Die virtuell verbesserte Welt
Drei neue Bauteile aus Japan schicken sich an, Computer, Kameras und vor allem Handys neue Dimensionen zu eröffnen.
- Martin Kölling
Mini-Laser-Projektor, Bonsai-Brennstoffzelle und rauscharmer, pixelreicher Bildsensor – seit der diesjährigen Elektronikmesse Ceatec in Chiba sind mir drei Bauteile japanischer Unternehmen über den Weg gelaufen, die Computer, Kameras und besonders Handys mittelfristig zu ausdauernden Alleskönnern aufrunden könnten.
Auf der Veranstaltung stellte der Fujitsu-Spin-off QDLaser mein persönliches Highlight vor: den ersten massenmarkttauglichen Mini-Laser-Projektor auf der Basis eines grünen Lasers ("quantum dot green laser"), der ursprünglich zur hochsicheren Quanten-Verschlüsselung von Datenübertragungen entwickelt wurde. Der Chef des Start-ups, Mitsuru Sugawara, verspricht damit kleine, verbrauchsarme, ungekühlt arbeitende und fokusfreie Projektoren für Notebooks, Kameras und Handys liefern zu können. Der Unterschied zu dem ersten, in eine Digitalkamera eingebauten Projektor (Nikons Digitalkamera Coolpix S1000pj), der LEDs als Lichtquelle nutzt: Der QDLaser benötigt keine Linse zum Fokussieren des Lichts und kann daher Bilder scharf über Wandecken und räumliche Rundungen projizieren.
Auf dem Stand war ein Prototyp des Lasers ausgestellt. Sein Durchmesser beträgt an der dicksten Stelle gerade 5,6 Millimeter. Insgesamt ist das Bauteil bisher drei Kubikzentimeter groß und damit theoretisch auch für Handys geeignet. Praktisch wird das Gerät wohl zuerst in Notebooks eingebaut, weil der Stromverbrauch laut Sugawara noch über der magischen Grenze von zwei Watt liegt, die bei der derzeitigen Akkutechnik unterschritten werden muss, um zwei Stunden Video projizieren zu können. Innerhalb eines Jahres hofft Sugawara auch diese Marke unterbieten zu können. Bereits im kommenden Jahr soll die Massenproduktion des Lasers aufgenommen werden. Und das Interesse des Marktes dürfte groß sein, denn das Gerät ist mehr als erschwinglich. "Unsere Kosten sind niedriger als zehn Dollar pro Projektoreinheit", meinte Sugawara.
Was mich an QDLaser interessiert, ist das Unternehmensmodell. Ich nenne es "Start-up mit Sicherheitsleine". Als einer der ersten japanischen Hersteller hat Fujitsu die Weisheit besessen, den Laser nicht betriebsintern zu bauen, sondern den Entwickler ausgegrĂĽndet. Interessanterweise stand der Start-up-Chef wenigstens zu Anfang noch auf der Gehaltsliste des Konzerns. Mit diesem Modell hat Fujitsu zum einen das SicherheitsbedĂĽrfnis japanischer Forscher befriedigt und gleichzeitig die Entwicklung eines neuen Produkts entbĂĽrokratisiert und beschleunigt.
Mit Erfolg: Nur zwei Jahre nach der Ausgründung sind eine Reihe von Produkten vor der Marktreife (darunter ein Laser zur Fettverbrennung und einer für optische Datenleitungen). In ein bis zwei Jahren soll das Unternehmen bereits an die Börse gebracht werden, versprach Sugawara mir. Inzwischen haben andere Konzerne das Start-up-Modell kopiert. Panasonic hat beispielsweise anfangs Teile seiner Roboterentwicklung ausgegründet, um den Ingenieuren mehr Freiheiten und ihrer Kreativität mehr Schwung zu geben. Ab dem kommenden Jahr werden Panasonics Roboter (beispielsweise ein Medikamentensortierautomat) in die Krankenhäuser kommen.
Nun noch zu zwei Ideen aus dem Hause Toshiba. Bei der ersten, einer portablen Brennstoffzelle zum Aufladen von Handys, ist nicht nur das Produkt interessant, sondern auch der Anlass für den Verkaufsstart. Ende dieses Monats will Toshiba mit dem auf Japan und 3000 Einheiten limitierten Verkauf (per Internet-Shop) des Dynario genannten, handgroßen Geräts beginnen. Es gewinnt den Wasserstoff für die Stromproduktion aus Methanol. Mit einer Methanolfüllung können zwei Handys aufgeladen werden, verspricht der Konzern.
Das Befüllen der Brennstoffzelle soll nur 20 Sekunden benötigen. Der Verkauf des Geräts (220 Euro, bis zum 24. November inklusive eines rund 23 Euro teuren Fünfer-Packs Methanolflaschen) ist deshalb auf einen kleinen Kundenkreis beschränkt, weil der Konzern offenbar die heimatlichen Hightech-Freaks als Versuchskaninchen benutzen will. Toshiba werde die Kundenreaktionen auswerten und in die weitere Produktentwicklung einfließen lassen, teilt der Konzern mit. Meine Reaktion (auch ohne Test): Bei der Größe und dem Preis ist das Gerät für mich Großstadtbewohner keine Alternative zur klassischen Methode, das Ladegerät mitzunehmen und das Handy aus der Steckdose aufzuladen. Aber es ist ja nur der erste Schritt.
Und dann wäre da noch die dritte bemerkenswerte Innovation der Ceatec: Ein neuer Imagesensor verspricht Schwung in den bislang von Sony beherrschten Bildsensormarkt zu bringen. Nach Sony bringt Toshiba einen eigenen, "von hinten" beleuchteten Bildsensor auf dem Markt, der weitaus weniger rauschen soll als bisherige Produkte. Das neue Bauteil wird – mal zugespitzt gesagt – verkehrt herum eingebaut, so dass das Leitungsgewirr, das bisher zwischen Mikrolinsen und der Photodiode lag und den Lichteinfall verringert hat, hinter der Diode platziert wird. Dadurch kann das Licht durch die Mikrolinse direkt auf die Diode fallen und muss weniger elektronisch verstärkt werden, wodurch das Rauschen vermindert wird. Diese Innovation verspricht die bisher doch noch recht lausige Bildqualität von Handy-Kameras deutlich zu verbessern. Dort will der Elektronikkonzern seinen 14 Megapixel-Sensor auch zuerst anbieten und dann erst Sony im Kameramarkt angreifen.
Zusammengefasst: Die drei genannten Ceatec-Highlights zeigen, dass sich das Entwicklungstempo in der mobilen Gebrauchselektronik auch in der Krise nicht verlangsamt. Nehmen wir noch die allgemein steigende Rechenkraft, die Fortschritte in der Vernetzung und der aufgepeppten Realität (Augmented Reality) hinzu, stehen wir vielmehr auf der Schwelle zur vollvernetzten, video-visuellen, virtuell verbesserten Welt. Okay, vielleicht nicht verbesserten, sondern geschönten oder potenziell verdummenden. Aber die Bewertung ist einerlei. Diese Dinge werden quasi naturgesetzlich kommen, und zwar zunächst in kleinen Trippelschritten, schließlich will die Industrie uns Kunden nicht überfordern. Aber in fünf bis zehn Jahren wird die Umwälzung da sein. Garantiert.
(bsc)