Im Beziehungsgeflecht steckt das Geld

Aus den USA kommt Software, die persönliche Kontakte der Mitarbeiter zueinander in Beziehung setzt und so Kundenpotenziale und Geldquellen erschließen können soll.

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Von
  • Oliver Lau

Jahrelang haben die Unternehmensberater gebetsmühlenartig wiederholt, wie wichtig es sei, das Know-how der Mitarbeiter zu nutzen, um sich wettbewerbliche Vorteile zu verschaffen. Nachdem der Gesamtheit der Knowledge-Management-Projekte nur ein mäßiger Erfolg beschieden wurde, bahnt sich ein neuer Hype an: das Relationship Management. Nach der Prämisse, dass es nicht wichtig sei, was man weiß, sondern wen man kennt, versuchen Unternehmen wie Visible Path, Spoke Software oder ZeroDegrees die Verknüpfungen im sozialen Netzwerk der Mitarbeiter zum Vorteil des jeweiligen Unternehmens auszubeuten.

Die Programme dieser Software-Hersteller durchforsten E-Mails, Adressbücher, Buddy-Listen von Instant Messengern und Terminkalender nach Kontakten. Zwischen diesen stellen sie Beziehungen her und geben so Aufschluss darüber, wer wen kennt. Wer diese Beziehungsgeflechte zu interpretieren weiß, so die Software-Anbieter, der eröffnet sich neues Kundenpotenzial oder erschließt leichter als zuvor bislang unbekannte Geldquellen.

Beziehungen seien der größte und zugleich am wenigsten sichtbare Vermögensgegenstand in Unternehmen, heißt es etwa bei Visible Path. Der Chef des Unternehmens, Antony Brydon, freut sich, dass es nun endlich möglich geworden ist, aus diesem Kapital Gewinn zu schlagen. Früher hätten die Leute noch Telefonnummern im Kopf gespeichert und nicht niedergeschrieben. Heute sei das bei der Vielzahl von Nummern und E-Mail-Adressen, die man sich pro Kontakt merken müsste, kaum noch möglich. Auch seien die meisten Rufnummern bei einer Länge von zehn und mehr Stellen nur schwer zu behalten -- und deshalb speicherten die Leute sie immer häufiger auf ihrem PC, oder besser noch: in zentralen Datenbanken. Dort könnten die Daten dann von einer Software in Beziehung zueinander gesetzt werden.

Dieses Relationship Mining als Sonderform des altbekannten Data Mining ruft natürlich Datenschützer auf den Plan. Aber Stan Wassermann, Professor an der Universität von Illinois, Experte für soziale Netzwerke und Berater bei Visible Path, meint etwaige Bedenken entkräften zu können: "Oberflächlich sieht es so aus, als ob Big Brother über die Schulter schaut", aber Visible Path habe zahlreiche Mechanismen in die Software eingebaut, die den Angestellten weiterhin die volle Kontrolle über ihre persönlichen Daten gebe -- und sei es, dass sie der Software die Abfrage eines Kontaktes gänzlich verbieten können.

Visible Path und Spoke Software arbeiten derzeit an Programmen für das Relationship Management, die nach Recherchen des Wall Street Journal Ende des Jahres marktreif sein sollen. ZeroDegrees hat nach Angaben der Zeitung am Wochenende registrierten Kunden eine Beta-Version ihrer Relationship-Management-Software bereitgestellt. "Große Organisationen", die sich für Relationship Management interessieren, müssten mit einer Investition in Höhe von 100.000 US-Dollar und mehr rechnen. (ola)