Das Jules-Verne-Syndrom
Der schwarz-gelbe Koalitionsvertrag verliert zwar viele Worte ĂĽber Bildung, Forschung und Technik. Aber sie klingen nach einer geistlosen Technokratie, die die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat.
- Niels Boeing
Die schwarz-gelbe Koalition schreibt sich in ihrem Koalitionsvertrag auch Bildung, Forschung und Technik ganz groĂź auf die Fahnen. Wer wĂĽrde dem widersprechen wollen?
Was den Koalitionären dazu eingefallen ist, liest sich alles in allem aber genauso uninspiriert wie andere Vorhaben. Denn wie immer werden die drei zuerst als Mittel zu einem ganz besonderen Zweck betrachtet: die Bundesrepublik global wettbewerbsfähiger zu machen.
Zwar heiĂźt es weiter vorne im Vertragsentwurf: "Der Klimaschutz ist weltweit die herausragende umweltpolitische Herausforderung unserer Zeit."
Aber wo die Prioritäten wirklich liegen, wird an anderer Stelle klar: "Forschung, Innovationen und neue Technologien sind die Grundlage für künftigen Wohlstand. Sie sind die Quellen von wirtschaftlichem Erfolg, von Wachstum und Beschäftigung. Zugleich helfen sie, den großen Herausforderungen unserer Zeit, dem Klima- und Umweltschutz, dem Kampf gegen Armut und Krankheiten wirksam zu begegnen."
Alles also beim Alten: erst Wohlstand, Wirtschaft, Wachstum, dann der Rest. Da hilft auch das Wort "zugleich" nicht.
Geradezu lachhaft spitzt sich der Wettbewerbsfetisch dann in folgender Absicht zu: "Wir wollen Deutschland zum Exportweltmeister von Bildungsangeboten machen..."
Natürlich sollen hochbegabte Kinder "besonders" gefördert, soll die Gesellschaft endlich "optimistisch und technik- und innovationsfreundlich" werden. Die Chance dazu bekommen die Bürger in noch mehr Dialogen mit der Forschungswelt, die "den erreichbaren Konsens" ausloten sollen. Und dann, irgendwann, wird hoffentlich der dringend benötigte Run auf Mathematik, Ingenieurwesen, Naturwissenschaften und Technik (MINT) einsetzen.
Das ist wirklich altbacken.
Sicher waren die MINT-Disziplinen in frĂĽheren Zeiten angesagter als heute. Dabei ist es aber nicht so, dass diese Themen die junge Generation kalt lassen wĂĽrden. Das zeigt die TR-Serie zur Technik-Bildung sehr klar. Das Interesse ist da.
Das Problem: Viele Schüler wollen – trotz Interesse – lieber "etwas Kreatives", "etwas mit Menschen" machen (nachzulesen in der aktuellen TR-Ausgabe, die hier bestellt werden kann).
Offenbar bringt nur das Internet all das zusammen: Technik, Kreativität, Soziales, Kultur. Das Internet ist Pop. Klassische Industrietechnik und andere neue Technologien sind es nicht.
Man könnte hier sarkastisch einwerfen, die "jungen Leute" gingen eben der allgegenwärtigen Entertainment-Industrie auf den Leim, und sie hätten nicht (mehr) die Ausdauer, die man zum Beispiel in der Biotechnik braucht. Man könnte das Problem auch einer überkommenen Didaktik anlasten, die die mathematische Seite von Naturwissenschaft und Technik für viele zum Horror macht. Dafür spricht einiges.
Ich glaube aber, dass noch etwas anderes mit im Spiel ist: ein allmählich aufgebautes Unbehagen an einem technisch-industriellen Komplex. Der steht nicht mehr nur für die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik, sondern auch für hierarchische Unternehmen und Intransparenz, für ein nicht-nachhaltiges Big Business und seine atomisierte Planwirtschaft. Die Aussicht, sich in ihn als Wissensarbeiter zum Wohle der nationalen Wettbewerbsfähigkeit einzureihen, zieht nicht mehr.
Der Gründer eines Münchener Nanotech-Start-ups sagte mir einmal, mit seinem neuen Konzept für ein biologisches Analyse-Verfahren (das Patch-Clamp-Verfahren ) hätte er in einem Koloss wie Siemens keine Chance gehabt. Das Startkapital kratzte er mit Hilfe von Bekannten und Familie selbst zusammen - eine Bank hätte sich auf dieses Wagnis nicht eingelassen.
Dieses Problem immerhin will die Koalition anpacken, indem sie das Angebot von Mikrokrediten für Gründer und Kleinunternehmer ausweiten will. Aber trotz solcher und anderer Formulierungen, die modern und aufgeschlossen klingen, erinnert das Beschwören von Forschung und Technik im Koalitionsvertrag doch eher an die geistlose Technokratie, die Jules Verne in seinem Buch "Paris im 20. Jahrhundert" beschrieben hat. Das zeigt schön der dürre Punkt zu Geistes- und Sozialwissenschaften: "Wir werden die Geistes- und Sozialwissenschaften stärken, die von großer Bedeutung für unser kulturelles Gedächtnis und die Gestaltung unserer Zukunft sind", heißt es. Das ist alles.
Da möchte man die Koalitionäre gerne mal zum Hamburger KlimaCampus schicken, in dem die Sozialwissenschaften ein wichtiger Bestandteil der Klimafolgenforschung sind. Denn die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts werden nicht mit den MINT-Disziplinen alleine zu bewältigen sein, so wichtig neue Technologien für eine nachhaltige Wirtschaft auch sind.
Aber für die nächsten vier Jahre müssen wir uns darauf einstellen, dass in Berlin das Jules-Verne-Syndrom die Bildungs-, Forschungs- und Technikpolitik bestimmt.
(nbo)