Vom iPhone-Start, der keiner war
Der offizielle Verkaufsstart von Apples "Wunderhandy" in China verlief schleppend. Schuld waren die freien Kräfte des Marktes und zwei Systemkämpfe mit vielleicht demnächst globalen Auswirkungen.
- Martin Kölling
Der offizielle Verkaufsstart von Apples "Wunderhandy" in China verlief schleppend. Schuld waren die freien Kräfte des Marktes und zwei Systemkämpfe mit vielleicht demnächst globalen Auswirkungen.
Als das iPhone in Japan an der Start ging, standen die Menschen eine Nacht lang vor den Läden des Mobilnetzbetreibers Softbank Schlange. Als sich jetzt das gleiche in China wiederholen sollte, belebte sich der Besucherstrom in den Läden von China Unicom, einem der drei staatlichen Provider in dem Land, kaum. Gerade 5000 iPhones verkaufte der offizielle Vertriebspartner von Apple in China. Interessanterweise ist der Fehlstart ein Kind des iPhone-Erfolgs. Dank der – wenn man so will – frei wirkenden (oder manchmal treffender formuliert: unkontrollierten) Kräfte der Marktwirtschaft in China tummeln sich dort bereits bis zu 1,5 Millionen begeisterter iPhone-Nutzer. Deren Geräte sind nicht etwa kopiert, sondern über diverse Graumarktkanäle ins Land geschleust worden. Wo ein Markt ist, ist auch ein Weg.
Es ist ein interessantes Wettrennen zwischen reguliertem (in diesem Fall China Unicoms iPhone) und freiem Markt (Grauimporte, die ironischerweise in China hergestellt wurden). Experten sind skeptisch, ob sich das offizielle iPhone in dieser Situation kurzfristig gegen seine illegitimen Rivalen aus dem eigenen Hause durchsetzen kann. Zum einen ist Chinas Handy-Graumarkt riesig. Er soll Schätzungen von iSuppli zufolge 13 Prozent des Geräteweltmarkts ausmachen und rasant wachsen. Darüber hinaus wird in China Unicoms Produkt mit ausgeschalteter WLAN-Funktion ausgeliefert, während die Graumarkt-iPhones alle Funktionen beherrschen. Zudem wurde das Teil nicht gerade zum Kampfpreis gestartet: Chinesische Kunden müssen für das 32-GB-Modell (ohne Vertrag) bis zu 700 Euro berappen, deutlich mehr als die 400 Euro für Graumarkt-iPhones oder im Westen, wo Geräte subventioniert werden. Als Verkaufsargument dient einzig der Apple-Software-Shop mit seinen Anwendungen. Die Anwender illegitimer iPhones haben Schwierigkeiten, Applikationen herunterzuladen. China Unicom bietet daher eine Art Amnestie: Die Nutzer geknackter iPhones können zum Unicom-Netz wechseln und ihr eingeschmuggeltes Handy trotzdem behalten.
Doch das iPhone ist auch Symbol für zwei größere Systemkämpfe: Da ist erstens der Kampf um die UMTS-Weltherrschaft. China Unicom baut gerade landesweit ein Netz mit dem im Westen gebräuchlichen WCDMA-Standard aus. Der Platzhirsch China Mobile unterstützt hingegen das chinesische Format TD-SCDMA. Beide drücken massiv aufs Tempo, um das Milliardenvolk mit schnellem Datentransfer zu beglücken. Zum zweiten wird in China der Kampf der Betriebssysteme vorangetrieben. China Mobile schickt nämlich das auf Googles Android basierende und von Lenovo, Dell, HTC und anderen Herstellern unterstützte "oPhone"-Betriebssystem gegen das iPhone ins Rennen. Das soll mit ähnlich schicken, großen Icons wie das Apple-Gerät daherkommen.
Auch in Deutschland sollten sich Technik-Interessierte vermehrt für den Ausgang der Kämpfe auf dem chinesischen Markt interessieren. Denn wenn am östlichen Rand der eurasischen Landmasse der berühmte Sack Reis umfällt, werden die Erschütterungen künftig immer stärker auch in Europa zu fühlen sein. Das gilt für die Handy-Technik, weil China mit rund 687 Millionen Verträgen mit Abstand der größte Markt der Welt ist.
Und dies gilt auch für andere Produkte wie Autos. China hat die USA bereits als größten Automarkt abgelöst (allerdings derzeit noch vor allem wegen des dramatischen Einbruchs der dortigen Wirtschaft). Doch Audi sagt bereits voraus, dass die VW-Marke bis spätestens 2013 den Absatz verdoppeln und erstmals mehr Autos in China als in Deutschland verkaufen wird. Insgesamt hat der VW-Konzern in den ersten neun Monaten dieses Jahres bereits mehr als eine Million PKW im Reich der Mitte verkauft. Das sind bereits 22 Prozent des globalen Absatzes. Und da der Markt die Musik macht, dürften die Wünsche der chinesischen Kundschaft den Unternehmenschefs immer deutlicher im Ohr klingen. Die chinesischen Manager (offenbar mitsamt der Politik) hören inzwischen gelegentlich durchaus hin: Die Regierung hat kürzlich Telekommunikationsbeschränkungen gelockert und so den Verkauf von WLAN-Produkten erleichtert. Für den Verkaufsstart des chinesischen iPhone kamen die allerdings zu spät.
(bsc)