Erschwernis-Technologien
Viele IT-Erfindungen sind nicht deshalb so erfolgreich, weil durch sie irgendetwas einfacher wird. Im Gegenteil!.
- Peter Glaser
Viele IT-Erfindungen sind nicht deshalb so erfolgreich, weil durch sie irgendetwas einfacher wird. Im Gegenteil!
Es überraschte mich. Ich war ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass Software in neuen Versionen auch mit neuen und verfeinerten Möglichkeiten ausgestattet wird. Dass ein beachtlicher, neuer Effekt, der in Vorabversionen den Nutzern bereits Appetit gemacht hat, plötzlich wieder entfernt wird, erstaunte mich – so geschehen in Vorab-Präsentationen des Spiels "Diablo 3", in denen man erst noch eine virtuelle Kamera sehen konnte, die es ermöglichte, das Bild zu drehen und in es hineinzuzoomen. In der fertigen Fassung des Spiels wird das nicht mehr gehen. Ein Sprecher des Herstellers begründet das damit, dass "es zu nervig war, der Spielfluss gestoppt wurde ... und es sich schlicht nach zu viel" angefühlt habe.
"Nach zu viel" – ist das nun Möglichkeitenzensur oder ist weniger tatsächlich mehr? In den achtziger Jahren bechrieb mir ein Bekannter den Eindruck, der sich ihm vermittelte, wenn er Texte am Bildschirm las. Ich solle mir vorstellen, man würde eine großformatige Zeitung aufgeschlagen auf einen Tisch legen und sie dann mit einer Pappschablone verdecken, in der ein Fenster ausgeschnitten sei, das eine Zeitungsspalte breit und 24 Zeilen hoch wäre (40x24 war ein damals übliches Textformat am Bildschirm). Um die Zeitung zu lesen, müsse man die Schablone mit dem kleinen Fenster über der Zeitung verschieben. Das Lesen von Text am Bildschirm stellte sich ihm also als eine Einschränkung und eine Zunahme an Umständlickeit dar, und nicht etwa als eine Vereinfachung. Aber darum scheint es beim Fortschritt der Computer- und Kommunikationstechnik auch gar nicht zu gehen – im Gegenteil.
Betrachtet man Dienste wie etwa SMS, Chat oder Twitter, stellt man fest, dass es sich dabei um mit Absicht teils extrem reduzierte Ausdrucksmöglichkeiten handelt. Mit dem selben Telefon, mit dem man sich in gesprochener Sprache und den zusätzlichen Feinheiten im Tonfall miteinander verständigen kann, lassen sich auch 160 Zeichen lange Winzmitteilungen verschicken. SMS kam auf zu einer Zeit, als Computer ständig schneller, bunter, multimedialer wurden und weithin Konsens darüber herrschte, dass eine zunehmend visuelle Komponente den Mainstream der Kommunikationsentwicklung bestimmen würde. Dann, und das auch noch zu einer Zeit, in der in immer mehr Ländern der Telegrammdienst eingestellt wurde, begann der triumphale Siegeszug der SMS, die inzwischen längst zu einem vielfachen Milliardengeschäft geworden ist.
Der Spaß daran war der auf technischem Weg erzeugte Mangel, die Reduktion auf zwei, drei Sätze. Menschen, die SMS schreiben, müssen sozusagen dichten, also einer hohen kulturellen Anforderung genügen. SMS ist, wie viele andere Technologien, nicht deshalb so erfolgreich, weil dadurch irgendetwas einfacher würde, sondern weil dadurch etwas schwieriger wird. Der Mensch liebt Schwierigkeiten – "Kultur ist Reichtum an Problemen", wusste bereits der Autor Egon Friedell –, vor allem liebt der Mensch Schwierigkeiten, die ihn vor kommunikative und spielerische Herausforderungen stellen. Ein Telefonat zu führen oder eine in der Länge unbeschränkte E-Mail zu schreiben, kann jeder; das ganze in zwei, drei Sätze zu packen, ist schon um einiges schwieriger. Ähnlich beim Chat, wo man seine Individualität reduziert und eine Person weder an Handschrift noch an Stimme, Aussehen oder Mimik zu identifizieren ist. Die Herausforderung besteht darin, aus den in unpersönlicher Schrift über den Bildschirm fließenden Äußerungen das Bild einer Person zusammenzusetzten, eine Art psychologischer Version des U-Boote-Versenkens.
Auch die Computernutzung ist erst durch die mutwillige Reduktion und Erschwernis der Bedienung – durch Maus und Bildschirmsymbole – zur Massentauglichkeit gelangt. Jeder Programmierer, der die volle Ausdrucksbreite einer Unix-Kommandozeile zu nutzen weiß, wirft noch heute gelegentlich schale Blicke auf das kleine Fahrkästchen, das die ungreifbaren Räume, die sich zwischen den vernetzten Maschinen eröffnet haben, auf eine zweidimensionale Bildschirmmetaphorik reduziert, die man mit dem bekannten Pfeilsymbol auf dem Weg von einem klickbaren Objekt zum nächsten durchfuchteln muss.
Nach eine Spielphase, in der die neuen Fertigkeiten gesammelt werden, die man beim Umgang mit einer neuen Technologieerschwernis gewonnen hat, nehmen diese einen unterschiedlichen weiteren Verlauf. Während das Chatten wieder ein bisschen aus der Mode gekommen ist, hält man an Maus und Screen-Metapher fest (allerdings notgedrungen, weil der gestengesteuerte Tablettrechner, auf den alle warten, noch nicht auf den Markt kommen möchte). Twitter zeigt unterdessen, dass milliardenfacher Traffic auch mit 140 Zeichen zu machen ist.
In einer anderen populären Reduktionstechnologie, nämlich beim sozialen Netzwerk Facebook, rappelt es inzwischen kräftig im Karton, weil viele Nutzer sich nicht mehr nur mit den verfügbaren, extrem beschränkten Aktionsmöglichkeiten zufriedengeben wollen. Die per Klick aktivierbare Fertigteil-Äußerung "gefällt mir" ist zweifellos als algorithmisch fixierte Version des amerikanischen Optimismus gedacht (eine andere Art von Äußerung ist bei Facebook nicht vorgesehen); dieser Optimismus stellt einen aber beispielsweise, wenn jemand einen Trauerfall bekanntgibt, vor unlösbare Probleme.
Auch eine rasch anschwellende Sammlungsbewegung auf Facebook, die einen "gefällt mir nicht"-Button fordert, greift wohl ein wenig zu kurz. Wie wäre es mit dem gesamten menschlichen Ausdrucksvariantenreichtum? Warum künstlich beschränken? Weil die Leute bescheuert sind und ihnen sonst alles zu kompliziert wird? Weil die Programmierer zu faul sind? Weil die Nutzer kurz gehalten werden sollen und lieber virtuelle Geschenke von irgendwelchen Applikationsanbietern kaufen sollen? Nein, denn das absichtlich Wenige, das die Maschine zu bieten hat, gibt dem Menschen das Gefühl, dass er derjenige ist, der dieser Apparatur zeigt, wo der Barthel den Most holt.
Als Kinder haben wir manchmal ein Spiel gespielt, für das man einen Feldstecher umdrehen muss und mit dem dann auf seine Beine schauen. Durch den umgekehrten Strahlverlauf sehen die Füße aus, als wären sie meterweit weg und die Beine erscheinen dünn und lang wie Stelzen. Dann muss man einen Teppichrand entlanggehen, und da man durch den Feldstecher gesehen wie auf Stelzen geht, kommt man rasch ins Stolpern. Wer es am weitesten schafft, hat gewonnen. Würde man ohne den umgedrehten Feldstecher losmarschieren, könnte man ohne Probleme tagelang ohne eine Abweichung den Rand entlanggehen. Aber das wäre ja nicht innovativ.
(bsc)