Aufruf zur Breitband-Revolution auf dem Land in Großbritannien

Mit einer Konferenz in der City of London wurde gestern die Kampagne ABC Broadband gestartet, die Breitband-Internet in bisher vernachlässigte ländliche Gebiete bringen will.

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  • Armin Medosch

Mit einer Konferenz in der City of London wurde gestern die Kampagne ABC Broadband gestartet, die Breitband-Internet in bisher vernachlässigte ländliche Gebiete bringen will. Die Initiative geht von Bürgernetzen aus, die Funknetztechnik auf der Basis der 802.11-Standards benutzen, um Highspeed-Internetanschlüsse auch in Gebiete zu bringen, in denen kein Breitband-Internet mittels ADSL oder TV-Kabel möglich ist. Konferenzleiter und ABC-Broadband-Mitbegründer John Wilson betonte, mit dieser Konferenz sei es zum ersten Mal gelungen, Graswurzel-Initiativen, Regierung und Industrie zusammen zu bringen, um gemeinsam an Lösungen des Bandbreitenproblems in ländlichen Regionen zu arbeiten.

Im Vereinigten Königreich haben derzeit rund 70 Prozent der Haushalte theoretisch die Möglichkeit, Breitband-Anschluss zu bekommen. Für die restlichen 30 Prozent lautete die Botschaft jedoch bisher, dass sie Breitband-Internet vielleicht, irgendwann später oder wahrscheinlich nie bekommen können. Um einen Haushalt mit ADSL über existierende Kupferkabel mit dem Internet zu verbinden, geht die British Telecom von maximal 5,5 Kilometer Entfernung zur nächsten Vermittlungsstelle aus, da sonst die Signalqualität zu schlecht wird. Beim deutschen T-DSL beispielsweise darf der Anschluss sogar nicht mehr als 4,3 Kilometer von der nächsten Vermittlungszentrale entfernt sein, bei T-DSL light mit eingeschränkter Bandbreite 4,6 Kilometer.

In zum Teil sehr emotionalen Beiträgen berichteten Bürgernetz-Initiativen von ihren Erfahrungen mit den Versuchen, Breitband-Anschlüsse in ländliche Regionen zu bringen. Viele Projekte begannen damit, Unterschriften für ADSL-Anträge in Dörfern und Kleinstädten zu sammeln. Frustriert von den Erfahrungen mit dem immer noch den Markt dominierenden ehemaligen Monopolbetrieb BT griffen sie schließlich zur Selbsthilfe und begannen, Bürgernetze auf WLAN-Basis aufzubauen. Von Cornwall im Südwesten über Wales bis Yorkshire im Norden Englands entstanden diese Projekte zur telekommunikativen Selbsthilfe. Die Spannweite reicht dabei von selbst finanzierten Do-it-Yourself-Netzen mit einigen Dutzend Teilnehmern bis hin zu komplexen Groß-Projekten mit Tausenden von Usern, deren Aufbau durch Strukturfördermittel ermöglicht wurde. Vor allem die kleinen und mittelständischen Unternehmen sind es zudem, für die das Internet eine der wichtigsten Möglichkeiten ist, ihre Produkte auf neue Märkte zu bringen.

Den auf der Konferenz anwesenden Regierungsvertretern dürfte klar geworden sein, dass es hier um Jobs, neue Industrien und letztlich auch um Wählerstimmen geht -- 4,5 Millionen Wahlberechtigte leben in Regionen ohne Breitband-Internet. Die Regierung hat sich unter dem Motto "Broadband Britain" das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2005 zur führenden Breitband-Nation in Europa zu werden. Wenn dieses Ziel tatsächlich erreicht werden soll, müsse vom bisherigen zentralistischen Planungsstil Abschied genommen und Kampagnen wie ABC Broadband mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, meinten die Initiatoren der Initiative. Sie forderten die Regulierungsbehörde (Radio Authority) auf, mehr Spektrum für lizenzfreie Nutzung zu öffnen, Funknetzbetreibern auf dem Land mehr Flexibilität bei der verwendeten Sendestärke zu erlauben und Graswurzel-Initiativen als Partner für Verwaltung und Industrie endlich ernst zu nehmen. (Armin Medosch) / (jk)