Facharzt-Visite übers Internet könnte Gesundheitsversorgung sichern

Telemedizinprojekte sind in Skandinavien schon Realität. In drei ostdeutschen Modellregionen sollen Ideen aus Finnland getestet werden.

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  • Arno Schütze
  • dpa

Die Facharzt-Visite geschieht im Cyberspace. Statt in die entfernte Praxis zu fahren, wird der Spezialist per Videokonferenz in das Sprechzimmer des Hausarztes zugeschaltet. Per E-Mail bekommt der Facharzt Einsicht in Röntgenbilder. Solche Telemedizinprojekte sind in Skandinavien schon Realität. Eine Übertragung auf Gebiete in Deutschland mit stark schrumpfender Bevölkerung könnte nach Meinung von Strukturpolitik-Experten zur langfristigen Sicherung der Gesundheitsversorgung beitragen.

In drei ostdeutschen Modellregionen des Berliner Instituts für Stadtforschung und Strukturpolitik (IfS) sollen die Ideen aus Finnland getestet werden: Ostthüringen, Mecklenburgische Seenplatte und Lausitz-Spreewald (Brandenburg). "Schon heute sind einige ländliche Regionen medizinisch unterversorgt", sagt der Hauptgeschäftsführer der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen, Sven Auerswald. Die Situation sei in allen ostdeutschen Ländern ähnlich. Viele Mediziner stünden kurz vor der Rente. Nachwuchs für die Fläche ist kaum in Sicht. Angesichts der schrumpfenden Bevölkerung wird gleichzeitig die medizinische Infrastruktur pro Kopf immer teurer.

"Der Gesundheitsdistrikt Lappland macht ein Drittel von Finnland aus, aber dort wohnen nur 120.000 Menschen", sagt Leena Korhonen vom finnischen Telemedizinprojekt Tel Lappi. "Telekonsultationen mit Spezialisten sind in den Gesundheitszentren seit zwei Jahren Normalität." Die Zentren haben die Funktion deutscher Hausarztpraxen. Auch Krankenwagen seien mit entsprechender Kommunikationstechnik ausgestattet. Vom nächsten Jahr an sollen die Fachärzte auch Röntgenbilder, EKGs und Digitalfotos per E-Mail erhalten. Krankenakten werden heute schon standardmäßig elektronisch ausgetauscht. "Durch diese Techniken wird viel Geld gespart", sagt Korhonen. "Und Patienten sind sehr froh, dass sie die oft sehr langen Wege zum Krankenhaus seltener auf sich nehmen müssen", sagt Korhonen.

Erste vergleichbare Tests mit Telekonsultationen gibt es seit einigen Jahren auch in Deutschland: "Die meisten der etwa 15 Projekte sind aber erst in der Entwicklung", sagt Achim Jäckel. Er hat als Herausgeber des Telemedizinführers einen guten Überblick über die Telemedizin-Aktivitäten in Deutschland. "Auch wegen des geringeren Zeitverzugs sind diese Ansätze bei manchen Diagnosen sehr sinnvoll."

IfS-Projektleiterin Bärbel Winkler-Kühlken: "Die Telemedizin kann und sollte ein wichtiger Bestandteil der Strategie zur langfristigen medizinischen Versorgung in der Fläche werden." Darüber hinaus seien Modelle im Gespräch, mit denen Ärzte in die Fläche gelockt werden sollen.

Am weitesten sind die Planungen in Mecklenburg gediehen. Der Regionale Planungsverband Mecklenburgische Seenplatte wird bei einer Tagung am kommenden Mittwoch in Saalfeld Ideen präsentieren: "Landarztzulagen" gehören ebenso dazu wie die Erlaubnis an Ärzte, Zweitpraxen in der Fläche einzurichten. Auch die "Green Card" für ausländische Ärzte stehe auf dem 10-Punkte-Programm, sagt Regionalplaner Christoph Kaufmann. Das IfS hofft, dass eine Pilotphase in Mecklenburg schon Ende dieses Jahres starten kann. Einige Hindernisse gelte es aber zu überwinden, so seien die Pläne ohne Änderungen etwa im Niederlassungsrecht und der Abrechnung von medizinischen Leistungen kaum realisierbar.

Widerstand gegen das Modell der Telekonsultationen regt sich unterdessen bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) . "Das klingt wie Science Fiction", sagt Sprecher Roland Stahl. "Das ist der Abschied vom Vertrauensverhältnis von Patient und Arzt." Patienten seien nicht bereit, ihre Daten im großen Stil elektronisch verschicken zu lassen. Eine Umsetzung solcher Pläne sei mittelfristig nicht denkbar.

Die Arbeitsüberlastung im medizinischen Sektor droht unterdessen das Projekt mancherorts von vornherein zu vereiteln. Eine Sprecherin des Kreises Saalfeld-Rudolstadt aus der Modellregion Ostthüringen sagt: "Die zeitlichen Kapazitäten der Mediziner reichen derzeit nicht aus, sich mit dem Projekt auseinander zu setzen." (Arno Schütze, dpa) / (anw)