Flash macht mobil

Updates für Flash Pro, Catalyst und ColdFusion, ein Flash Player, der auf fast jedem Smartphone läuft, und Einblicke in die Software von morgen – zu seiner alljährlichen Entwicklerkonferenz Max hat Adobe kistenweise Neues aufgefahren.

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Von
  • Herbert Braun
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FĂĽr Keynote und Sneak Peeks mietete Adobe das Nokia Theatre in Downtown L. A., die ĂĽbrigen Sessions fanden um die Ecke im Convention Center statt.

(Bild: Alexander Hopstein, Adobe Deutschland)

Die Wirtschaftskrise wirkte sich auch auf die große Entwicklerkonferenz „Max“ aus, die Adobe von Macromedia geerbt hat (weshalb traditionelle Adobe-Produkte wie Photoshop, PDF oder InDesign hier nur eine Nebenrolle spielen). Doch obwohl der europäische und der asiatische Ableger der Max dem Rotstift zum Opfer fielen und die Teilnehmerzahl etwas kleiner war als im Vorjahr, konnte der Software-Konzern seinen Gästen im Kongresszentrum von Los Angeles einiges an Neuheiten in Sachen Webanwendungen bieten.

So arbeiteten die Adobe-Entwickler daran, zwei der wichtigsten Argumente gegen Flash zu entkräften: den hohen Ressourcenverbrauch und die mangelnde Unterstützung auf Smartphones, die ja als Surfgeräte immer wichtiger werden. Der kommende Flash Player 10.1 soll auf Windows, Mac OS, Linux, Windows Mobile, Palm webOS, Android, Symbian und BlackBerry OS eine einheitliche Abspielumgebung für Flash-Anwendungen schaffen. Um dieses Ziel zu erreichen, hat Adobe sogar ein „Open Screen Project“ ins Leben gerufen, dem an die 50 Firmen angehören – darunter neuerdings Blackberry-Hersteller RIM und überraschenderweise Google, das ansonsten offene Standards wie HTML5 bevorzugt.

Greg Rewis stellt den Prototypen von "Rome" vor, einer AIR-basierenden Autorenumgebung fĂĽr Dokumente und Animationen.

Schon vor anderthalb Jahren hatte Adobe die Entwicklerteams für die mobile und die Desktop-Plattform zusammengelegt und den Bedürfnissen der Smartphones Priorität eingeräumt. Die Folge: Nach Herstellerangaben hat sich der Speicherverbrauch in Beispielanwendungen durchschnittlich etwa halbiert und die Akku-Laufzeit deutlich verlängert. Die Software zapft den Grafikchip der Smartphones an und unterstützt MultiTouch- und Gestensteuerung, Beschleunigungsmesser und Bildschirmorientierung. So konnte Adobe-Cheftechniker Kevin Lynch auf Smartphones ruckelfreie Videos, gestreamte Musik und sogar eine Videokonferenz mit Acrobat Connect Pro vorführen.

Die einzige Neuerung des Flash Player 10.1, die nichts mit tragbaren Geräten zu tun hat, ist das Projekt „Zeri“: Streaming von Videos soll künftig nicht nur über das Adobe-spezifische Protokoll RTMP möglich sein, sondern auch über HTTP. Für das Rechtemanagement kommt Version 2 von Flash Access auf den Markt, das beispielsweise den Verleih von Filmen oder Werbeeinblendungen ermöglicht.

Eine Beta des Players soll für die meisten Plattformen noch dieses Jahr erscheinen; für das erste Quartal 2010 seien einige Geräte mit Flash Player 10.1 geplant. Flash Lite, den bisherigen Player für Smartphones, wird es weiterhin geben, aber fast ausschließlich als Abspielumgebung für lokale Anwendungen, nicht als Browser-Zusatz.

Fehlt nur das iPhone. Obwohl die Flash-Entwicklergemeinde zu den treuesten Apple-Kunden gehören dürfte (MacBooks und iPhones waren auf der Max allgegenwärtig), sperrt sich der Hersteller des Edel-Telefons bislang gegen den Flash Player. Einen kleinen Trost hatte Adobe aber zu bieten: In Flash Professional CS5 wird es eine Exportoption für das iPhone und den iPod touch geben, mit der sich der AppStore befüllen lässt. Erste iPhone-Anwendungen hat Adobe bereits veröffentlicht, darunter die ultraleichte und kostenlose Bildbearbeitungssoftware Photoshop.com Mobile.

Natürlich wird auch die Laufzeitumgebung AIR von den Flash-Player-Neuerungen profitieren. Die Performance-Verbesserungen kommen RAM-Fressern wie dem Twitter-Client TweetDeck zugute, dessen Speicherverbrauch sich um ein Drittel reduzieren soll. Mit AIR 2, dessen Beta für Ende des Jahres geplant ist, haben Anwendungen Zugriff auf USB-Speichergeräte und auf das Mikrofon, sie lassen sich von Screenreadern auslesen und können Dokumente an das im Betriebssystem dafür vorgesehene Programm weiterreichen. Netzwerkfunktionen auf UDP-Ebene machen es möglich, Server und P2P-Anwendungen mit AIR zu gestalten.

Wie beim Flash Player steht bei AIR das große Ziel am Horizont, eine einheitliche Abspielumgebung für alle PCs, Netbooks und Smartphones zu schaffen – allerdings wird AIR 2 dieses Ziel noch nicht erreichen. Eher im Gegenteil, denn AIR-2-Anwendungen werden plattformspezifische Prozesse aufrufen und mit ihnen kommunizieren können, müssen dann allerdings .exe oder .dmg statt .air heißen.

Parallel zu den Abspielumgebungen renoviert Adobe auch die Entwicklerwerkzeuge. Das bereits erwähnte Flash Pro CS5 soll Ende dieses Jahres als öffentliche Beta erscheinen. Interessanteste Neuerung außer dem iPhone-Export ist das Text-Layout-Framework, mit dem sich Texte über mehrere Layout-Container hinweg verknüpfen lassen. Flash Pro CS5 soll einen besseren ActionScript-Editor mitbringen, kann aber für diesen Zweck auch an Flash Builder übergeben, sodass sich die Kluft zwischen den beiden Programmen verkleinert.

Das auf Code-orientierte Entwickler zugeschnittene Flash Builder 4 (bisher als „Flex Builder“ bekannt) ist nicht wie ursprünglich geplant zur Max fertig geworden. Die dort vorgestellte zweite Beta ist allerdings nahezu Feature-komplett.

Das Gros der Neuerungen gegenüber Flex Builder 3 war bereits aus der ersten Beta bekannt [1]: Templates, Ereignis-Handler, Getter- und Setter-Methoden für Datenquellen, automatische Code-Gerüste und Formulare für serverseitige Anwendungen, ein Netzwerk-Monitor, Builds von der Kommandozeile sowie Verbesserungen beim Dokumentieren, Debuggen und Refactoring. Die zweite Beta rundet diese Features ab und ergänzt unter anderem die Unterstützung für Spark, das in Flex 4 eingeführte Komponentenmodell für Bedienelemente, welches das ältere „Halo“ ersetzen soll.

Mehr zu tun gab es bei Flash Catalyst, einer neuen Software, die aus Photoshop- und Illustrator-Bildern Flash-Anwendungen zaubert und deren Version 1.0 etwa in einem halben Jahr anstehen dürfte. Erst kürzlich beschwerten wir uns über mangelnde Fähigkeiten in Sachen Audio und Video in der ersten Beta [2], da erhört uns Adobe auch schon und ergänzt in der Beta 2 Video-Import und Soundeffekte.

Mit geschmeidigeren Animationen, Filtern (etwa für Schlagschatten oder Glow) und der Möglichkeit, Objekte zu verschmelzen, sehen die Catalyst-Anwendungen jetzt besser aus, aber auch an leichtere Zugänglichkeit für Sehbehinderte haben die Entwickler gedacht. Statt eines Prototypen für die Weiterbearbeitung in Flash Builder kann der Anwender nun eine veröffentlichungsfertige SWF-Datei inklusive eingebetteter Fonts erzeugen oder eine AIR-Anwendung. Catalyst soll jetzt schneller arbeiten und sich leichter bedienen lassen.

Was sich mit all diesen Werkzeugen anstellen lässt, ließ sich auf den Max-Sessions bewundern – zum Beispiel die nahtlose Integration von Videos, Texten und Untertiteln, die mit Hilfe des Flash-basierenden Open Source Media Framework möglich ist. Mit den gewachsenen 3D-Fähigkeiten der Flash-Plattform rücken auch spektakuläre und nützliche Anwendungen von Augmented Reality in Reichweite – etwa ein Musikvideo von John Mayer, das sich mit einem Blatt Papier vor der Kamera im Raum drehen lässt, oder ein virtuelles Paket des U.S. Postal Service, das sich über das Kamerabild legt und dabei hilft, die richtige Verpackungsgröße zu ermitteln.

Hinter dem Blitzlicht der Flash-Plattform führt ColdFusion eher ein Schattendasein, doch der erstmals 1995 erschienene Anwendungsserver hat nach wie vor seine Fangemeinde – und die freute sich auf der Max über Version 9 der Software. Mit ColdFusion 9 können die Entwickler viel einfacher auf Unternehmensdaten zugreifen, etwa auf Microsoft SharePoint, J2EE-Portlets oder Office-Dateien. Die Integration des Persistenz-Frameworks Hibernate erlaubt datenbankunabhängige Anwendungen.

Eine Aufwertung hat die ActionScript/JavaScript-ähnliche Sprache CFScript erfahren, mit der die Entwickler nun komplette Anwendungen oder Komponenten schreiben können. Über AIR-Anwendungen lassen sich mehrere ColdFusion-Server verwalten sowie Datenbanken im Offline-Modus ansprechen. Mit einem instanzenbasierten Lizenzmodell will es Adobe leichter machen, ColdFusion-Anwendungen in der Cloud zu veröffentlichen; ein Amazon Machine Image von ColdFusion 9, mit dem sich die Rechen- und Speicherkapazitäten des Amazon-Netzwerks nutzen lassen, befindet sich im geschlossenen Betatest.

Passend zum Anwendungsserver arbeitet Adobe an einem neuen Entwicklungswerkzeug, das wie Flash Builder auf Eclipse basiert und von dem auf der Max die zweite Beta vorgestellt wurde. Die Ähnlichkeit dieser Programme erlaubt es, Client- und Server-Code eng miteinander zu verzahnen.

Cloud Computing und engere Flash-Integration waren auch zwei Stichworte für die neu erschienene Business-Software LiveCycle Enterprise Suite 2. Schicke Anwendungen für die Zusammenarbeit sollen sich mit dem LiveCycle Collaboration Service (ehemals Projekt „CoCoMo“) leicht erstellen lassen.

Längst veröffentlicht Adobe nicht nur Software, sondern stellt auch Dienste bereit; laut CEO Shantanu Narayen ist die Firma der zweitgrößte SaaS-Anbieter. Der neue Bezahldienst „Shibuya“ sorgte für Fragen bei den Max-Besuchern: Will Adobe PayPal Konkurrenz machen? Fürs Erste jedenfalls nicht, denn Shibuya richtet sich ausschließlich an Entwickler von AIR-Anwendungen, die ihre Software ohne viel Aufwand verkaufen wollen, auch über ein Shareware-Modell.

Auf Adobes AIR Marketplace lässt sich Shibuya bereits in Aktion erleben; bezahlen können damit bisher nur Nutzer in den USA und in Kanada. Bleibt die Frage, ob Adobe Shibuya eines Tages als Bezahlsystem für Dokumente etablieren könnte – mit ihrer einzigartigen Machtposition in der Online- und Offline-Welt scheint die Firma dafür prädestiniert.

Auch die Akquisition von Omniture drei Wochen vor der Max war eine Erweiterung von Adobes Geschäftsmodell. Omniture analysiert, optimiert und personalisiert große Websites, wobei man gespannt sein darf, ob sich das irgendwann in Adobe-Produkten oder -Diensten niederschlagen wird – so wie aus dem Kauf von Urchin das erfolgreiche Google Analytics geworden ist.

Während man im Weißen Haus den Sekt kaltstellte für die Auszeichnung der Adobe-Gründer Charles Geschke und John Warnock mit der National Medal of Technology durch Präsident Obama, packten in Los Angeles die Adobe-Entwickler ihre Wunderwerke für die stets mit Spannung erwarteten „Sneak Peeks“ aus – Projekte, die vielleicht irgendwann Produkte werden oder in welche eingehen.

Auch bei der diesjährigen Auflage war manches dabei, das die Entwickler lieber heute als morgen hätten: eine simple Schwerkraft-Engine für Flash-Animationen, ein hierarchisches Undo in Fireworks, ein drehbarer Pinsel in Photoshop, eine mobile Variante des Flex-Frameworks, das Einfügen von Vektorgrafiken als Canvas in DreamWeaver-Webseiten, ein verbesserter Flash-Debugger.

Zu den Stars des Abends zählte das Projekt „Rome“, ein Editor für Animationen, Präsentationen und Dokumente, der selbst in ActionScript geschrieben ist. Die mit AIR am Horizont aufgetauchte Vision von mächtigen Anwendungen, die selbst auf Flash-Technik basieren, rückte damit ein Stück näher.

In den Schatten gestellt wurde das allenfalls von „Patchmatch“, einer Photoshop-Ergänzung, die das Spot Healing Tool verbessert: Das experimentelle Werkzeug beobachtet die Umgebung der zu retuschierenden Stelle und errechnet daraus die wahrscheinliche Füllung. Ob Bisons auf der Wiese, Kratzer auf dem Dia-Scan oder Strommasten im Wald – ein Pinselstrich ließ die unerwünschten Bildelemente auf geradezu magische Weise verschwinden. Wenn Patchmatch auf den Markt kommt und in Wirklichkeit auch so gut funktioniert wie auf der Demo, wird sich die Beweiskraft von Bildern dem Nullpunkt annähern.

[1] Herbert Braun, Flash-Magie, Adobe veröffentlicht Vorabversionen von Flash Catalyst und Flex 4

[2] Frank Puscher, Flash fĂĽr Grafiker, Webdesign mit Adobe Flash Catalyst

www.ctmagazin.de/0923018 (heb)