Stadt, Land, Strom

Die wahre Provinz in Energie- und Klimapolitik sind die Städte. Sie können noch viel lernen, wie die "100%EE"-Karte der deutschen Erneuerbare-Energie-Regionen oder die "Urban EcoMap" von San Francisco zeigen.

vorlesen Druckansicht 5 Kommentare lesen
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Niels Boeing

Den "Wahlkampf", der in ein paar Tagen endet, betrachten wohl einige von uns mit Sarkasmus – auch angesichts der wieder aufgeflammten Debatte über die Bedeutung der Atomenergie. Da kann einen schon die Frage beschleichen, ob wir wirklich 2009 haben. Geht es nicht darum, jetzt die Weichen für ein nachhaltigeres Wirtschaftssystem, für mehr Erneuerbare Energien in der Bundesrepublik zu stellen? "Think big" möchte man den Politikern zurufen.

Aber ich komme immer mehr zu der Überzeugung, dass die großen Erwartungen, die wir an die Bundespolitik stellen, selbst veraltet sind. Die Veränderung hat längst angefangen – nur wir Städter bekommen davon noch nichts mit.

Die Uni Kassel und die Gesellschaft zur Förderung dezentraler Energietechnologien deENet haben vor kurzem eine Karte mit 82 Regionen oder Kommunen vorgestellt, die sich zum Ziel gesetzt haben, ihre Energieversorgung auf mindestens 80 Prozent Erneuerbare Energien umzustellen. Viele peilen sogar 100 Prozent an. Zusammengenommen betrifft das immerhin 5,7 Millionen Menschen, knapp sieben Prozent der Bevölkerung. Die Untersuchung ist Teil des vom Bundesumweltministerium angestoßenen Projekts "Entwicklungsperspektiven für nachhaltige 100%-Erneuerbare-Energie-Regionen in Deutschland".

Zwar sind viele Regionen oder Kommunen erst dabei, "100%EE"-Konzepte zu erstellen. Aber bemerkenswert ist, dass sie sich an diese Arbeit machen, hören wir doch immer wieder, dass hierzulande Erneuerbare Energien auf Jahrzehnte hinaus nur einen Teil der Versorgung leisten können, ja nicht einmal die Hälfte.

Es ist nicht verwunderlich, dass die großen städtischen Ballungsräume nicht zu den 100%EE-Regionen gehören. Denn natürlich können sie in ihrer Verdichtung und Industrialisierung nicht einfach auf einen Mix aus Bio-, Wind-, Solar- und Wasserenergie umstellen. Hinzu kommt, dass viele Städte in der neoliberalen Verirrung der vergangenen 15 Jahre ihre Versorgungsunternehmen verscherbelt haben und jetzt – wie etwa Hamburg mit dem neuen Versorgungsunternehmen Hamburg Energie – wieder von vorne anfangen müssen, das Thema Energie selbst in die Hand zu nehmen.

Als alter Anhänger von E. F. Schumacher fühle ich mich aber einmal mehr darin bestätigt, dass kleine, überschaubere Einheiten eher zu Veränderung fähig sind. In einer Gemeinde mit 5000 Einwohnern haben die eine gewisse Chance, sich ein Bild der Lage zu verschaffen.

Nun werden die Städte nicht verschwinden. Also muss irgendetwas passieren. Es wäre meines Erachtens schon ein wichtiger Schritt, wenn die großen Städte beginnen würden, ihr Energiesystem für die Bürger transparent zu machen (was für Hamburg definitiv nicht gilt).

Ein erster Schritt in diese Richtung ist die "Urban EcoMap", die die Stadt San Francisco zusammen mit Cisco eingerichtet hat (Amsterdam wird in Kürze mit einer eigenen EcoMap als zweite Stadt folgen, mit Hamburg verhandelt Cisco derzeit). Die schlüsselt in einer Online-Karte auf, wieviel CO2 verschiedene Stadtteile ausstoßen, wie sich die Emissionen auf die Sektoren Verkehr, Energie und Abfall verteilen und wie die Stadtteile im Vergleich zum Durchschnitt sowie zum Emissionsziel der Stadt liegen. Das reicht aber noch nicht (zumal die Datenlage nur auf statistischen Schätzungen beruht).

Solch eine Karte müsste etwa um Daten zu Strom- und Wärmeverbrauch, Energiekosten, Gebäudedämmungen oder auch Solarenergie-Installionen im Stadtgebiet erweitert werden. Dann hätten die Bürger bessere Voraussetzungen, sich in eine lokale energiepolitische Diskussion zu einzumischen. Und die Ausrede, dass "die da oben" oder "die Politiker in Berlin" nichts tun, würde wirklich nicht mehr gelten.

Nachhaltigkeit, Energieversorgung, Klimaschutz, das sind zwar globale Fragen. Aber die praktischen Antworten können – abgesehen von internationalen Rahmenbedingungen – nur lokal gegeben werden. Die wahre Provinz sind heute die Städte. Sie müssen noch viel lernen. (wst)