Vom Punk zum Boss
Pennäler, Punk-Musiker, E-Technik-Student und Biologe - die Karriere von Horst Lindhofer nahm einige Umwege, bevor er mit einem vielversprechenden Krebsmedikament zum Pharmaunternehmer wurde. Ein Porträt.
- Manfred Pietschmann
Dieser Text ist der Print-Ausgabe 10/2009 von Technologie Review entnommen. Das Heft kann, genauso wie die aktuelle Ausgabe, hier online portokostenfrei bestellt werden.
Pennäler, Punk-Musiker, E-Technik-Student und Biologe – die Karriere von Horst Lindhofer nahm einige Umwege, bevor er mit einem vielversprechenden Krebsmedikament zum Pharmaunternehmer wurde. Ein Porträt.
Das Gebäude, in dem Horst Lindhofer arbeitet, liegt nicht gerade in Münchens nobelster Gegend. Um ehrlich zu sein, macht der graue Sechziger-Jahre-Kasten im Norden Schwabings mit seinem verwaisten Erdgeschoss zunächst sogar den Eindruck einer Gewerberuine. Falsche Adresse? Nein, ein kleines Hinweisschild am in die Jahre gekommenen Fahrstuhl gibt Auskunft: Trion Pharma GmbH 5. Stock. Dort öffnet sich die Tür in einen hellen, gewinkelten Flur, dem anzusehen ist, dass er im Gegensatz zum Rest des Baus unlängst renoviert wurde. Links und rechts liegen Labore, ein modern eingerichteter Konferenzraum und ganz hinten das Büro von Lindhofer, dem Firmengründer und Geschäftsführer.
Hinter dem vollgepackten Schreibtisch sitzt er im Hemd mit offenem Kragen und aufgekrempelten Ärmeln – ein 50-Jähriger, der so jung aussieht, dass er auch noch als Doktorand durchginge. Und es wäre nicht unpassend, wenn Lindhofer jetzt einen weißen Kittel anziehen und seiner Laborarbeit nachgehen würde. Aber der Biologie hat vor elf Jahren die Rolle gewechselt. Aus dem Forscher und "Laborfreak", als den er sich damals sah, wurde der Firmeninhaber und Geschäftsführer. Seine Trion Pharma GmbH steht jetzt mit ihrem ersten zugelassenen Medikament vor dem Durchbruch. Ihr ist es als erstem Biotech-Unternehmen gelungen, eine neue Klasse künstlicher Antikörper zu produzieren, die mehrere Abwehrmechanismen des Immunsystems gegen Krebs aktiviert. Diese "Triomab" getauften "trifunktionalen" Antikörper zerstören Krebszellen mit bisher unerreichter Präzision, bis zu 1000-mal effizienter als konventionelle Antikörper. Nicht nur, weil sie ganz neue Horizonte in der Krebstherapie öffnet, sondern auch, weil ihr Protagonist sich aus kleinen Verhältnissen hochgearbeitet und durchgebissen hat, ist Lindhofers Erfolgsstory ein modernes Märchen, wie es Hollywood nicht schöner erfinden könnte – eine Geschichte vom Hinfallen und Wiederaufstehen, vom Erkennen und beharrlichen Überwinden von Grenzen und Barrieren. Und vom Glück des Tüchtigen.
Deren vorläufiges Ende ist schnell erzählt: Die trifunktionalen Antikörper haben das Zeug, die Krebstherapie zu revolutionieren, weil sie individuell für einen bestimmten Tumortyp designt sind und auf dessen Zellcharakteristik gleichsam geeicht werden. Einmal in die Blutbahn gebracht, fahnden sie im ganzen Körper nach Zellen des Primärtumors, die eventuell Operation und Strahlentherapie überlebt haben, und können diese zerstören. "Damit sinkt das Risiko von Metastasen enorm", ist Lindhofer überzeugt. Das erste Produkt, Removab, hat die Europäische Kommission im April 2009 für die Behandlung der malignen Aszites zugelassen, einer krebsbedingten Ansammlung von Flüssigkeit in der Bauchhöhle (s. TR 5/2009). Im Juni lagen die ersten Umsatzzahlen auf dem Tisch. "Unser erstes selbst verdientes Geld", lächelt Lindhofer und bringt damit seine Erleichterung über das Ende der elfjährigen Durststrecke zum Ausdruck, auf der Trion Pharma immense Kosten anhäufte. Der Entwicklungsaufwand für neue biotechnische Medikamente liegt für gewöhnlich im dreistelligen Millionenbereich.
Aber das war nicht die erste Durststrecke, die der Münchner durchstehen musste. Als er Mitte der sechziger Jahre mit seinen Eltern aus Oberschlesien nach Deutschland kam, sprach der damals Fünfjährige kein Wort Deutsch. Also musste er, kaum angekommen, in der Schule eine Aufholjagd starten. Es sollte nicht die einzige bleiben. Als er in der 10. Klasse auf dem Gymnasium sitzen blieb, schlug der Klassenlehrer den Eltern allen Ernstes vor, ihren Jungen von der Schule zu nehmen und ihn "Schwachstromelektriker" werden zu lassen. Schwachstromelektriker? Es bedurfte keiner weiteren Motivation, die Klasse zu wiederholen und das Abitur zu versuchen. Aber leicht fiel es ihm nicht.
Nicht so leicht jedenfalls wie das Gitarrespielen. 1973, als David Bowie und Lynyrd Skynyrd wochenlang die Charts anführten, gründete der Beatles-Fan zusammen mit anderen Schülern eine Punkband. Sie brachte es als "U-Bahn-Schacht" zu einigem lokalen Ruhm und surfte später unter dem neuen Namen "United Balls" sogar erfolgreich auf der Neuen Deutschen Welle. Eine Profikarriere als Rockstar lockte. "Warum auch nicht?", kommentiert Lindhofer heute seine damaligen Träume, "mein Abi war sowieso viel zu schlecht, um sofort einen Studienplatz zu bekommen." Und der Erfolg schien ihm Recht zu geben. Im Jahr 1981 landete die Band mit "Pogo in Togo" einen Hit, der es in die Charts schaffte – in Deutschland auf Platz 14, in Australien und Neuseeland sogar auf Platz 1.
Doch die "United Balls" teilten das Schicksal vieler Popgruppen, die wie eine Feuerwerksrakete nur einmal in den Himmel schießen und dann verglühen. Damals, erinnert sich Lindhofer, seien mit dem Ausbleiben weiterer großer Hits die ersten Querelen in der Band entstanden. Was ihm die Einsicht erleichterte, dass er vielleicht doch einen "richtigen" Beruf ergreifen sollte. "Mir wurde halt klar, dass ich doch nicht so begabt war wie John Lennon", erzählt der damalige Songschreiber lakonisch.
Auf Empfehlung der Eltern studiert er Elektrotechnik, was sich ziemlich schnell als Fehler herausstellt. Entsprechend tief fällt der Ex-Musiker in eine Sinnkrise: "Ich war 24 und stand praktisch wieder vor dem Nichts." Da fällt ihm 1984 ein Artikel über die Verleihung des Nobelpreises für Medizin in die Hand. César Milstein, Georges Köhler und Niels K. Jerne haben ihn in jenem Jahr für die Entwicklung monoklonaler Antikörper erhalten. Es war, so empfindet es Lindhofer noch heute, wie eine Offenbarung. Der E-Technik-Abbrecher schreibt sich für Biologie ein. Er beginnt mit Mitte 20 eine Aufholjagd, wieder einmal, und diesmal beweist er Steherqualitäten. Zielgerichtet entwickelt er sein Studium in Richtung Immunbiologie und lässt sich auch nicht entmutigen, als er im Vordiplom durch die Botanikprüfung rasselt. Als Diplomand arbeitet er an der damaligen Gesellschaft für Strahlenforschung (GSF; heute Helmholtz-Zentrum München) an der Herstellung von künstlichen Antikör-pern und promoviert anschließend am Max-von-Pettenkofer-Institut der Universität München, wo er sich als Immunologe dem noch jungen, aussichtsreichen Gebiet der Aids-Forschung widmet.
Lindhofer hätte sich durchaus eine Universitätskarriere vorstellen können, und es sah zunächst auch alles danach aus. Doch dann versiegten die Fördergelder für sein Forschungsprojekt, weil die Patentanmeldung eines großen Pharmaherstellers seinem eigenen Produktentwurf ein jähes Ende bereitete. Der frisch promovierte Biologe, inzwischen verheiratet und Vater zweier Kinder, stand ohne Anschlussvertrag da. In dieser Situation – "meine Frau und ich waren praktisch pleite" – bot ihm sein alter Professor von der GSF eine Stelle an. Dort ging es um Krebs-forschung. Engagiert begab sich Lindhofer auf ein völlig neues Gebiet: die Entwicklung hochspezifischer Antikörper zur Bekämpfung von Krebszellen.
Der heutige Geschäftsführer wird wieder zum Wissenschaftler, als er sein kleines Plastikmodell zur Hand nimmt, um dem Besucher sein Lieblingsthema zu erklären – trifunktionale Antikörper. Diese Immunmoleküle sind geformt wie ein Ypsilon und besitzen zwei spezifische Bindungsregionen. Damals ergaben Lindhofers erste Versuche, beide Bindungsregionen aus Maus-Zelllinien zu kombinieren, eine Fehlpaarungsrate von mehr als 70 Prozent, was jede pharmazeutische Produktion im Keim zunichte machte. Alles geduldige Variieren der Kulturbedingungen brachte keinen Fortschritt, das Problem schien unüberwindbar. Bis der Biologe auf die Idee kam, die spezifischen Bindungsregionen aus unterschiedlichen Zellen zu gewinnen: die eine aus Maus- und die andere aus Rattenzellen. Schlagartig sank die Fehlpaarungsrate auf fünf Prozent. Durch eine Optimierung des Prozesses konnte sie schließlich sogar unter die Nachweisgrenze gesenkt werden. Damit stand einem technischen Herstellungsprozess nichts mehr im Wege.
Lindhofer scheint noch heute überrascht darüber zu sein, wie sich aus dieser Idee alle weiteren Schritte fast wie von selbst ergaben – wie bei einer Linie Dominosteine, deren erster in die richtige Richtung kippt. Der Biologe führte mit ersten trifunktionalen Antikörpern klinische Tests an der Münchner Universitätsklinik durch – mit Erfolg. Dann brachte seine Erfindung ihm eine Patentanmeldung ein, die wiederum Voraussetzung für einen Businessplan-Wettbewerb war. Dem fühlte sich der begeisterte Laborwissenschaftler aber alles andere als gewachsen. Und so suchte er und fand auch einen Mitstreiter, der von Biologie nichts, von Geschäftsdingen dafür umso mehr verstand. Diesem Nachhilfelehrer in Sachen Start-up bot er einen einfachen Deal an: "Wenn wir gewinnen, teilen wir uns das Preisgeld."
Der Businessplan der beiden ungleichen Partner räumt nicht nur einen Preis ab, sondern findet im Handumdrehen auch einen Interessenten – die Fresenius SE in Bad Homburg. Auch dies ist kein Zufall: Die Else-Kröner-Fresenius-Stiftung, die sich seit 1983 der Förderung klinisch orientierter medizinischer Forschung widmet, hat bei der GSF schon Lindhofers Forschungsprojekt finanziert. Nun präsentiert der finanzstarke Pharmakonzern ein verlockendes Kooperationsangebot: Fresenius will die gesamte Entwicklung finanzieren und dafür die Vermarktungsrechte an den entwickelten Medikamenten erwerben. Lindhofer, der sich bis dahin Jahr für Jahr um Fördertöpfe bewerben musste, an denen immer auch seine eigene Stelle hing, überlegt nicht lange. Die Alternative, eine Finanzierung durch Venture-Capital-Geber, verwirft der damals 40-Jährige und greift zu: "Von da an brauchte ich nicht mehr dem Geld hinterherzulaufen", erinnert sich der Firmengründer.
Die Kooperation ermöglichte der 1998 gegründeten Trion Pharma GmbH viele Freiheitsgrade und finanzielle Sicherheit. Lindhofer konnte nicht nur neue trifunktionale Antikörper entwickeln und seine Produkte auf den Marathon klinischer Teststudien schicken, er baute auch – ungewöhnlich für ein biotechnisches Entwicklungsunternehmen – eine eigene Produktionskapazität auf. In kleinen Fermentern werden die therapeutischen Einheiten von Removab für den Markt und für die klinischen Studien weiterer trifunktionaler Antikörper produziert. Nebenbei hat sich Lindhofer, wie er es ausdrückt, "den Luxus eines Schwesterunternehmens gegönnt" – die Trion Research GmbH. Die Minifirma mit nur elf Mitarbeitern ist die Ideenschmiede, in der neue Antikörper entwickelt werden. "Da fühle ich mich noch als Forscher", sagt Lindhofer, der sich inzwischen damit abgefunden hat, eine mittelständische Unternehmensgruppe zu führen und seine Weltneuheit in der Krebstherapie auch bei den Zulassungsverfahren in Europa und den USA zu repräsentieren.
Ist Horst Lindhofer da angekommen, wo er hinwollte? "Doch, ja, natürlich", antwortet der Mann, der mehr als einmal in seinem Leben einen zweiten Anlauf nehmen musste. So wie er dasitzt, in seiner fast schüchternen Freude über "das erste selbst verdiente Geld", wirkt es fast, als könne der Sohn deutscher Spätaussiedler noch gar nicht ganz fassen, dass er mit seiner Firma nun aus dem Gröbsten heraus ist. Sicher, resümiert er, habe er an den wichtigen Weggabelungen seines Lebens das Glück der richtigen Entscheidung gehabt. Und er habe von seinem Wesenszug profitiert, "nicht lockerzulassen, wenn sich Probleme auftürmen".
Aber auch an die Leichtigkeit jener Zeit, in der er fast ein Popstar geworden wäre, erinnert er sich gern. Gelegentlich spielt er heute noch mit seinen damaligen Bandkollegen in einem Übungsraum, den er sich eigens im Keller seiner Firma eingerichtet hat. Und im Mai dieses Jahres stand "United Balls" sogar wieder auf der Bühne, als Trion Pharma und Fresenius Biotech mit einer großen Party die Zulassung von Removab feierten. Möglicherweise rockt Lindhofer bald wieder mit seiner E-Gitarre an der Rampe, hinter sich seine alte Band, vor sich die Mitarbeiter, Partner und Freunde seines Unternehmens. Denn Trion Pharma gehört zu den drei Finalisten, die für den diesjährigen European Biotechnica Award nominiert wurden. Der Preis wird am 5. Oktober während der Biotechnologie-Messe in Hannover verliehen. Und vielleicht gibt es danach ja wieder einen Grund zu feiern. (bsc)