BIG PEN

Das Text-Universum explodiert; Es wird so viel geschrieben wie noch nie. Um in dieser Ăśbermenge nicht unterzugehen, gibt es drei Strategien.

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Von
  • Peter Glaser

Es ist schon ein paar Jahre her, dass der Soziologe Michael Rutschky die Beobachtung gemacht hat, dass scheinbar keiner mehr lesen mag – alle wollen nur noch schreiben. Rutschky muss schon früh das Zeitalter der Blogosphäre heraufdämmern gesehen haben. Im Schnitt werden heute innerhalb eines Tages 900.000 neue Blogpostings verfasst. 1,59 Milliarden Menschen waren im Mai 2009 online – jeder zwölfte Internetbewohner bloggt und trägt dazu bei, dass eine formidable Textflutwelle an die Bildschirme des Planeten brandet.

Dieser immense Zustrom bedeutet unter anderem eine immer größere Vielfalt an durchaus auch Lesenswertem. Diese Vielfalt hat allerdings einen Preis: Was herkömmlich in Rubriken oder Programmschemata redaktionell ausgewählt und vorgeordnet wurde, wird nun entbündelt. Textatome fliegen uns um die Ohren, als hätte ein neuerlicher, diesmal kultureller Urknall stattgefunden. Ähnlich wie bei den Musikern, die im Netz keine Alben mehr verkaufen können, sondern einzelne Stücke, geht es nun auch in der Online-Textwelt zu, in der flatterhafter Leser durch riesige Textmengen streifen und sich hier und da und dort für einen einzelne Artikel entscheiden.

Zu den Blogs kommen noch weitere digitale Schreibgelegenheiten wie Facebook mit 300 Millionen Nutzern, Twitter und nicht zu vergessen der Kurztextklassiker SMS. Im Januar 2009 erhielt Greg Hardesty aus dem kalifornischen Silverado Canyon die Handy-Rechnung seiner Tochter Reina. Sie war 440 Seiten lang und verbuchte 14.528 SMS (im Schnitt 484 Kurztexte pro Tag). Hardestys GlĂĽck: Reina hat eine Flatrate mit unbegrenzt SMS.

Es soll niemand glauben, dass die Vielschreiberei ein Phänomen ist, das erst jetzt in der digitalen Ära zum Vorschein kommt. Einer der exzessivsten Proto-Blogger war der Architekt Buckminster Fuller, der sein Leben in einer unglaublichen Ausführlichkeit dokumentiert hat: Von 1915 an schrieb er 68 Jahre lang alle 15 Minuten einen Eintrag in ein Journal. Als Fuller am 1. Juli 1983 starb, hinterließ er 80 laufende Meter an Notizbüchern.

Die immer eingehenderen, destalliertern, oft aber auch vor Banalität rauschenden Aufzeichnungen, mit denen wir es zu tun haben, werfen ein Problem auf, das der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges in seiner Erzählung "Von der Strenge der Wissenschaft" beschrieben hat. Es geht darin um ein Reich, in dem die Kunst der Kartographie eine solche Vollkommenheit erreicht hat, dass eine Karte gezeichnet wird, "die genau die Größe des Reiches hatte und sich mit ihm an jedem Punkte deckte". Aber eine Karte, die genauso detailliert ist wie die Wirklichkeit, verliert ihre Funktion.

Um nicht unterzugehen in dieser Übermenge an Geschriebenem, gibt es drei mögliche Strategien: Redaktion, Aggregation und Ignoranz. Redaktion heißt, dass wir nun in der Internet-Ära alle miteinander dazu verdammt sind, Journalisten zu sein und ein Gefühl für Qualität zu entwickeln. Aggregation bedeutet dafür zu sorgen, dass aus den Textatomen schnell wieder verbundene Einheiten werden – vollautomatisch, wie bei Google News oder sorgsam oder spielerisch von Hand zusammengestellt, wie es vielfach im Netz bereits geschieht. Die Ignoranz schließlich istdie letzte und zugleich eine der stärksten Waffen im Kampf gegen die Überinformation. Sie schenkt uns wenigstens noch ein gewisses Gefühl von Souveränität. (bsc)