Unter der Haube
Überrascht sein könnte, wer bei Apples jüngstem Spross Mac OS X Release 10.6, Codename „Snow Leopard“, viele neue Features erwartet hat. Es hat sich nämlich hauptsächlich unter der Haube einiges getan. Vielleicht lässt sich damit auch der vergleichsweise niedrige Preis von 29 Euro statt der bisher üblichen 129 Euro erklären.
- Jörg Riether
Wer nicht allzu neugierig war, hat sich zwei Wochen Zeit gelassen mit dem Umstieg auf Apples neue Betriebssystemversion. So lange hat es nämlich gedauert, bis Apple das erste Update, 10.6.1, nachschob und die üblichen Kinderkrankheiten einer x.0-Version behob.
Beim Thema 64-Bit hat Apple mit dem Snow Leopard noch einmal kräftig nachgelegt. Viele integrierte Systemprogramme wie der Finder, iCal, Mail und Safari kommen mit nativem 64-Bit-Code daher und fühlen sich beim ersten Draufschauen teilweise spürbar schneller an. Insbesondere der Finder ist deutlich flotter geworden, was der kompletten Neuentwicklung in Cocoa geschuldet sein dürfte. Doch in den Genuss des 64-Bit-Kernel kommt nur, wer im Besitz eines nagelneuen XServe ist, andere Hardware lädt immer per default den 32-Bit-Kernel. Das ist zurzeit möglicherweise auch besser, da viele Programme von Drittanbietern noch nicht in dieser Umgebung laufen, weil sie die 32-Bit-Kernel-Extensions nutzen. Man kann aber diese Hürde mit Gewalt umgehen und einen Mac mit 64-Bit-CPU zwingen, beim Booten den 64-Bit-Kernel zu laden: Entweder beim Booten die Tasten 6 und 4 gleichzeitig gedrückt halten oder den – frei erhältlichen – Startup Mode Selector nutzen (siehe auch die Screenshots im Aufmacher).
Auch Quicktime haben die Apple-Entwickler komplett überarbeitet. Eine Professional-Version gibt es nicht mehr, das normale Quicktime beherrscht ab sofort von Haus aus auch jene Funktionen, für die man zuvor noch extra zahlen musste. Wer formatbedingt unbedingt noch das alte Quicktime nutzen muss oder möchte, findet auf der Installations-DVD die entsprechende Abhilfe.
Der groĂźe Verteiler fĂĽr Threads
Wie üblich finden interessierte Entwickler die aktuellen Xcode-Tools auf der Installations-DVD. Zwei Besonderheiten aus diesem Bereich preist Apple sogar auf den Produktseiten von Snow Leopard an, zum einen Grand Central Dispatch, zum anderen OpenCL. Ersteres soll Entwickler entlasten, indem sie sich weniger Gedanken um die Verteilung von Aufgaben auf die verfügbaren CPU-Kerne machen müssen. Etwaige Threads kann das Betriebssystem jetzt selbst verwalten, darum muss sich nicht länger die individuelle Applikation kümmern. OpenCL zielt in eine ähnliche Richtung, nur steht hier die Grafikkarte im Fokus: Durch Hardware-Abstraktion muss man künftig keine Rücksicht mehr auf die Art oder Anzahl der eingesetzten Grafikkarten nehmen.
Bei einem Snow-Leopard-Upgrade durch das Verteilen neuer Betriebssystem-Images ist Obacht angesagt: Mac OS X 10.6 setzt zwingend eine GUID-Partitionstabelle (GPT) voraus. Hat man zuvor mit Programmen wie Superduper Images geclont, kann es passieren, dass keine GUID-Partitionstabelle mehr vorgefunden wird. Beheben lässt sich dieser Mangel zum Beispiel, in dem man sein Leopard auf ein externes Medium spiegelt, der integrierten Festplatte mit dem Festplattendienstprogramm eine GUID-Partitionstabelle verpasst und dann zurückkopiert.
Schneeleopard nur noch fĂĽr Intel CPUs
Die Upgrade-Installationszeit betrug auf den getesteten Maschinen (ein Macbook Pro und ein Mac Pro) rund 45 Minuten. Laut Apple benötigt Snow Leopard sieben Gigabyte weniger Plattenplatz, die Testsysteme zeigten nach der Installation sogar 8 bis 10 Gigabyte mehr freien Platz an. Grund für die Differenz könnten die neuen Größenberechnungen und Angaben sein, die in Snow Leopard erstmals zum Einsatz kommen. Man rechnet bei Apple jetzt 1000 (base 10) statt 1024 (base 2) Bytes pro KByte. Die eigentliche Ersparnis von etwa 7 Gigabyte entsteht durch die Kompression von Binärdateien und den fehlenden PowerPC-Code. Snow Leopard lässt sich ergo auch nur auf einem Mac mit Intel-Prozessor installieren. Die PowerPC-Emulation Rosetta gehört weiterhin zum Lieferumfang und wird bei Bedarf automatisch zur Nachinstallation angeboten.
Beim Filevault hat sich leider nichts Spürbares getan. Es ist nach wie vor nicht möglich, die komplette Festplatte mit Bordmitteln zu verschlüsseln. Lediglich der einzelne Anwender kann es für seine gesamten Dateien einschalten. Alternativen wie PGP Whole Disk Encryption for Mac waren bis Redaktionsschluss noch nicht für Mac OS X 10.6 zu haben. Und wer eine Weiterentwicklung von ZFS erwartet haben sollte, wie sie durch die Gerüchteküche geisterte, dürfte enttäuscht sein. ZFS ist bei Snow Leopard kein Thema mehr. Dafür gibt es Verbesserungen beim Handling von per USB angeschlossenen externen Speichermedien: Das Auswerfen ist spürbar schneller als in Leopard, zudem kann Snow Leopard bei der Blockade durch ein Programm auf den Verursacher des Problems hinweisen.
Exchange Server ohne Umwege
Als heimliches Killer-Feature könnte sich die eingebaute Unterstützung für Exchange Server 2007 erweisen. Mail, iCal und das Adressbuch lassen sich jetzt direkt damit synchronisieren. Eine Fähigkeit übrigens, die Microsofts neuem Sprössling Windows 7 noch fehlt – dort ist für alle Kernfunktionen nach wie vor eine separate Outlook-Installation erforderlich.
Die Installation eines Exchange-Kontos ist trivial und geht schnell von der Hand, denn Apple Mail unterstützt die Autodiscover-Funktionen von Exchange 2007, mit denen sich die Kenntnis von Serveradressen erübrigt. Benutzer können sich so ohne Hilfe der IT-Abteilung an Exchange anbinden. Ist Autodiscover im Unternehmen sauber konfiguriert, reicht die Angabe der Mailadresse inklusive Anmeldename und Passwort aus, Mail erledigt den gesamten Rest vollautomatisch und beginnt sofort, die Mails herunterzuladen. Funktioniert Autodiscover nicht, lassen sich die entsprechenden Daten auch manuell eingeben (s. Abbildung).
Eine vorhandene Exchange-/Outlook-Ordnerstruktur wird 1:1 übernommen und in Apple Mail abgebildet. Besonders sympathisch ist das Ganze dann, wenn man zum ersten Mal Apples lokale Suchmaschine Spotlight darauf angesetzt hat. Das Adressbuch wird bei der Einrichtung des Mailkontos übertragen, und iCal synchronisiert sich beim ersten Start automatisch mit dem Exchange-Kalender. Angesichts der Größe heutiger Mailboxen ist die Art der Ablage auf der lokalen Festplatte eine Betrachtung wert. Als Testobjekt dienten eigens für diesen Artikel eingerichtete Testmailboxen von circa 6 Gigabyte Größe. Unter Windows legt Outlook dazu eine große Datei an, Apple Mail erzeugt für jede einzelne Mail einen emlx-File auf der Platte. Der benötigte Speicherplatz war jedenfalls gleich groß. Somit steht einer Nutzung firmenweiter Exchange-Strukturen auf dem Mac ohne den Umweg über Virtualisierer oder Entourage nichts mehr im Weg. Man kann nativ auf Mails, Kontakte und Kalender zugreifen, Änderungen werden sofort online übernommen, alles fühlt sich flüssig und stabil an.
Kleinere Änderungen sollen die Bedienung vereinfachen. So bietet der Papierkorb des Desktops die Möglichkeit, gelöschte Dateien wieder an ihren ursprünglichen Ort zurückzulegen. Wer die Stapelanzeige für Ordner im Dock aktiviert hat, kann jetzt per Maus durch die gesamte Hierarchie im Stapel navigieren – bislang öffnete sich beim Klicken auf einen Ordner das Finder-Fenster. Exposé hat Apple enger an das Dock gebunden: Klicken und Gedrückthalten des Mausknopfs über einer Anwendung zeigt alle ihre Fenster. Aus ihnen kann der Anwender sofort zum gewünschten wechseln.
Das bislang wenig bekannte und benutzte Dienste-Menü („Services“) enthält jetzt nur noch Einträge, die für die aktuelle Situation Sinn ergeben. Anwender können von ihnen nie benötigte Einträge aus einer Liste im Abschnitt Tastatur der Systemeinstellungen entfernen. Dadurch soll das Menü leichter benutzbar und verständlicher werden.
Fazit
Snow Leopard bietet viele kleine Neuerungen unter der Haube. Ein Wermutstropfen für Unternehmen ist nach wie vor die fehlende Möglichkeit einer Verschlüsselung der gesamten Festplatte. Erfreulich hingegen ist die erfrischend einfach einzurichtende und bedienbare Exchange-Unterstützung in Mail. Apple hat sich bei Mac OS X 10.6 Snow Leopard in der Hauptsache auf wichtige und nötige Verbesserungen im Detailbereich konzentriert und auf spektakuläre Gimmicks verzichtet.
iX-Wertung
- geringerer Platzbedarf als die Vorgängerversion
- erleichterte Thread- und Grafik-Programmierung
- gĂĽnstiger Upgrade-Preis
- keine VerschlĂĽsselung der gesamten Festplatte
Jörg Riether
ist spezialisiert auf IT-Sicherheit, HochverfĂĽgbarkeit und Virtualisierung. Er arbeitet als Abteilungsleiter der EDV bei der Vitos Haina gGmbH.
Daten und Preise Mac OS 10.6
Betriebssystem: fĂĽr Apple-Rechner mit Intel-CPU, 10 GB freier Speicherplatz auf der Festplatte, 2 GByte Hauptspeicher
Preise: Upgrade-Lizenz 29 €, Familien-Lizenz 49 €, Lizenz für unbegrenzte Client-Anzahl 499 €
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