung lebt und nicht aus den immergleichen, mumifizierten Records besteht.

Wir erinnern uns nicht an alles, sondern an bestimmte Dinge, interessante, schöne, wissenswerte, tragische, dramatische. Wozu soll ich mir nochmal 50 Minuten Illustriertenumblättergeräusche aus einem Arztwartezimmer anhören oder mir meinen Ausweichaktivismus auf der Flucht vor dringener Arbeit nochmal ansehen? So etwas will mich doch nur daran hindern, mich zu ändern. In technischer Form ist Erinnerung nichts als Gerät gewordener Konservativismus: so war es immer, so bleibt es.

An der Idee des Life Recording wird schon länger herumgebastelt. Sie entstammt ursprünglich militärischen Überlegungen. Soldaten auf Patrouille oder im Gefecht, so die Vision, sollen mit massiver Aufzeichnungskapazität ausgestattet werden, um die Kommandeure mit jeder nur erdenklichen Information zu versorgen, um eventuell Übersehenes zutage zu fördern oder detsillierte Manöverkritik zu ermöglichen.

Auch Marketingleute träumen von der totalen Aufzeichnung. Für Microsoft Research etwa arbeitet Gordon Bell an einem solchen Projekt, das er "Life Caching" nennt. Er selbst digitalisiert alles, was er besitzt, aufschreibt, fotografiert, hört und präsentiert. Das System nimmt seine Telefongespräche auf, was er im Radio und sonst an Musik hört und im Fernsehen sieht. Ein Logger zeichnet jeden Tastendruck, jede Mausbewegung, jedes verschobene Fenster auf seinem Rechner auf. Die Speicheranforderungen sind erstaunlich moderat, 300.000 Datensätze nehmen etwa 150 Gigabyte Speicherplatz in Anspruch. Etwa 60 Gigabyte nehmen die Videodaten ein, 25 Gigabyte die Fotos, 18 Gigabyte Musik- und Audiodaten. Den Rest teilen sich etwa 100.000 Webseiten, E-Mails, 15.000 Textdateien, 2.000 Powerpoint-Files und ein bisschen Vermischtes.

Für ein Unternehmen ist vor allem die Marketing-Potenz eines solchen Lebensspeichers von Interesse – so würde kein Produkt mehr vergessen, das man jemals gekauft hat. Für Marktforscher ist die Schatzkiste, in der sich die Objekte unserer persönlichen Aufmerksamkeit befinden, von größtem Interesse. Diesen Fundus vollumfänglich anzapfen zu können, ist für die einen eine wundervolle Vorstellung, für die anderen ein Horror.

Angesichts solcher Entwicklungen, die letztlich in einen Terabyte-Totalitarismus führen würde, wird auch wieder deutlich, dass das Vergessen kein Mangel ist. Es ist keine Fehlerhaftigkeit, sondern etwas, das unser Menschsein bestimmt. Es entlastet uns von unnötigem Erinnerungsballast, erleichtert Veränderung und Entwicklung. Wir brauchen keinen Life Recorder, Michael. Was wir brauchen, sind noch viel bessere und raffiniertere Formen des Vergessens als die, die wir bereits beherrschen – um uns in dem wunderbaren Übermaß an Information, Wissen und aller nichtgoogelbaren Dinge auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Versuchsweise jedenfalls. (wst)