IFA 2009: Wilde Träume, Innovationen und Sachen zum Anfassen

Eigentlich dürfte es Messen wie die IFA gar nicht mehr geben. Schließlich sagten Experten vor ein paar Jahren voraus, dass im Internet-Zeitalter physikalische Messen überflüssig werden. Ein Irrtum.

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Von
  • Damian Sicking

IFA-Direktor Jens Heithecker

(Bild: IFA)

Lieber IFA-Direktor Jens Heithecker,

heute beginnt die IFA in Berlin. Journalisten werden seit Tagen vor allem dadurch daran erinnert, dass sie so viele Pressemitteilungen über neue Waschmaschinen und Küchengeräte bekommen wie sonst nie im Jahr. Namentlich Miele und Bosch werden zu dieser Zeit immer sehr aktiv. Aber auch Siemens schläft nicht. Apropos Schlafen: Mussten Sie auch so schmunzeln, als Roland Hagenbucher, Chef der Hausgerätesparte von Siemens, verriet, wovon er träumt? Er träume davon, sagte Hagenbucher, dass es in Deutschlands Küchen eine Zweit- und Drittspülmaschine gibt. Das ist ja mal ein verrückter Traum, was? Wer so etwas träumt, will der überhaupt noch wach werden? Ich frage mich, was der große Traumdeuter Sigmund Freud dazu sagen würde.

Aber gut, Spaß beiseite: Natürlich sind sich alle Aussteller einig, dass sich der Besuch der IFA für alle Menschen lohnt. Ich bin auch überzeugt davon, dass es wieder viele schnuckelige Produkte zu sehen gibt. Keine spektakulären Innovationen, das nicht, aber das ist auch gut so, wenn Sie mich fragen. Denn seien wir doch mal ehrlich: Diese Innovationen in Küche und Wohnzimmer überfordern uns einfach viel zu oft. Und wenn wir dann trotzdem eine dieser Innovationen kaufen, kapitulieren wir nach kurzer Leidenszeit vor ihrer Kompliziertheit, und dann haben wir eine innovative Investitionsruine in unseren vier Wänden stehen. Natürlich nur vorübergehend, nach ein paar Wochen oder Monaten ist es nur noch eine Investitionsruine, das Innovative an ihr ist dann schon wieder Geschichte.

Nach Meinung der Software-Initiative Deutschland (SID) wird statt neuer elektronischer Geräte "die Integration unterschiedlicher Gerätklassen das Trendthema" auf der diesjährigen IFA sein. "Statt einem besseren Fernseher und einem neuen Smartphone warten die Verbraucher darauf, dass sie ihr heutiges Smartphone als TV-Fernbedienung nutzen und übrigens damit auch gleich von unterwegs ihren HDD-Recorder für eine Aufnahme starten können", sagte der SID-Vorsitzende Helmut Blank im Vorfeld der Messe. Ich weiß ja nicht, welche Verbraucher Blank meint, aber diejenigen, die ich kenne, warten doch eher auf andere Dinge. Andererseits: Nachdem wir gerade erfahren haben, von welchen komischen Dingen die Menschen so träumen, halten wir es für nicht ausgeschlossen, dass Blank in Einzelfällen Recht haben kann.

Blank selbst hat übrigens auch ganz wilde Träume. Er träumt davon, dass im "iHome" (nein, nicht ein neues Fertighaus von Apple) "der Verbraucher mit seinem Smartphone alle Funktionen zu Hause oder von unterwegs steuern wird. Beleuchtung, Musik, Video, Fernsehen, Babyphone, Gartenbewässerung, Alarmanlage und vieles mehr werden per Knopfdruck auf dem Smartphone kontrolliert", schwärmt Blank. Das ist eine großartige Vision. Die entscheidenden Wörter in dem Satz von Blank aber sind "per Knopfdruck". Knopf drücken, das kann doch schließlich jeder, das ist ja kinderleicht. So wie den Nippel durch die Lasche ziehen. Aber wie jetzt genau: Muss ich für die Beleuchtung denselben Knopf drücken wie für die Gartenbewässerung, und wenn ja, wie oft und wie lang? Oder doch erst den einen fürs Menü, dann den anderen zum Durchklicken, und den dritten für zurück oder Eingabe oder wie oder was? Ich fürchte, für ein paar Anwender könnte aus dem Traum ganz schnell ein Alptraum werden. Das ist immer der Haken an der Integration: Es macht die Dinge einfach so furchtbar kompliziert.

Interessant ist auch, über welche Themen auf so einer Messe NICHT gesprochen wird. Ich möchte fast wetten, dass ein Thema, über das sich noch vor wenigen Jahren Brancheninsider die Köpfe heiß geredet haben, in den Berliner Messehallen gar nicht zur Sprache kommt: Wer wird im digitalen Wohnzimmer die Führung übernehmen, der PC oder das TV-Gerät? Erinnern Sie sich, das war damals eine Riesendiskussion, und es gab zwei Lager: Das Microsoft-Lager gegen das Sony-Lager. Microsoft und Sony gibt es noch, die Diskussion aber nicht. Hat sich irgendwie erübrigt.

Worüber auch niemand mehr redet: Wozu braucht man im Zeitalter des Internets überhaupt noch reale Messen? Die Frage ist einfach von der Bildfläche verschwunden. Nicht verschwunden aber sind die Messen wie die IFA. Offensichtlich vor allem aus dem Grunde, weil wir Menschen tief in uns drin ein Bedürfnis haben, Produkte nicht einfach nur auf der Mattscheibe zu sehen, sondern wirklich ganz echt in 3D und in der Realität. Wir sind nun einmal sinnliche Wesen, auch wenn man es manchen von uns nicht sofort ansieht. Wir wollen kein Abziehbild von einem tollen neuen Gerät. Wir wollen das Gerät selbst mit eigenen Augen sehen, wir wollen es anfassen, vielleicht sogar riechen. (Auf der Landwirtschaftsmesse auch gerne schmecken.)

Übrigens: Eine ganz interessante Information an dieser Stelle für alle Händler: Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Verbraucher, die ein Produkt real gesehen und am besten auch angefasst haben, eher bereit sind, das Produkt zu kaufen als andere. Die Fachleute sprechen hier von einem "psychologischen Besitzen". Im Online-Shop zum Beispiel kann dieser Effekt nicht in gleichem Maße erzielt werden. Manche sprechen sogar schon statt vom "Point of Sale" vom "Point of Touch". Praktische Konsequenz für den stationären Handel: Er sollte die Produkte, die er verkaufen will, auch im Laden haben, zumindest als Demo-Gerät.

Viel Erfolg für die Messe!

Damian Sicking

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