Makabre Geschäfte der IT-Branche durch SARS

Einkaufsmalls und Restaurants in Hongkong sind leer, dafür füllen sich Chaträume und Datenhighways -- Telekommunikations- und Internetprovider gehören so zu den unfreiwilligen Gewinnern des Ausbruchs des Severe Acute Respiratory Syndroms.

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Von
  • Monika Ermert

Einkaufsmalls und Restaurants in Hongkong sind leer, dafür füllen sich Chaträume und Datenhighways -- Telekommunikations- und Internetprovider gehören so zu den unfreiwilligen Gewinnern des Ausbruchs des Severe Acute Respiratory Syndroms (SARS). In einem Interview mit der South China Morning Post sagte York Mok, Vizedirektor des Providers HKNet, dass sein Unternehmen eine massive gestiegene Nachfrage registriert. "Schüler und Studenten bleiben zu Hause und Eltern rüsten von Dialup- auf breitbandige Anschlüsse auf. Die Zahl der Neukunden liegt um 50 Prozent höher als erwartet."

Allerdings belaste der gestiegene Verkehr in den Netzen die Provider gleichzeitig. Für den eigenen Betrieb wird in zwei Schichten abwechselnd von zu Hause und im Büro gearbeitet. Im schlimmsten Fall werde man mit der Mannschaft auf eine kleinere Außenstelle in Tsuen Wan ausweichen, um auf jeden Fall einen Minimalbetrieb aufrecht zu erhalten. HKNet, das seit dem vergangenem Jahr zum japanischen Telekommunikationsriesen NTT gehört, hat auf die Nachfrage durch spezielle Schülerzugänge reagiert, für 38 Hongkong-Dollar bietet man ein Easy Study-Home-Paket. Laut York Mok ist man auch mit 20 Schulen im Gespräch, die unter anderem Videokonferenzsysteme für die "Heim"-Schüler anschaffen wollen.

Auch Firmen werden nach Einschätzung der Branche verstärkt auf Audio- und Videokonferenzen zurückgreifen, solange Reisen in die Region vermieden werden. Verschiedene Anbieter berichten auch hier bereits von einer gestiegenen Nachfrage. Rund 35 Prozent Zunahme von Audiokonferenzen seit dem Ausbruch der Krankheit meldete zum Beispiel Wharf T&T, nach eigenen Aussagen der zweitgrößte Audiokonferenzanbieter in Hongkong. Vor allem im Geschäftsverkehr mit dem Festland sind die Telekonferenzmöglichkeiten gefragt.

Richtig makaber wirken dagegen einige Werbeeinfälle, mit der sich IT- oder Telekom-Unternehmen neue Geschäfte durch SARS erschließen wollen. So etwa das neueste Krisenangebot des kleinen Mobilbetreiber Sunday Communications. Neben der Werbung "Das Leben ist anders mit Sunday, weil es spaßig ist" auf der Unternehmens-Webseite offeriert das Unternehmen ortsabhängige SARS-Warnmeldungen. Statt über das nächstgelegene Restaurant wird man per Handy informiert, ob man sich in der Nähe von Gebäuden befindet, in denen SARS-Infizierte ein- und ausgegangen sind. Die Daten werden von einer offiziellen Liste der Regierung übernommen, in der aktuell rund 120 Örtlichkeiten verzeichnet sind. Auch einige Zeitungen bieten dazu entsprechend aktualisierte Karten, per Location Based Service können sich die Hongkonger allerdings jederzeit unterwegs "absichern".

Doch für andere Branchen sieht es düster aus. Im Gegensatz zu den TK-Unternehmen müssen PC-Hersteller mit einbrechenden Verkaufszahlen rechnen, warnen Analysten der International Data Corporation (IDC). Während Unternehmensvertreter sich bemühen, diesbezügliche Befürchtungen auszuräumen, äußerte ein IDC-Vertreter gegenüber der South China Morning Post, dass Händler von rückläufigen Verkaufszahlen sprechen. Insgesamt befürchten Beobachter negative Effekte durch das gebremste Wirtschaftsleben. Die Konsequenzen auf den globalen Markt seien bislang schwer absehbar.

Derweil gibt es wie so oft bei vergleichbaren Fällen unsägliche Trittbrettfahrer: Die ersten Virenprogramierer wollen offensichtlich ihr übles Spiel mit der Angst der Menschen vor SARS spielen. Hersteller von Antivirensoftware warnen jedenfalls bereits vor dem ersten Wurm, der angeblich Informationen über die Krankheit im Attachment mitbringt. Der beispielsweise W32/Coronex-A, W32/Coronex.worm oder auch W32/Coronex@mm genannte Schädling, der bislang glücklicherweise wenig Verbreitung fand, ist eine Wurm-Variante, wie sie schon viele unterwegs sind: Mit eigenem SMTP-Server sorgt er für Weiterverbreitung und befällt Windows-Systeme. (Monika Ermert) / (jk)