Letzte Fragen: "Kann man eine Seele simulieren?"
Dietrich Dörner, emeritierter Leiter des Instituts für Theoretische Psychologie der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, spricht mit Technology Review über den Kern des Menschen - und inwieweit er sich technisch abbilden lässt.
- Udo Flohr
Dieser Text ist der Print-Ausgabe 10/2009 von Technologie Review entnommen. Das Heft kann, genauso wie die aktuelle Ausgabe, hier online portokostenfrei bestellt werden.
Dietrich Dörner, emeritierter Leiter des Instituts für Theoretische Psychologie der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, spricht mit Technology Review über den Kern des Menschen – und inwieweit er sich technisch abbilden lässt.
Technology Review: Herr Professor Dörner, was ist eine Seele?
Dietrich Dörner: Kurze Antwort: ein Lebensprinzip, so Aristoteles. Ein Lebensprinzip ist ein System von Regeln, Steuerungen und Überwachungen, die einen Körper lebendig machen. Konkreter: Es wird gemeldet: "Es fehlt Energie", "Es fehlt Wasser". Aufgrund dieser Meldungen – wir nennen sie Hunger und Durst – setzt sich der Körper in Bewegung und versucht, Nahrung und Getränke zu finden. Das ist die motivationale Seite. Es gibt noch viel mehr Motive und auch andere Steuerungen.
TR: Was ist der Unterschied zum Bewusstsein?
Dörner: Bewusstsein haben nicht viele Lebewesen. Jedenfalls nicht, wenn man es – so wie ich – versteht als die Fähigkeit, sich selbst zum Objekt der eigenen Betrachtung zu machen. Das heißt, dass man sagen kann, ich bin jemand, der jähzornig ist oder der gern arbeitet. Wenn man so etwas sagen kann, würde ich das als Bewusstsein bezeichnen.
TR: Aber zur Seele gehört auch das Unbewusste?
Dörner: Natürlich. Hauptsächlich sogar. Aristoteles unterscheidet etwas grob, aber nicht unvernünftig eine Pflanzenseele, eine Tierseele und dann eben die menschliche Seele. Was ich soeben als Bewusstsein beschrieben hatte, kommt nur dem Menschen zu. Nur bei ihm kommt Selbstreflexion mit hinein.
TR: Wie simulieren Sie solche Denkprozesse und GefĂĽhle?
Dörner: Denkprozesse sind nichts Einfaches. Letzten Endes kann man sie aber in neuronalen Netzen – als gesteuerte Assoziationen – beschreiben. Wenn ich also überlege, ich will jetzt in die Stadt fahren, aber da ist eine Baustelle, wie lange muss ich da warten, wäre es besser, einen Umweg zu fahren… Das ist ein typischer Alltags-Denkprozess, den man sich als eine Folge kontrollierter Assoziationsprozesse in einem assoziativen Netzwerk vorstellen kann. Kontrolle ist dabei sehr wichtig. Ich kann mir also zum Beispiel sagen, warum sollst du überhaupt einkaufen, du bist eh zu fett, du solltest was ganz anderes essen. Es spielt nicht nur mein derzeitiger Hunger eine Rolle.
TR: Ihre Simulation benötigt also eindeutige Vorstellungen von Denkprozessen?
Dörner: Das ist nicht ganz richtig. In unserer synthetischen Psychologie versuchen wir, Seelenprozesse zu verstehen, indem wir sie nachbauen. Denn die Psychologie weiß bis zum heutigen Tage nicht, was eigentlich Denken ist, was Intelligenz ist, was Gefühle sind.
TR: Wie simulieren Sie das Unbewusste – das geht doch beim Computer gar nicht?
Dörner: Im Gegenteil: Beim Computer gibt es ja eigentlich nur das Unbewusste. Wenn Bewusstsein Selbstreflexion bedeutet, dann ist der Computer dazu – zumindest heute – nicht in der Lage. Im Übrigen sind beim Denken auch viele Prozesse unbewusst. Wir haben einen Einfall, und wir wissen nicht, woher er kommt. Wir haben die berühmten Intuitionen. Das kann man alles genauso simulieren, wie man Denkprozesse simuliert: Indem man sie als Prozesse in simulierten neuronalen Netzwerken nachbaut.
Mehr Antworten:
Dietrich Dörner
"Bauplan fĂĽr eine Seele". Rowohlt Verlag, 1999, 831 Seiten, 14,95 Euro.
Johanna KĂĽnzel
"PSI lernt sprechen – Erste Schritte zur verbalen Interaktion mit dem Autonomen Künstlichen Agenten PSI". Dissertation, Universität Bamberg, 2004.
(bsc)