Ă–rtchen der Kommunikation

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Von
  • JĂĽrgen Seeger

Twitter sei, „als würde man sich auf dem Büroklo immer wieder in die gleiche Kabine setzen, um nachzuschauen, ob neue Kommentare an der Wand stehen“, war kürzlich auf www.zeit.de zu lesen (siehe iX-Link). Das ist nicht nur lustig formuliert, sondern beschreibt den Mikro-Blogging-Dienst auch nicht ganz unzutreffend. Auf den ersten Blick jedenfalls.

Denn in der Tat ist wahrscheinlich ein Anteil von 95+ Prozent sinnloses "Geschnatter", so ja auch die wörtliche Übersetzung. An sich kein Grund zur Aufregung, einen ähnlich hohen Unsinns-Anteil findet man beispielsweise auf Ansichtskarten, bei Telefongesprächen oder in SMS-Übermittlungen. Auch davon ist bislang weder das Abend- noch das Morgenland untergegangen.

Einer der Unterschiede von Twitter zu den genannten älteren Informationskanälen ist allerdings die 1:n-Beziehung der Kommunikationspartner. Man muss also, um im Bild zu bleiben, nicht mehr jedem Adressaten mitteilen "Die Sonne scheint hier fast immer", sondern nur noch einmal allen.

Und man kann das sogar, nächster Twitter-Vorteil, an Leute schreiben, die man gar nicht kennt. Hauptsache, die interessieren sich dafür. Dass dieses Interesse durch die Beschränkung auf 140 Zeichen Länge eher gefördert werden könnte, ist natürlich nur eine Vermutung. (Ebenso wie die, dass vielen Feuilleton-Beiträgen eine Beschränkung auf diese Länge guttäte, aber das nur am Rande.)

Twitter ist also ebenso wenig schädlich wie Ansichtskarten. Bleibt die Frage nach dem Sinn – wobei "macht Spaß" mir als Sinn schon reichen würde. Aber reden wir ruhig über den "richtigen", den ernsthaften Sinn. Und ein bisschen über technische Details.

Im Gegensatz zu Ansichtskarten kommen Twitter-Nachrichten (Tweets) ohne Verzögerung beim Empfänger an. Was ich jetzt schreibe, kann Sekunden später überall auf der Welt gelesen werden.

Dass man diese Tweets durchsuchen kann, auf von den Autoren vergebene Schlagwörter oder im Volltext, ist IT-typisch. Dass der Ressourcenbedarf zum Schreiben und Lesen minimal ist, keineswegs, aber erfolgsentscheidend für die Verbreitung insbesondere außerhalb der Industriestaaten. (Dieser Minimalismus ist wiederum einer der entscheidenden Unterschiede zu anderen Hype-Techniken wie weiland Second Life.)

Und genau diese Details machen es beispielsweise möglich, dass Twitter zu einem wichtigen Kommunikationsmittel der Protestbewegung gegen die vermutete Wahlfälschung im Iran wurde. Dass Twitter-Tweets nicht von einer unabhängigen Redaktion stammen, ist zweitrangig in einem Staat, der ohnehin keine unabhängigen Medien zulässt.

Nicht zu reden von den kommerziellen Möglichkeiten, die sich aus Broadcastings im Firmenumfeld ergeben. Oder dem Zusammenfassen von Tweets, die von Maschinen an verteilten Standorten generiert werden.

Ob Twitter sinnvoll ist oder nicht, hängt – wie immer – vom konkreten Einsatz ab. Das führt bei näherem Hinsehen zu einem kleinen, aber entscheidenden Unterschied zur eingangs zitierten Einschätzung: Twitter ist, als könnte man gleichzeitig auf allen Klowänden der Welt etwas schreiben. Und nur die, die es lesen wollen, werden damit behelligt.

iX-Link (ole)