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Apple hats vorgemacht, jetzt stellt auch Sony den Vertrieb seiner Spiele auf digitale Downloads um. Mit der PSP Go haben die Japaner erstmals eine Spielkonsole am Start, die keine rotierenden Plastikscheiben mehr frisst und Kunden mit billigen Mini- Spielen in den Online-Shop lockt.
Nicht einmal anderthalb Jahre nach Eröffnung seines App Store vermeldet Apple, dass seine 50 Millionen iPhone- und iPod-touch-Besitzer bereits zwei Milliarden Dateien aus dem Online-Shop heruntergeladen hätten, eine halbe Milliarde davon allein im vorigen Quartal. Sollte der Trend weiter gehen, dann wären es bereits 2012 sieben Milliarden Downloads – genauso viele, wie Menschen auf der Erde leben. Andere Unterhaltungskonzerne müssen sich also sputen, wollen sie Apple den Markt nicht komplett kampflos überlassen.
Seit dem 1. Oktober buhlt Sony mit der PSP Go um die Gunst der Spieler. Wie auch der neuerdings als mobile Spielkonsole vermarktete iPod touch lädt sie Spiele nur noch digital aus dem Online-Shop. Das UMD-Laufwerk des Vorgängers wurde gegen 16 GByte Flash-Speicher getauscht. Außerdem ist eine Bluetooth-Verbindung hinzugekommen, über die die PSP Go mit Hilfe eines Handys auch unterwegs ins Internet kann. Doch außer der geringeren Größe und dem niedrigeren Gewicht hat der Spieler kaum Vorteile, die den saftigen Preis von 250 Euro (80 Euro mehr als der Vorgänger) rechtfertigen würden. Im Gegenteil: Das Display ist kleiner geworden und der Akku hält nur noch knapp vier statt wie zuvor fünf Stunden durch.
Statt den Preis zu senken, lockt Sony mit kostenlosen Spieledreingaben. Bis zum 10. Oktober konnten sich Go-Käufer das Rennspiel „Gran Turismo“ kostenlos aus dem Shop laden. Besitzern alter PSP-Modelle, denen der Online-Shop ebenfalls offen steht, versüßt Sony bis Ende März mit drei kostenlosen älteren Spielen den Umstieg. Das zuvor diskutierte Austauschprogramm (UMD- gegen Download-Version) wurde hingegen fallengelassen.
Klasse statt Masse
Während in den USA zum Start der PSP Go fast hundert alte Katalog-Titel als Download veröffentlicht wurden, setzte Sony in Europa mehr auf Qualität als Quantität und beschränkte sich auf 14 Titel, darunter zwei Rennspiele aus eigenem Hause und die beiden GTA-Folgen von Rockstar Games. Die meisten kosten 15 bis 20, Einzelfälle bis zu 40 Euro.
Den größten Umsatz erzielt Apple im App Store jedoch mit kleinen Mini-Spielchen für 79 Cent. Um künftig auch die Nachfrage nach billigen Spielen befriedigen zu können, startete Sony die Minis-Reihe, deren Titel drei bis fünf Euro kosten. Im Unterschied zu den Vollpreisprogrammen, die häufig zwischen 0,5 und 1,5 GByte groß sind, und deren Download per WLAN auf die PSP über eine Stunde dauern kann, dürfen die Minis nicht mehr als 100 MByte umfassen, sodass sie innerhalb von fünf Minuten heruntergeladen werden können. Wer dies nicht direkt an seiner PSP erledigen will, kann sich auch über eine Playstation 3 oder am PC mittels Sonys kostenloser Software Media Go im Shop einloggen. In Deutschland startete die Minis-Reihe mit elf Titeln, darunter drei Umsetzungen bereits bekannter iPhone-Spiele.
Branchenriese Electronic Arts bietet den Evergreen „Tetris“ mit aufpolierter Grafik und nervender Musikuntermalung für fünf Euro an. Daneben findet man zahlreiche Titel kleiner unabhängiger Entwickler. So etwa das psychedelische Brainpipe von Hands-On Mobile, das stark an den PS-One-Klassiker N2O erinnert und den Spieler durch bunt pulsierende Adern eines virtuellen Gehirns fliegen lässt. Die PC-Version von Digital Eel gewann beim diesjährigen Independent Games Festival für ihre irren Soundeffekte völlig zu Recht den Preis für „Excellence in Audio“. Allerdings ist die Steuerung mit dem Analogstick etwas überempfindlich, sodass man in späteren Leveln kaum noch den Hindernissen rechtzeitig ausweichen kann.
Probleme mit der richtigen Abstimmung des Analogsticks bemerkten wir auch bei dem Arkanoid-Clone BreakQuest, den das kleine ukrainische Studio Beatshapers für die PSP portierte. Häufig flitzt der Schläger ungewollt an der Kugel vorbei, sodass man Mühe hat, zu allen hundert Leveln vorzudringen.
Honeyslug Limited griff in seinem Plattform-Puzzler Kahoots Elemente von Lemmings und Mario vs. Donkey Kong auf. Um ein buntes wandelndes Gummibärchen zum Ausgang aus einem von insgesamt 50 Labyrinthen zu geleiten, muss der Spieler rechtzeitig Sprungbretter und Fallen verschieben. Das liebevoll gezeichnete Spiel ist zum Preis von drei Euro ein echtes Schnäppchen. Die Mini-Version von Puzzle Scape greift schließlich die Klötzchenschieberei von Lumines auf und unterlegt diese mit Polygon-Grafiken und Trance-Musik. Dem nur drei Euro teuren Minispiel fehlt jedoch der Feinschliff und die Finesse des Originals.
Um den Evaluierungsprozess möglichst kurz zu halten, dürfen die Minis zunächst keine Mehrspieler-Elemente enthalten. Deshalb veröffentlichte Square Enix sein an Metroid erinnerndes Plattform-Shooter-Remake Thexder Neo auch nicht im Minis-Programm, sondern für acht Euro im normalen Shop.
Rubbelcode statt Disc
Sony hat die Zugangsschranken zum Minis-Programm für Entwickler bewusst niedrig gelegt, um möglichst viele neue Ideen von Independent-Studios in den Shop zu hieven. Dabei versuchen die Japaner eine Gratwanderung: Zum einen will man neuen Ideen keine allzu großen Steine in den Weg legen, zum anderen eine Überfüllung wie im App Store vermeiden. Das höhere Preisniveau mag dazu beitragen, dass sich im PSN-Store qualitativ bessere Spiele eher durchsetzen können, als wenn sie sich gegen Tausende 79-Cent-Titel behaupten müssten. Im Unterschied zum App Store und zu Microsofts Xbox Live haben PSN-Kunden bislang aber keine Möglichkeit, die Spiele zu bewerten oder kritische Kommentare abzugeben. Außer einer kurzen Textbeschreibung des Herstellers findet der Kunde keine Zusatzinfos wie Screenshots oder Trailer. Auch Demos sind bislang noch Mangelware – hier muss Sonys Marketing gegenüber Microsoft und Apple noch viel aufholen, wollen sie Kunden zum Spontankauf per Knopfdruck verleiten.
Immerhin baut Sony mit EinfĂĽhrung der PSP Go die Zugangsschranken zum Online-Shop weiter ab. Dort kann man nicht mehr nur per Kreditkarte bezahlen, sondern auch mit Prepaid-Codes, die im Einzelhandel fĂĽr 20 und 50 Euro angeboten werden. Die Rubbel-Gutscheine findet man in den gleichen Blu-ray-Boxen wie Vollpreisspiele. In den USA werden darĂĽber hinaus nicht nur Einkaufsgutscheine, sondern auch Spiele per Download-Gutschein vertrieben.
Mit derartigen Vertriebsmöglichkeiten mag man Händler milde stimmen, die die PSP Go bislang nicht in ihr Sortiment aufgenommen haben, weil sie zu dem Gerät keine Software mehr verkaufen können. Doch auch sie werden den Trend kaum umkehren. Die PSP Go mag zwar wegen ihres saftigen Preises nicht die attraktivste Mobilkonsole sein. Mit ihr kann Sony aber wichtige Erfahrungen sammeln, die sich in zukünftigen Modellen (man munkelt von in Entwicklung befindlichen PSP-Handys und Touchscreen-Versionen) auszahlen.
(hag)