Neuer Wein im Schlauch

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Von
  • JĂĽrgen Seeger

Eine neue Idee ist Googles Chrome OS (siehe S. 24 in der Print-Ausgabe) wirklich nicht. Es haben schon viele versucht, Microsofts Betriebssystemmonopol zu brechen. Mitbewerber wie Apple oder IBM, Communities wie die Linux-Gemeinde, nicht zuletzt mit der Europäischen Union sogar ein Staatenverbund. Doch weder vermeintlich bessere Technik noch Strafzahlungen in neunstelliger Höhe konnten am 90+x-%-Marktanteil rütteln

Linux zum Beispiel, auch angetreten als Windows-Alternative, hat in erster Linie die klassischen Unixe vom Servermarkt verdrängt. Auf PCs blieb das freie Betriebssystem ein Nischenprodukt. Wenn sich einige Firmen oder Behörden für Linux entschieden, wurde das sofort in der Fachpresse breitgetreten – weil es fast so selten war wie eine Ufo-Sichtung.

Bis die Netbooks kamen. Ende letzten Jahres mussten Microsoft-Sprecher konstatieren, dass der Marktanteil von Windows im Netbook-Segment "nur" bei rund 70 Prozent lag – bei Desktop-PCs beträgt er über 90 Prozent. Der Grund waren zum einen die Lizenzkosten von knapp 50 Dollar für Windows XP und rund 100 Dollar für Windows Vista. Zum anderen erwies sich das frisch vorgestellte Vista als Ressourcenfresser. Zwar hatte bislang das gegenseitige Aufschaukeln von Soft- und Hardware gut geklappt – die neue Softwareversion lief wirklich gut nur auf der neuesten Hardwaregeneration – doch je mehr Dienste und Informationen im Internet verfügbar sind, desto weniger sind die Kunden bereit, dieses Spiel weiter mitzumachen.

In Redmond hat man darauf schnell reagiert. Windows 7 wurde explizit als wenig CPU- und speicherhungrig und darum auch für Netbooks geeignet angekündigt. Allerdings war bislang nicht von einer signifikanten Senkung der Lizenzkosten die Rede. Googles Chrome OS dagegen soll ein kostenloses Open-Source-Betriebssystem werden, möglichst schlank, wahrscheinlich kaum mehr als ein Browser mit unterlegtem Mini-Linux.

Technisch ist das nicht sehr aufregend, man kennt das von den Linuxen, die von einem USB-Stick booten – oder eben von den Fedoras et cetera auf den Netbooks. Industriepolitisch dagegen standen die Chancen lange nicht besser, ein langjähriges Monopol zu brechen. Denn Google ist nicht so eingefahren und unbeweglich wie damals IBM mit OS/2, hat aber mit rund einem Drittel des Microsoft-Umsatzes und viel, viel Internet-Erfahrung das Potenzial, ein Gegner und nicht nur ein Sparringspartner für die Redmonder zu sein.

Dass dadurch ein neuer Monopolist in einer neu geordneten IT-Welt heranwachsen könnte, steht auf einem anderen Blatt. (ole)