Ein Kessel Buntes von Nokia [2. Update]
Nokia unterstreicht mit zwei neuen Mobiltelefonen den Kamera-Trend im Mobilfunkmarkt, liefert aber auch dem Profi-Funker Anreize -- etwa verschlĂĽsselten Zugang zu Firmen-Netzen.
Die finnische Zeitung Turun Sanomat Extra brachte es auf den Punkt: Sie veröffentlichte das Bild eines kleinen Jungen, der eine Maus an sein Ohr hält und wie weiland Scotty von der Enterprise telefonieren will. Das Leben ist mobil, der stationäre Computer wird obsolet, so die Botschaft von Nokia, die die Firma heute in einem "Vision Update" europäischen Journalisten in Helsinki präsentierte. Zwei neue Telefone, zwei neue Headsets, ein Kamera Add-on, ein GSM-Chip und ein Secure Access System für den Aufbau von VPN-Verbindungen in Firmennetzen, all dies stellte Nokia in einem Rutsch vor.
Im Mittelpunkt der Präsentation stand das neue Nokia 6600, ein Imaging-Telefon, das mit einer Kamera inklusive Videorecorder-Funktion aufwartet. Im Grunde greift es aber die Konzepte auf, die bereits bei Nokias ersten beiden Symbian-Smartphones zu sehen waren -- zum Beispiel arbeitet es wie das ältere Modell 7650 mit dem Symbian-Betriebssystem und zur Navigation dient ein Joystick.
Zu den weiteren Merkmalen des 6600 gehören eine Adress- und Termindatenbank, sicherer Zugang zu E-Mails, schnelle Internet-Anbindung, Kurzmitteilungen via SMS und MMS, polyphone Klingeltöne sowie ein XHTML-Browser zum Abruf von Internet-Inhalten. Ungewöhnlich für ein Handy hat das 6600 eine Zoom-Funktion -- allerdings ist es entgegen ersten Annahmen nur ein Digital-Zoom und kein optischer. Auch kann es Videoclips mit Ton aufnehmen und auf Wunsch als MMS-Nachricht an andere MMS-Geräte oder an E-Mail-Empfänger versenden und Video-Streams etwa im 3GPP-Video-Streaming-Format empfangen und abspielen. Das Farbdisplay stellt bis zu 65.536 Farben dar.
Auf eine bestimmte Zielgruppe hat sich Nokia anscheinend nicht festlegen wollen. Juha Putkiranta, Senior Vice President der Imaging Business Unit von Nokia, meinte: "Das Nokia 6600 kombiniert private und geschäftliche Anwendungen optimal; man kann jederzeit beruflich auf dem Laufenden sein, ohne wertvolle Momente im Kreise der Familie zu verpassen." Schaut man genauer auf die Liste der Merkmale, scheint sich die Meinung zu bestätigen, denn das Smartphone hat einerseits mit der Kamera einen gewissen Spaßfaktor, kann aber auch Internet-Inhalte via SSL abrufen und mittels VPN-Technik verschlüsselten Zugang zu Firmen-Servern aufbauen. Die Internet-Anbindung erfolgt etwa so schnell wie mit einem aktuellen Festnetzmodem, wahlweise über Wählverbindungen via HSCSD oder über den paketorientierten Dienst GPRS. Externe Geräte, wie zum Beispiel Laptops, können über Bluetooth oder Infrarot mit dem Nokia 6600 kommunizieren.
Zusätzlich gibt es neben Bluetooth und Infrarot auch eine eingebaute TCP/IP-Schnittstelle. Eine besondere Internet-Funktion auf der Nulltaste schaltet diese Vernetzung an, über die Daten, jedoch keine Telefongespräche laufen können. Nokia nennt diese Funktion übrigens -- leicht missverständlich -- Wireless LAN mit Nokia Intelligent EDGE bei 118 bis 384 KB/s.
Beim Betriebssystem hat Nokia auch draufgesattelt. Im 6600 werkeln nunmehr Symbian 7.0 und Java MIDP 2.0. Speichermäßig zeigen sich die Finnen auch nicht mehr so knauserig wie zu Beginn der Symbian-Smartphone-Ära. Während das weiterhin gebaute Modell 7650 nur 4 MByte Arbeitsspeicher hat, verfügt das 6600 über 6 MByte RAM plus 32 MByte in Form einer MMC-Speicherkarte. Als Triband-Mobiltelefon funkt es in 900-, 1800- und 1900-GSM-Netzen. Das 122 Gramm schwere Gerät hat ein Volumen von 113 cm3. Man kann damit laut Nokia bis zu vier Stunden ohne Unterbrechung telefonieren; alternativ verbleibt es bis zu zehn Tage in Bereitschaft. Es kommt voraussichtlich im vierten Quartal 2003 in den Handel. Der anvisierte Preis liege mit Kartenvertrag bei rund 500 Euro, hieß es auf Nachfrage. Das 6600 sei der erste Schritt in Richtung mobiles Fernsehen, betonte der Vizepräsident der Telefon-Sparte, Anssi Vanjoki, dabei assistiert von Mitch Lazar, der bei AOL Time Warner beauftragt ist, CNN-, Viva- und N-TV-Inhalte auf Kleingeräte zu bringen.
Bei dem neuen Einsteigergerät Nokia 3100 hält sich der Hersteller mit technischen Daten zurück und stellt statdessen "vielfältige Individualisierungs- und Ausdrucksmöglichkeiten" in den Vordergrund, etwa animierte Bildschirmschoner oder farbige Gehäuseoberschalen in "durchscheinenden, elektrolumineszenten Materialien". Die Finnen wollen mit dem Gerät also wohl vor allem die junge Generation verzücken: Dazu "glüht" das Gerät dann auch wie ein Jedischwert im Dunkeln und kommt mit fünf Java-basierten Spielen, für die es obendrein besondere Gaming-Cover gibt.
Nüchtern betrachtet handelt es sich bei der bunten Ausstattungspalette des 3100 um Kirmes-ähnliche Lichteffekte, die im Rhythmus von Klingeltönen, Spielaktionen, Benachrichtigungssignalen und anderen Telefonfunktionen durch die transparenten Cover blinken. Passend dazu gibt es dann die Java-Spiele Snake EX2, Bowling und Beach Rally an Bord des 85 Gramm schweren Tri-Band-Spaßfunkers, der sich für GSM 900, -1800 und -1900 eignet und auch SMS- sowie MMS-Kommunikation beherrscht. Weitere Java-Anwendungen, Bildschirmschoner und Klingeltöne lassen sich aus dem Internet laden. Subventioniert, also mit Kartenvertrag, kommt das 3100 voraussichtlich für rund 250 Euro im Verlauf des dritten Quartals 2003 in den Handel.
Den Foto-Trend im Mobilfunkmarkt stützt das 3100 nur indirekt: Nokia hat für das Einstiegsgerät die neu vorgestellte Fun Camera nur als Zubehör vorgesehen. Das rund 100 Euro teure Sucher-Gerät hat einen Blitz, eine eigene Stromversorgung und liefert Bilder in VGA-Auflösung. Im 8 MByte großen Speicher lassen sich laut Hersteller mehr als 50 Fotos ablegen. Über die Nokia-eigene Pop-Port-Schnittstelle kommuniziert die Kamera mit anderen Nokia-Handys; an Mobiltelefone anderer Hersteller lässt sie sich nicht anschließen.
Ergänzend zum Nokia 6600 mit seinem VPN-Client stellte der Geschäftsbereich Business Applications das Secure Access System vor, ein Rack-Einschub für die VPN-Absicherung auf Firmenseite, die Nokia mit (der inzwischen aufgekauften) Eizel Technologies und der israelischen Checkpoint entwickelt hat. Das im dritten Quartal verfügbare Secure Access System soll es gestatten, sichere Verbindungen selbst vom Hotel aus aufzubauen oder dem Außendienst Zugang zur Firmenkommunikation zu verschaffen.
Inmitten der bunten Palette von Neuigkeiten fiel es kaum auf, dass das aufwendig gestaltete "Vision Update" von Nokia ohne Vorstellung neuer Geräte für 3G-Netze auskam. (Detlef Borchers) / (dz)