Die Stromlücke, ein Rätsel

Zahlen sind geduldig – es kommt darauf an, wie man sie liest. Umweltbundesamt und Fraunhofer IWES lesen sie jedenfalls anders als die Deutsche Energie-Agentur.

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Von
  • Niels Boeing

Die zuletzt wieder aufgeflammte Diskussion um die so genannte Stromlücke, die beim Festhalten am Atomausstieg und beim schrittweisen Zurückfahren von Kohlekraft drohe, kann einen ratlos machen. Alle Fachleute haben Zugriff auf dieselben Daten. Aber die einen sagen, die Stromlücke sei unausweichlich, die anderen, sie sei eine Mär.

Da lohnt es sich, die Zahlen noch einmal genauer anzuschauen. In die Welt kam die Stromlücke im vergangenen Jahr durch eine Analyse der Deutschen Energie-Agentur (dena). Die fand heraus, dass der Bundesrepublik 2020 eine Kraftwerksleistung von mindestens 11.700 Megawatt fehlen würde, wenn der Anteil der Erneuerbaren Energien auf 30 Prozent und der von Kraft-Wärme-Kopplung auf 25 Prozent hochgeschraubt werden sollte und nicht zugleich auch neue (hocheffiziente) Kohlekraftwerke gebaut würden – bei einem Rückgang des Stromverbrauchs um acht Prozent. Bei gleichbleibenden Stromverbrauch seien es sogar 15.800 Megawatt.

Das Umweltbundesamt (UBA) klopft in einer aktuellen Studie die Annahmen der dena-Studie detailliert ab und kommt zu einem anderen Ergebnis:
- 2020 werden noch gemäß dem bisher gültigen Fahrplan zum Atomausstieg 5.300 Megawatt AKW-Leistung installiert sein. Das sind 2.800 Megawatt mehr als von der dena angesetzt.
- Die dena ding davon aus, dass bis 2020 alle Erdgas-Kombi-Kraftwerke und Ölkraftwerke stillgelegt würden, die vor 1980 gebaut wurden. Weil diese alten Anlagen aber nicht im Dauerbetrieb laufen, sondern "ausschließlich zur Abdeckung der Spitzenlast und zur Bereitstellung von Regel- und Reserveleistung", hält das UBA sie auch über 2020 hinaus für nutzbar - und zwar ohne dass eine große Nachrüstung nötig wäre. Das bringt zusätzlich 3.700 Megawatt.
- Regelbare Lasten könnten laut UBA "auch bei konservativer Betrachtung" im Jahr 2020 weitere 1.500 Megawatt bereitstellen (für Regel- und Reserveleistung).
- Gasturbinen würden 1.000 Megawatt leisten, weil das UBA ihre Verfügbarkeit wesentliche höher einschätzt als die dena (86 statt 42 Prozent).
- Die Jahreshöchstlast würde laut UBA schon 2020 und nicht erst 2030, wie von der dena angenommen, um sieben Prozent sinken. Das würde zu einer Entlastung von 1.500 Megawatt beitragen.
- Auch bei der Gesamtleistung der Braunkohlekraftwerke kommt das Umweltbundesamt zu einer anderen Einschätzung: 2020 werden noch 2.200 Megawatt mehr zur Verfügung stehen, als die dena schätzt.

Zusammengenommen sind das 12.500 Megawatt.

Das UBA kommt zu dem Schluss: "Die von der dena ermittelte so genannte 'Stromlücke' - sofern sie denn existieren würde - wäre also auch bei den Annahmen der dena ausschließlich eine 'Leistungslücke', jedoch keine 'Energielücke'."

Nun wird ebenfalls seit längerem davor gewarnt, dass wir mit dem Ausbau der – schwankenden – Erneuerbaren Energien ein Problem mit der Grundlastversorgung bekommen würden. Für die seien Kohle- und Kernkraftwerke nötig, die das ganze Jahr über laufen können (also mehr als 8000 Stunden im Jahr). Eine zusätzliche Studie für das Bundeswirtschaftsministerium beziffert den Neubaubedarf an (fossilen) Grundlastkraftwerken bis 2020 auf 20.000 Megawatt Leistung. Das UBA hingegen kommt mit anderen Modellannahmen auf einen Bedarf von 11.000 Megawatt – von denen sich bereits heute 10.000 Megawatt im Bau befinden.

"Bis zum Jahr 2020 besteht daher – mit den eingangs dargestellten Modellannahmen – kein zusätzlicher Bedarf an neuen stromgeführten Grundlastkraftwerken", heißt es in der UBA-Studie.

Eine andere Studie vom September, die das Fraunhofer IWES für den Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) erstellt hat, kommt hier zu einem ähnlichen Ergebnis. Danach würde sich der Bedarf an konventionellen Großkraftwerken, die ganzjährig Strom erzeugen, 2020 fast halbieren: von heute 43.900 Megawatt Leistung auf 24.500 Megawatt. Der Rest der (schon verringerten) Grundlast könne dann bereits durch Erneuerbare Energien und Pumpspeicher abgedeckt werden.

Fazit der BEE-IWES-Studie: "Investitionen in zusätzliche fossile Kraftwerke, die auf eine dauerhafte Auslastung angewiesen sind, sind vor diesem Hintergrund voraussichtlich unwirtschaftlich." Mindestens das ist ein Argument, das auch die vier großen Energieerzeuger verstehen dürften.

Für mich bleibt die Frage: Warum halten sie dann so hartnäckig an konventionellen Großkraftwerken fest? Warum steigen etwa Eon und Vattenfall so verhalten ins Offshore-Windkraft-Geschäft ein, das nach Regierungsplänen bis 2020 ja möglichst auf 25.000 Megawatt ausgebaut werden soll? Zumal es auch EU-Ziele für Erneuerbare Energien, Energieeffizienz und CO2-Reduktion gibt, die von Bundeskanzlerin Merkel mitgetragen werden. Nur um sich eine Option offenzuhalten – oder gibt es noch andere Motive? (nbo)