Die Woche: Wie Linux doch noch auf den Desktop kommt
Linux auf dem Desktop, der Traum scheint schon lange ausgeträumt. Aber mit Moblin tritt ein neuer Player an – hinter dem Intel ordentlich Druck macht.
Linux auf dem Desktop? Nach wie vor eine Nischenlösung. Gelegentlich zu finden in Unternehmen, vornehmlich bei Entwicklern und Admins, sowie bei einigen Linux-Enthusiasten, die ihre privaten PCs und Notebooks mit dem freien Betriebssystem bestücken. Aber sonst? Auch die Hoffnung, Linux könne auf Netbooks einen Siegeszug quasi durch die Hintertür antreten, hat sich nicht erfüllt – mittlerweile laufen fast alle Netbooks im Handel unter Windows.
Alle? Nicht ganz. Gerade hat Dell in den USA begonnen, das Inspiron Mini 10v mit Ubuntu Moblin Remix – eine für mobile Geräte optimierte Linux-Distribution von Intel, mittlerweile unter der Ägide der Linux Foundation – zu verkaufen. Bei Dell steht ein Moblin-Image zum Nachinstallieren vom USB-Stick bereit, das auch auf einigen anderen Geräten läuft (Vorsicht: Der Installer überschreibt ohne Nachfrage die Festplatte). Ein Wiki liefert Informationen dazu. Weitere Moblin-Notebooks von Asus, Acer und Samsung sind angekündigt.
Aber wieso sollte Moblin etwas daran ändern, dass die allermeisten Netbook-Käufer Windows-Geräte bevorzugen? Moblin versucht gar nicht erst, das Netbook wie einen PC aussehen zu lassen, sondern bringt ein ganz eigenes Bedienkonzept mit. Ob das der Weg zum Erfolg ist? Immerhin sind Millionen Windows-User glücklich mit Mac OS – auf ihrem iPhone, ohne deswegen ihren Windows-Rechner durch einen Mac zu ersetzen. Warum sollte das in der nächst größeren Klasse internetfähiger Geräte (kleinen Netbooks nämlich) nicht auch glücken? (Wobei das aktuelle Moblin 2.0 in der Bedienung noch deutlich hinter dem iPhone zurückliegt; aber die Version 2.1 steht ja bereits vor der Tür).
Auch auf der gerade zu Ende gegangenen LinuxCon waren Linux-Desktops ein Thema. Bob Sutor (IBM) und Dirk Hohndel (einstmals bei Suse, jetzt Intel) waren sich in ihren Keynotes einig: Solange der Linux-Desktop versucht, den Windows-Desktop zu kopieren, wird Linux immer nur ein billiger Windows-Ersatz bleiben. Moblin geht einen anderen Weg, kommt mit einer eigenen Bedienoberfläche, die ganz auf den hauptsächlichen Einsatzzweck – das kleine Surf-Maschinchen für unterwegs – ausgerichtet ist und den GUIs moderner Smartphones ähnlicher sieht als dem Gnome- oder KDE-Desktop. Auch wenn unter der Oberfläche immer noch ein Linux schlummert und der Anwender (zumindest bei Ubuntu Moblin Remix) durchaus ein Terminalfenster öffnen kann.
Und, nicht zu vergessen: Hinter Moblin steht ein Unternehmen mit Geld, Marktmacht und – dank seiner Atom-Plattform – einem Fast-Monopol bei Netbooks. Intel will natürlich vor allem seine Prozessoren verkaufen; und Moblin scheint dabei eine durchaus wichtige Rolle zu spielen: In dem neuen Intel Atom Developer Program steht Moblin gleichberechtigt neben Windows; der "Atom App Store" (der dann auch Moblin-Applikationen anbieten dürfte) ist wohl nur noch eine Frage der Zeit. Der Prozessorhersteller, mittlerweile unter den Top 5 der Firmen, die am meisten Code zum Linux-Kernel beitragen, sieht offenbar Bedarf für Linux auf Netbooks.
Möglicherweise spekuliert man auf eine Zweiteilung des Netbook-Markts in billige Surf-Gadgets (mit Moblin) und besser ausgestattete Geräte (mit Windows), die zu den Subnotebooks aufschließen – erste Entwicklungen in dieser Richtung sind schon zu erkennen. Derzeit, das darf man nicht vergessen, ist vor allem Microsoft verantwortlich für die relativ schlechte Hardwareausstattung der meisten Netbooks: Vista auf Netbooks wollen die Kunden nicht, und Windows XP dürfen die Hersteller nur installieren, wenn sie rigide Einschränkungen bei der Größe von Display, Hauptspeicher und Festplatte einhalten. Mit Windows 7 dürften diese Limitierungen fallen.
Auf den PC-Destop kommt Linux damit natürlich nicht. Aber wie lange ist der traditionelle Desktop überhaupt noch zweckmäßig? Der Webbrowser dürfte mittlerweile auf vielen PCs (im Unternehmen wie zu Hause) die meist genutzte Anwendung sein. Um den zu starten, braucht man keinen vorwärts und rückwärts konfigurierbaren Desktop. Und wer weiß? Vielleicht kommen die Anwender irgendwann auf die Idee, dass einfache, Smartphone-artige Oberflächen wie Moblin für den Surf-Rechner zweckmäßiger sind als ein richtiger Desktop mit Menüs, komplizierten Konfigurationstools und einer traditionellen Dateiverwaltung. Und dann schlägt vielleicht tatsächlich die Stunde von Linux auf dem Desktop – wenn wir bis dahin nicht sowieso alle vor Chrome-OS-Rechnern sitzen. (odi) (odi)