Leichter ist schwer: Wie lässt sich die Gewichtsspirale umkehren?
Bis zum Jahr 2012 muss der CO2-Ausstoß bei Neufahrzeugen 130 Gramm pro Kilometer betragen. Auf dem Weg dahin gibt es mehrere Stellschrauben – eine davon ist der bezahlbare Leichtbau.
- Gernot Goppelt
Stuttgart, 17. Oktober 2007 – Die EU-Kommission hat das Ziel fixiert: Bis zum Jahr 2012 muss der CO2-Ausstoß bei Neufahrzeugen eines Herstellers durchschnittlich 130 Gramm pro Kilometer betragen. Wie auch immer die praktische Unsetzung aussehen wird, so ist eines ganz klar: Der Verbrauch muss weiter gesenkt werden. Auf dem Weg dahin gibt es mehrere Stellschrauben – eine davon ist der bezahlbare Leichtbau.
Wer jemals eine Bierkiste in den fünften Stock hoch geschleppt hat, weiß aus leidiger Erfahrung: Zusätzliche Pfunde erfordern beim Transport zusätzliche Energie. Das ist beim Auto nicht anders als beim Menschen – und den Ingenieuren in der Automobil- und Zulieferindustrie natürlich auch bestens bekannt. Dennoch werden die Autos in der Regel von Generation zu Generation immer größer und schwerer.
Leichter ist schwer: Wie lässt sich die Gewichtsspirale umkehren? (14 Bilder)

Ein aktuelles Beispiel fĂĽr Leichtbau: Der Loremo wiegt unter 600 kg - und soll ab 2010 in Serie gebaut werden. (Bild: Loremo)
Autos werden immer schwerer
Nehmen wir als Beispiel den Bestseller Golf: Der brachte bei nur 3,70 Meter Länge in seiner ersten Version 1974 schlanke 750 Kilo auf die Waage. Der aktuelle Golf in seiner nunmehr fünften Ausgabe ist einen halben Meter länger (4,20 m) und schleppt in der Basisversion bereits 1155 Kilogramm durch die Lande. Selbstverständlich geht die beachtliche Gewichtszunahme nicht allein auf das Konto der größeren Karosserie. Wichtige Sicherheitsmerkmale wie Airbag, ABS oder ESP gab es vor über 30 Jahren schlicht noch nicht und so angenehme Dinge wie Klimaanlage, Servolenkung, elektrische Fensterheber oder Zentralverriegelung waren damals noch exklusive Ausstattungsmerkmale der Luxusklasse – und selbst dort oft nur gegen Aufpreis zu haben. Auch die Karosseriestabilität und somit die Crash-Sicherheit des Ur-Golf war noch meilenweit entfernt von jener des aktuellen Modells.
Weniger Gewicht – weniger Verbrauch – weniger CO2
Es gibt also durchaus gute und nachvollziehbare Gründe für den drastischen Anstieg bei den Fahrzeuggewichten. Unter diesen Gesichtspunkten ist leichter verdammt schwer, denn zurück zum Sicherheits- und Komfort-Standard der 70er-Jahre will natürlich keiner. Aber es gibt auch gute Gründe, die Gewichtsspirale umzukehren – oder wenigstens zu stoppen. Denn weniger bewegte Masse bedeutet weniger Verbrauch. Als Faustregel gilt: 100 Kilogramm bringen etwa 0,3 bis 0,4 Liter Verbrauchseinsparung pro 100 Kilometer. Und ein geringerer Verbrauch ist gleichbedeutend mit einer Verringerung des CO2-Ausstoßes. Angenehme Nebenprodukte einer Schlankheitskur sind bessere Fahrleistungen sowie ein agileres und dynamischeres Fahrverhalten.
Viele Werkstoffe fĂĽr ein komplexes Produkt
Bei einem so komplizierten und komplexen Produkt wie dem Automobil gibt es natürlich viele Ansätze, um das Gewicht zu drücken. Neben dem grundlegenden Konzept – Größe, Fahrzeugsegment, Ausstattung – haben die Konstruktion und vor allem die optimale Wahl des jeweiligen Werkstoffs großen Einfluss auf das Ergebnis.
Wenn Geld keine Rolle spielt, ist vieles möglich – wie nicht zuletzt die Formel 1 mit ihrem extremen Leichtbau zeigt. Doch für ein Großserienfahrzeug gelten andere Rahmenbedingungen. Die Kunst der Ingenieure besteht hier darin, sichere, komfortable sowie langlebige und zuverlässige Fahrzeuge mit möglichst wenig Gewicht zu vertretbaren Kosten zu bauen. Mit exotischen Werkstoffen wie Karbon oder Titan lassen sich spezifische Anforderungen zwar perfekt erfüllen, doch beim Thema Kosten haben diese Exoten ganz schlechte Karten.
Die gängigen Konstruktionswerkstoffe für das Automobil sind daher noch immer unterschiedliche Stahlsorten sowie Leichtmetalle und zunehmend auch diverse Kunststoffe. Diese kommen, ebenso wie Stoffe, Hölzer und Leder hauptsächlich im Innenraum zum Einsatz. Auch Glas ist ein oft vergessener, aber für Komfort und Sicherheit wichtiger Werkstoff im Automobilbau.