Wortfetzen von der Tokyo Motorshow
Auf Nippons wichtigster Automesse wurden in der Vergangenheit Trends gesetzt. Zwar sind die Japaner diesmal stärker unter sich. Dennoch warten sie mit interessanten Ideen für die eAuto-Zukunft auf. Ein Protokoll.
- Martin Kölling
Wer auf der Tokyo Motorshow auf Carlos Ghosn, den Chef von Nissan und Renault, trifft, kommt um eine Predigt über die rasche Verwirklichung des eAuto-Paradieses auf Erden nicht herum. Er ist der Priester – und der Nissan-Stand seine Kirche. Doch das Volk der aus aller Welt angereisten Autojournalisten auf dem Parkett diskutiert seinen Sermon. Hören wir einmal hinein, was sie zu sagen haben – ich habe es hier dokumentiert. (Wer Bilder von der Show und einigen Produkten sehen möchte, klicke zudem hier.)
A. aus Amerika: "...Ghosn rechnet bis 2020 mit einem Anteil von Elektroautos am globalen Automarkt von zehn Prozent. Ich glaube, dass er sich dabei verwettet. Sicher werden Elektroautos kommen, aber der Markt wird viel kleiner sein. Ich befĂĽrchte daher, dass Nissan und Renault sich mit den hohen Vorabinvestitionen ĂĽberheben. Als Toyata den Prius entwickelte, hatte der Konzern zig Milliarden Dollar auf der hohen Kante. Nissan heute ist tief in den roten Zahlen und investiert Milliarden in Fabriken, die sich vielleicht in zehn Jahren rechnen."
J. aus Japan: "Das befürchten anscheinend auch Japans Wirtschaftsbürokraten. Ein Beamter hat mir erzählt, dass sich das Wirtschaftsministerium sorgt, dass Nissan an diesem Projekt Pleite gehen könnte."
D. aus Deutschland: "Ihr vergesst, dass die Regierungen in aller Welt den Kauf von Elektroautos in der Anfangsphase massiv mit hohen Subventionen unterstützen werden. Außerdem: Auch wenn das Elektroauto mit vielleicht einem Absatz von ein bis zwei Millionen Stück pro Jahr ein Nischenprodukt bleiben sollte – wenn Nissan dieses Segment kontrolliert, macht es unternehmerisch Sinn. Bei Hybriden ist es genauso. Ihr Weltmarktanteil ist klein, aber Toyotas Absatz an Hybriden groß und inzwischen profitabel."
A. aus Amerika: "Warte mal ab, wie schnell die Regierungen die Subventionen senken werden, wenn sie sie erstmal zahlen müssen. Rechnen wir einmal mit einer niedrig angesetzten Verkaufsförderung von 5000 Euro pro eAuto. Bei 10.000 Stück macht das schon 50 Millionen Euro. Wenn Ghosn wirklich bereits 2013 in den USA 100.000 Stück verkaufen will, sind das schon 500 Millionen Euro allein in den USA. Und kaum ein Privatkunde wird die Elektroautos ohne Subventionen kaufen. Denn ein kleines eAuto kostet wegen der teuren Batterie soviel wie eine Luxuslimousine."
D. aus Deutschland: "Daher setzt Nissan ja auch zu Beginn auf Großkunden wie nationale oder lokale Regierungen oder Großunternehmen wie Stromkonzerne. Die Privatkunden können sie – wenn alles glatt geht – bedienen, wenn sie durch Massenproduktion und technische Weiterentwicklung die Kosten senken können."
A. aus Amerika: "Dennoch bleibe ich dabei, dass der Kundenkreis nur eingeschränkt ist. Die Reichweite ist mit derzeit 160 Kilometern einfach zu klein. Und die kitzelst du auch nur raus, wenn du extrem vorsichtig mit dem Gaspedal umgehst und die Klimaanlage ausgeschaltet lässt."
F. aus Finnland: "In Finnland sehe ich auch keinen Markt. Eine Tour von Helsinki in unsere Wochenendhäuschen braucht locker mal 260 Kilometer. Und im Winter willst du nicht ohne Saft in der Wildnis liegenbleiben. Ich frage mich zudem, ob die Batterie die Wintertemperaturen aushält."
D. aus Deutschland: "Alles richtig, aber denkt mal nicht nur an Amerika, Japan und Europa. China wirft sich mit aller Macht hinter Elektroautos, weil die Regierung hofft, dass die chinesischen Hersteller bei dieser neuen Antriebstechnik die angestammten ausländischen Hersteller überholen können. Bei Verbrennungsmotoren sind die ausländischen Marken uneinholbar enteilt und die Chinesen hängen von Technikimporten ab."
C. aus China: "Richtig, doch bei Elektroantrieben und billigen Batterien verfügen die Hersteller bereits über Technik. China ist schließlich ein wichtiger Produzent von Golfcarts. Außerdem werden die großen chinesischen Autokonzerne vom Staat kontrolliert. Und wenn die Regierung sagt, wir setzen voll auf Elektroautos, dann machen die das über Nacht. Und denkt daran, China hat in den vergangenen Jahren massiv in Schürfrechte für seltene Erden investiert und kontrolliert große Teile der Vorkommen für Lithium, ohne die keine Lithium-Ionen-Akkus hergestellt werden können."
A. aus Amerika: "Vielleicht haben die Chinesen ja mehr Lust, dass ihnen die Akkus um die Ohren fliegen."
C. aus China: "Unterschätzt die Chinesen nicht. Die Arbeiter können richtig angeleitet schon heute Spitzenqualität liefern. Nach dem was mir ein Nissan-Manager gesagt hat, rangieren Nissans chinesische Werke in der Produktqualität im internen Fabrikenvergleich auf dem ersten oder zweiten Platz."
Und so wogen die Pros und Kontras hin und her. Recht haben irgendwie alle, weil keiner weiĂź, was wirklich kommt. Denn wir reden ĂĽber die Zukunft, und die liegt nach dem heutigen Stand der Technik noch im Dunkeln.
Einigermaßen sicher können wir uns nach der Tokyo Motorshow nur darüber sein, dass einige Hersteller ihr Glück bei eAutos nicht unversucht sein lassen wollen. Warten wir mal ab, wie sich Nissans Erstling, der Leaf, ab Ende 2010 schlagen wird.
(bsc)