Neues Leben für alte Kabel

Mit eleganter Technologie zieht die Wiener Kabel-X aus vergrabenen Leitungen das Kupfer heraus und schafft dadurch Platz für Glasfasern. Fast ohne Bagger könnten so kostengünstig leistungsfähigere Datennetze entstehen. Doch der Teufel steckt im Detail.

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Von
  • Udo Flohr

Dieser Text ist der aktuellen Print-Ausgabe 10/2009 von Technologie Review entnommen. Das Heft kann, genauso wie ältere Ausgaben, hier online portokostenfrei bestellt werden.

Mit eleganter Technologie zieht die Wiener Kabel-X aus vergrabenen Leitungen das Kupfer heraus und schafft dadurch Platz für Glasfasern. Fast ohne Bagger könnten so kostengünstig leistungsfähigere Datennetze entstehen. Doch der Teufel steckt im Detail.

Ende des 19. Jahrhunderts sah St. Louis sich schienentechnisch fest im Griff der Terminal Railroad Association (TRA). Die Eisenbahngesellschaft kontrollierte Gleisnetz, Brücken und Rangierbahnhöfe – und verlangte überhöhte Frachtpreise. Nachdem Industriebetriebe abzuwandern begannen, kam es zu einem der ersten Kartellverfahren der US-Geschichte. Aus dem 1912 zulasten der TRA ergangenen Urteil des US Supreme Court – essenzielle Infrastruktur dürfe sie der Konkurrenz nicht vorenthalten – entstand eine regulative Lehre, die heute auch das europäische Wettbewerbsrecht prägt: die "Essential-Facilities-Doktrin".

Durch Missachtung dieses Grundsatzes, glaubt Norman Bardsley, gebürtiger Amerikaner mit österreichischem Pass, habe die Deutsche Telekom ihn und seine Geschäftspartner um ein Vermögen gebracht. Die Telekom, glaubt Bardsley, hält einen Schatz von über 60000 Kilometern unbenutzter Fernkabel geheim, um ihn nicht Wettbewerbern überlassen zu müssen. Die könnten aus den zwischen 1950 und 1980 – letztlich mit öffentlichen Mitteln – entstandenen Trassen womöglich ein preiswertes Glasfasernetz bauen und so dem Ex-Monopolisten Konkurrenz machen. Folgt man Bardsleys Argumentation, so hat die Telekom bewusst milliardenteure Neukabel vergraben, um sich wettbewerbswidrig einen Infrastruktur-Vorteil zu sichern. Tatsächlich hat die Bundesnetzagentur 2007 entschieden, dass die Telekom Leerrohrkapazität dem Wettbewerb zugänglich machen muss. Indes, bei den 60000 Kilometern handelt es sich zwar um unbenutzte, aber nicht um leere Kabel. Wie werden also aus alten Kupferkabeln Leerrohre und dann neue Glasfaserstrecken?

Dafür fand Bardsleys ehemaliger Geschäftspartner, der österreichische Leitungsbauer Alois Pichler, eine bestechende Lösung: Eine bis zu 400 Meter lange Kupfer-Kabelstrecke wird an beiden Enden zugänglich gemacht. Durch eine Verbindungsmuffe pumpt Pichlers Unternehmen Kabel-X dann ein patentiertes, biologisch abbaubares Gleitmittel zwischen den Kabelmantel und die Kupferseele. Sobald das Gleitmittel den Zwischenraum ausfüllt und am anderen Ende herausschießt, kann man das Kupfer entnehmen. Gleichzeitig führt man am anderen Ende Leerrohre ("Mini Ducts") in den leeren Kabelmantel ein. In die verbundenen Mini Ducts wird später Glasfaser "eingeblasen". Ein vierköpfiges Team verarbeitet pro Tag in der Stadt rund 450 Meter, auf offener Strecke 900 Meter.

Da Kabel-X sogar das Kupfer aus der Hausverkabelung rausziehen kann, ließe sich die Glasfaser direkt bis in die Wohnung verlegen. Solches "Fiber to the Home" gilt als heiße Zukunftstechnologie; entsprechende Versuche der Telekom erwarten Experten allerdings frühestens 2015.

2001 stellten die Österreicher ihr Verfahren bei einem Test in Bamberg vor – mit rauschendem Erfolg. "Eine kritische Überprüfung ergab, dass das Verfahren bei dem für die Telekom wichtigen Fernkabeltyp A-WE2Y zuverlässig funktioniert!", schrieb Michael Lintgen vom Darmstädter Zentralbereich Netzinfrastruktur, der bei der Telekom alle Vorgaben im Kabel-Tiefbau verantwortet, am 26. November 2001 an Pichler. "Dieser Kabeltyp ist aus unserer Sicht umso wichtiger, als es ein aufgelassenes Kabelnetz von circa 4400 Kilometer Trassenlänge gibt, das bundesweit alle großen Knotenpunkte miteinander verbindet."

Insgesamt verfüge man über mehr als 60.000 Kilometer inaktives Fernkabelnetz, so Lintgen damals weiter, die für eine Bearbeitung durch Kabel-X "geprüft werden können". Die Technikniederlassungen (TNL) der Telekom hätten bereits "großes Interesse" bekundet und "mehr als 100 Kilometer Möglichkeiten eines zeitnahen Einsatzes" aufgezeigt. Darüber hinaus prüfe die Deutsche Telekom AG, "ob es sinnvoll ist, mit Venture-Kapital in Ihr Unternehmen einzusteigen".

Intern schreibt der Telekom-Manager seinen TNLs am 26. März 2002, das Verfahren könne neue Kabeltrassen "bei der Umrüstung auf Breitband mit sehr geringen Gesamtkosten erschließen". Bei jeder Planung solle frühzeitig überlegt werden, ob eine inaktive Alternativtrasse in der Nähe liege.

Trotz alldem nutzte die Telekom Kabel-X bis heute lediglich auf einer Gesamtstrecke von weniger als hundert Kilometern. Dabei hätte sie gerade beim milliardenteuren Aufbau ihres VDSL-Netzes "im Prinzip bis zu 95 Prozent der Kosten sparen können", glaubt Bardsley. Er will sich sogar erinnern, der Telekom-Experte sei damals so euphorisch gewesen, dass er seinen Job aufgeben und bei Kabel-X einsteigen wollte.

Damit konfrontiert, bekommt Lintgen heute einen Lachanfall. Pichler und Bardsley hätten geglaubt, sie "kriegten 60.000 Kilometer bis übermorgen verglast". Er selbst habe vom ersten Tag an versucht klarzumachen, "dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen".

Nach genauerer Prüfung habe sich, so Lintgen, Kabel-X nur bedingt einsetzbar gezeigt, weil der Löwenanteil des alten Kabelnetzes aus Ort-zu-Ort-Verbindungen über Land bestehe. Doch gerade auf Äckern und unbefestigten Flächen sei Kabel-X zu teuer, zumal sich der Lizenzpreis seit 2001 beträchtlich erhöht habe. "Damals war von fünf bis zehn Euro pro Laufmeter die Rede, mittlerweile spricht man aber von 26 bis 34 Euro." Die beste Technologie bei der Verlegung über Land, erklärt Lintgen weiter, sei heute das "Einpflügen" mit einer hohlen Pflugschar für sechs bis zwölf Euro pro Meter. Kabel-X habe seine Berechtigung in der Stadt, wo das Wiederherstellen komplizierter Oberflächen den Meterpreis schon mal auf 60 Euro erhöhen könne. Auch beim Unterqueren von Straßen und Bahngleisen mache die Technik sich bezahlt. Dies bestätigt der deutsche Kabel-X-Statthalter Erich Blamauer. Beim weiteren Ausbau des VDSL-Netzes am Stadtrand und in Vororten sieht er weiterhin gute Chancen.

So viel Geduld hat Norman Bardsley nicht mehr. Mit Anfragen unter anderem an EU-Wettbewerbskommissarin Viviane Reding und ans Bundeswirtschaftsministerium will er die Telekom dazu bringen, Kabel-X einzusetzen. Doch auch Rudolf Boll, Sprecher der Bundesnetzagentur, sieht dafür wenig Raum: "Der Engpass besteht nicht bei Fernkabeln, sondern zwischen Hauptverteiler und Knotenvermittlung." (bsc)