Fontamentalismus
Schlecht lesbare Schrift lässt Bildschirmarbeiter schneller ermüden. Alternativen findet man auf dem eigenen Rechner oder im Internet. Sie ins System einzubinden, erfordert allerdings ein paar zusätzliche Handgriffe.
- Michael Riepe
Langjährige X11-Nutzer erinnern sich noch, wie umständlich es früher war – und bei manchen Programmen immer noch ist –, die verwendeten Schriften auszuwählen. Ganz zu schweigen davon, dass die mitgelieferten, nicht skalierbaren Bitmap-Fonts kaum Auswahl boten und obendrein von bescheidener Qualität waren.
Heute stehen Anwendern hochwertige Vektor-Fonts zur Verfügung. Nicht wenige davon lassen sich – meist im Windows-kompatiblen TrueType-Format – kostenlos von den einschlägigen Portalen im Internet herunterladen. Einige Anwendungen bringen ihre eigenen Schriften mit, etwa OpenOffice oder der Adobe Reader. Wer neben Linux/Unix noch ein Windows auf dem Rechner installiert hat, kann auch dessen Fonts nutzen, etwa Arial. Voraussetzung ist allerdings, dass die Anwendungen sie finden.
Suchmaschine fĂĽr Schriften
Onlinequellen
Moderne Programme verwenden dafür in der Regel die 2002 von Keith Packard entwickelte Bibliothek libfontconfig (siehe Kasten „Onlinequellen“). Sie führt Buch über die installierten Schriften und liefert auf Wunsch eine, die den Ansprüchen der Software respektive des Anwenders am nächsten kommt. Letzteres ist der Tatsache geschuldet, dass nicht alle Systeme über zum Beispiel Helvetica oder Arial verfügen.
Will der Nutzer eine serifenlose Schrift – für die heute üblichen TFT-Monitore die erste Wahl –, verlangt er sans-serif und bekommt aus dem Fundus den Font zugewiesen, der am besten passt. Welcher das ist, lässt sich mit dem Kommando fc-match :family=sans-serif erfragen. Fügt man die Option –v hinzu, gibt fc-match außerdem die Eigenschaften („properties“) des Fonts aus, sofern sie bekannt sind.
Mit einigen davon lässt sich die Suche eingrenzen. Das Muster :family=sans-serif:slant=italic etwa wählt eine kursive Variante, der zusätzliche Parameter :weight=bold eine fette. Viele Parameter lassen sich abkürzen: :family=sans:italic:bold etwa sucht einen kursiven, fetten, serifenlosen Font heraus – sofern einer existiert.
Gibt der Nutzer zum Beispiel fc-match :family=unbekannt ein, schlägt der Suchalgorithmus gnadenlos zu und gibt die Standard-Systemschrift zurück, getreu dem Motto: „Irgendein Font ist besser als keiner“. Dabei berücksichtigt die Bibliothek immerhin zusätzliche Parameter wie :slant und :weight, sofern es der Bestand erlaubt.
Installiert man neue Schriften in /usr/share/fonts oder $HOME/.fonts, kann man sie normalerweise kurz darauf verwenden. Wer es eilig hat, muss mit fc-cache den Cache der Bibliothek aktualisieren. An anderer Stelle installierte Fonts kann der Administrator seinen Nutzern zugänglich machen, indem er den Suchpfad von libfontconfig erweitert. Das geht am einfachsten, indem er eine XML-Datei /etc/fonts/local.conf anlegt, die die Standardkonfiguration in /etc/fonts/fonts.conf ergänzt. Listing 1 zeigt, wie man die Schriften von OpenOffice und Adobe Reader 9 ins Inventar aufnimmt. Ist ein Anwender mit der Systemkonfiguration unzufrieden, kann er in $HOME/.fonts.conf seine eigenen Ergänzungen machen.
Listing 1: /etc/fonts/local.conf
<?xml version="1.0"?>
<!DOCTYPE fontconfig SYSTEM "fonts.dtd">
<fontconfig>
<dir>/opt/openoffice.org/basis3.0/share/fonts</dir>
<dir>/opt/Adobe/Reader9/Resource/Font</dir>
</fontconfig>
Erfolg oder Misserfolg der Änderung kann man mit fc-list : überprüfen. Das Kommando gibt eine Liste aller gefundenen Schriften aus. Ergänzt man das „leere“ Muster : um zusätzliche Parameter, enthält die Ausgabe nur die passenden Fonts. Allerdings gelten andere Regeln als bei fc-match: fc-list :bold etwa zeigt normale und kursive Schriften an, fc-list :family=gibtesnicht hingegen gar nichts. Das verwandte Kommando fc-scan <verzeichnis> sucht im Dateisystem nach Font-Dateien; fc-query <datei> zeigt deren Eigenschaften an.
Außer der Erweiterung des Suchpfads erlaubt die Konfiguration zahlreiche weitere Einstellungen. Mit dem Element <alias> lassen sich Kurznamen zuweisen – die Standardkonfiguration verwendet es unter anderem, um die Bedeutung von sans-serif, serif und monospace festzulegen. Dabei legt sie mit <prefer> eine Rangfolge der infrage kommenden Fonts fest: Bitstreams Schriftfamilie Vera etwa bekommt den Vorzug vor Arial, Courier, Helvetica oder Times. Wem das nicht gefällt, der muss die Liste ändern oder mit <selectfont> und <rejectfont> die unerwünschten Schriften auf die Schwarze Liste setzen.
Wahlhelfer
Einen optischen Eindruck der installierten Schriften liefern die zu libfontconfig gehörenden Werkzeuge nicht. Wer nicht umständlich mit dem Browser oder Office-Paket hantieren will, kann auf einen der im Internet angebotenen Font Viewer zurückgreifen. Gute Dienste leisten etwa der in Java geschrieben Opcion Font Viewer oder das Python-Programm FONTpage, die beide unter der GPL stehen.