Der totale Überblick
Auf der renommierten DEMO-Konferenz in San Diego wurden in diesem Jahr unter anderem Web-Dienste vorgestellt, die Privatpersonen und Kleinunternehmen die beinah lückenlose Kontrolle in Text, Bild und Ton erlauben.
- Steffan Heuer
Auf der renommierten DEMO-Konferenz in San Diego wurden in diesem Jahr unter anderem Web-Dienste vorgestellt, die Privatpersonen und Kleinunternehmen die beinah lückenlose Kontrolle in Text, Bild und Ton erlauben.
Eine Anwendung, die jedes Handy-Telefonat und jede SMS aufzeichnet, archiviert und mit GPS-Koordinaten versieht. iPhone-Software, mit der man in Minutenschnelle die finanzielle und familiäre Situation sowie mögliche Vorstrafen seines Gegenübers nachschlagen kann. Ein Kartendienst, der Google Maps ins Innere von Einkaufszentren, Büroparks und Universitäten ausdehnt. Ein Web-Dienst zur Videoüberwachung, mit der sich jeder Hauseingang nachrüsten lässt. Das sind nur einige der Highlights der diesjährigen Technologiekonferenz DEMOfall, zu der sich rund 600 Gründer, Risikokapitalgeber, Technikexperten plus Fachpresse in San Diego trafen. Spionage in der Westentasche und zu Schleuderpreisen sowie die fortschreitende Verschmelzung von Fernsehen und Computer waren zwei der Themen, die sich durch viele Präsentationen der insgesamt 70 neuen Unternehmen zogen.
Was bis vor ein paar Jahren Nachrichtendiensten und großen Unternehmen mit ausreichendem Budget vorbehalten war, ist jetzt einfach und erschwinglich genug, um Normalverbraucher und Mittelständler zu kleinen Agenten zu machen, um Nachbarn, Bekannte und Geschäftspartner mit ein paar Klicks auszuspähen.
Die Auskunftei Intelius beispielsweise stellte eine Mobilanwendung namens DateCheck vor, die sie als Flirt-Kontrolle vermarktet. Anhand einer Telefonnummer, des Namens oder einer E-Mail-Adresse lassen sich kostenlos das Vorstrafenregister, die Grundbucheintragungen, das Alter und Geburtsdatum sowie die in einem Haushalt gemeldeten Personen nachschlagen. So stellt sich schnell heraus, ob der nette Mann an der Bar noch bei seinen Eltern wohnt, wie alt er ist, wie viel seine Wohnung wert ist und was er in letzter Zeit auf Facebook oder Twitter zu sagen hatte. Der detaillierte Einblick ins Vorstrafenregister mit Angaben zu Straftatbeständen und Urteilen kostet allerdings (natürlich) eine Gebühr.
Damit weitet Intelius seine Tätigkeit als Online-Auskunftei auf mobile Geräte aus, an denen neugierige Nutzer dann Spionage als Impulskauf betreiben können. Da die Angaben nur so gut sind wie die kommerziellen und öffentlichen Datenbanken, aus denen der Dienst seine Informationen saugt, stehen allerdings schnell falsche oder veraltete Angaben im Raum. Wie Sprecherin Melissa Korb einräumte, gibt es für DateCheck-Nutzer keine Möglichkeit, Falschangaben ebenso leicht zu korrigieren oder Einspruch zu erheben wie ein Unbekannter sie nachschlagen und weitertragen kann.
Die kalifornische Neugründung Rseven macht das Handy zum "Lifecaching"-Gerät, mit dem sich jedes Telefonat und jede Textnachricht aufzeichnen und analysieren lässt. Die Anwendung gibt es bislang für die Betriebssysteme Symbian und Windows Mobile, Versionen für Android und das iPhone sollen in ein paar Monaten folgen. Der Dienst schneidet jedes Gespräch inklusive der Nachrichten auf dem Anrufbeantworter mit, speichert alle SMS-Botschaften und Bilder, die mit dem Handy aufgenommen werden, und lädt sie in vom Nutzer wählbaren Intervallen auf eine Webseite hoch. Dort kann man die Korrespondenz nach Stichwörtern durchsuchen, seine alten Telefonate abhören sowie die Verbindungsübersicht zur Netzwerkanalyse benutzen, wie sie sonst Wissenschaftler und Nachrichtendienste betreiben.
Rsevens Mitgründer Azlan Shahabudin sieht keine Gefahr für den Datenschutz, selbst wenn nur ein Passwort neugierige Augen von intimsten Details zum Privatleben eines Handynutzers trennt und damit der Nutzung zahlreicher privater Daten bei Prozessen neue Türen geöffnet werden. "Wir kennen nicht einmal die Telefonnummer eines Nutzers, nur eine E-Mail-Adresse, und die kann ein fiktiver Name sein", verteidigt Shahabudin seinen Dienst, der anhand der Funkzellen selbst die genauen Koordinaten jedes Telefonats erfasst und so ein engmaschiges Bewegungsprofil erstellt. Ähnliche Netzwerkanalysen erlauben bereits Dienste wie Skydeck und Gist, aber Rseven plant, neben Fotos auch mobil aufgezeichnete Videos zu archivieren.
Geld verdienen will die Firma mit der langfristigen Archivierung des "Lifestreams" seiner Kunden. Daten aus dem vergangenen Monat lassen sich kostenlos nachschlagen, wer weiter zurück gehen will, muss zwei Dollar im Monat zahlen. Um sich gegen Vorwürfe des unerlaubten Mitschnitts von Telefonaten zu schützen, kündigt die Software alle 15 Sekunden mit einem Piepston an, dass ein Rekorder mitläuft. Für die Zukunft will Rseven den Export der Nutzerdaten ermöglichen, damit man sein Privatarchiv an anderer Stelle als auf den Firmenservern in Houston verwahren kann.
Die lückenlose Videoüberwachung zum Billigtarif verspricht der Dienst Viaas der Firma Third Iris. Ihre Internet-Kamera lässt sich per Ethernet-Kabel verbinden und loggt sich automatisch beim Server der Firma ein. Sie schneidet nur dann mit, wenn sich im Blickfeld etwas bewegt. Der "in der Wolke" gespeicherte Videofeed lässt sich live verfolgen, kommentieren, mit Tags versehen und mit wenigen Klicks auf YouTube veröffentlichen.
“Es gibt ohne Frage moralische Bedenken, wenn jeder Haushalt Videoüberwachung betreibt”, räumt Third Iris-CEO Steve Roskowski ein. “Aber der Nachfragedruck durch technischen Fortschritt ist so groß, dass sich dieser Trend nicht aufhalten lässt. Wenn jeder aufzeichnet, wird die Datenmenge so groß, dass es ohnehin kein Mensch auswerten kann." In den nächsten zehn Jahren, so der Unternehmer, werden vor allem Maschinen und Software die wachsende Videoflut auswerten. “Deswegen ist die Privatsphäre in Zukunft sogar noch besser geschützt”, behauptet der Unternehmer.
Seine ersten Kunden für die 249 Dollar teure Kamera plus 25 Dollar Monatsgebühr sind Technologieunternehmen und Arztpraxen. “Das sind Kunden, die unbedingt wissen müssen, was zu jeder Tages- und Nachtzeit in ihren Räumen vor sich geht.” Auch hier fallen zusätzliche Gebühren an, wenn ein Nutzer weiter als einen Monat zurück gehen will. Aber Viaas richtet sich an Kleinunternehmer und Privathaushalte, die ihr Grundstück oder Ferienhaus überwachen wollen. “Wenn sich ein paar Nachbarn zusammen tun”, sagt Roskowski, “können sie ihren Block so preiswert wie noch nie überwachen”. Als Feigenblatt für Datenschützer liegt jedem Viaas-Karton ein Aufkleber bei, der Passanten oder Besucher warnt, dass sie aufgenommen werden.
Feinkörnige Navigation und damit einher gehende Bewegungsanalyse erlaubt die Silicon Valley-Neugründung micello. Sie erstellt detaillierte Karten öffentlicher oder halböffentlicher Anlagen und Gebäude wie Einkaufszentren, Vergnügungsparks, Büroanlagen und Hochschulen. “Wir bringen Google Maps ins Gebäude”, so Gründer Ankit Agarwal. Sein Team will mit Immobiliengesellschaften und anderen Unternehmen zusammen arbeiten, um einen annotierten Lageplan anzufertigen, der sich nach Marken, Namen oder anderen Kriterien durchsuchen und begehen lässt.
Bis zum Jahresende, so Agarwal, will micello mehrere tausend Einkaufszentren, Konferenzzentren und den ein oder anderen großen Uni-Campus in den Vereinigten Staaten erfassen – und sich dabei von Einzelhändlern und anderen Partnern bezahlen lassen, wenn sie aufgrund der detaillierten Suchergebnisse Laufkundschaft zu ihnen schicken oder nach einer Suche gezielt bewerben. Der Dienst lässt sich über einen Reiter in Google Maps integrieren, so dass Nutzer vom Satellitenbild aufs Pixel genau in die einzelnen Bestandteile eines Gebäudes zoomen können. Das Problem, sich in einem Hochhaus zurecht zu finden, hat die Firma indes noch nicht gelöst.
Schnellen und preiswerten Zugriff auf die Umsatzdaten und vor allem die aktuelle Zahlungsmoral von rund zehn Millionen Kleinunternehmen und Mittelständlern bietet die Firma Cortera. CEO Jim Swift bezeichnet den neuen Dienst namens Credit Exchange einer seit langen Jahren bestehenden Webseite als "langweilig, aber extrem nützlich". Im Gegensatz zur etablierten Auskunftei Dun & Bradstreet, die mit rund 80 Prozent Marktanteil in den USA dominiert, verlangt Cortera nur zwischen 1,50 und drei Dollar pro Kreditreport und unterfüttert seine Angaben mit Nutzer-generierten Inhalten. Kunden können Außenstände und Zahlungsziele ihrer Geschäftspartner selber in die Datenbank einpflegen und so für alle anderen Gläubiger tagesaktuelle Informationen besteuern.
Preiswerten Zugriff auf erhebliche Rechenleistung und große Datenmengen offeriert die Firma 80legs aus Houston. Sie nutzt eine Flotte von 50.000 Rechnern weltweit, deren Eigentümer ihre Prozessoren häppchenweise vermieten, um maßgeschneiderte Webcrawler loszuschicken. Die dezentrale Architektur ähnelt dem SETI@Home-Projekt, das mit Hilfe von tausenden von Freiwilligen nach den Signalen außerirdischer Intelligenz sucht.
Nur mit einer Kreditkarte ausgerüstet, kann eine Privatperson bis zu zwei Milliarden Webseiten am Tag nach selbst gewählten Kriterien indexieren lassen – ein Unterfangen, das bislang nur den großen Suchmaschinen oder Konzernen mit massiven Rechenzentren vorbehalten war. Über ein Browser-Fenster können Nutzer ein Budget festlegen, das bei zwei Dollar pro einer Million Webseiten und rund 50 Cent für die CPU-Miete beginnt. Darüber hinaus, erklärte CEO Shion Deysarkar, wird 80legs Anwendungen zur Datenanalyse von Drittanbietern anbieten, die insbesondere für Marktforscher oder Patentanwälte interessant sein dürften.
DEMO ist auch für seine Hardware-Innovationen bekannt. So feierten auf der inzwischen 19 Jahre alten Veranstaltung der Roboter-Staubsauger Roomba, der Palm Pilot und der E-Reader von Plastic Logic ihre Premiere. Expertenliebling in diesem Jahr waren die "unsichtbaren Lautsprecher" der Firma Emo Labs aus Massachusetts, die einen PET-Film über jedem Monitor zum Lautsprecher machen. Die vier Jahre alte Firma hat eine Anordnung aus piezoelektrischen Aktoren auf beiden Seiten eines Flachbildschirms entwickelt, die eine 0,5 Millimeter dünne Folie in Schwingungen versetzen, so dass der Schall direkt aus dem Bild zu kommen scheint – eine akustische Erfahrung, die aus dem Kino vertraut ist.
Bislang, berichtete Emo-Chef Jason Carlson, hat sein Unternehmen das Konzept für einen Fernseher mit einer maximalen Bildschirmdiagonale von 42 Zoll gebaut. Man konzentriere sich allerdings auf Geräte mit einer Diagonale von 32 Zoll, da das die weltweit gefragteste Größe sei. EMO verhandelt laut Carlson mit mehreren, bislang ungenannten Elektronikfirmen, die die unsichtbaren Lautsprecher im zweiten Quartal 2010 auf den Markt bringen könnten. Die neuartige Technologie würde den Preis für einen Monitor um rund zehn Prozent erhöhen. In Zukunft, so Carlson, können auch tragbare Geräte wie Tablet-PCs, elektronische Bücher oder Smartphones mit einer Schallmembran ausgestattet werden.
Hand Eye Technologies gab einen Ausblick, wie sich die Lücke zwischen verschiedenen vernetzten Geräten zunehmend schließt. Die Firma aus San Francisco demonstrierte eine Anwendung für Smartphones, die Sendungen auf jedem herkömmlichen Fernseher zu einer interaktiven Oberfläche machen kann. Zuschauer können mit ihrer Handy-Kamera Darsteller, Produkte und andere, frei definierbare Hotspots auf dem Bildschirm anvisieren. Mit einem Klick lassen sich Hintergrundinformationen und Werbung abrufen oder eine Google-Suche starten oder sogar Einkäufe tätigen.
"Wir wollen nicht noch ein eigenständiges Programm anbieten, das man sich herunter laden und installieren muss", so Firmengründer Jonathan Kessler. Statt dessen können Sender oder Kabelanbieter die Hot Spots mit den selben Software-Werkzeugen programmieren, mit denen sie heute Untertitel ausstrahlen. Das neuartige Info-Visier lässt sich auf Verbraucherseite in Handy-Programme integrieren, die Sender wie der Discovery Channel bereits heute für Geräte wie das iPhone anbieten. (bsc)