Landkarten statt Streams
Die Beatles bringen ihr Werk als USB-Apfel heraus. Tolle Idee, sehr zeitgemäß, aber Vinyl ist trotzdem besser. Ein Lob der Schallplatte, bei dem es nicht um die Klangqualität geht.
- Niels Boeing
Die Beatles bringen ihr Werk als USB-Apfel heraus. Tolle Idee, sehr zeitgemäß, aber Vinyl ist trotzdem besser. Ein Lob der Schallplatte, bei dem es nicht um die Klangqualität geht.
Auch fast vierzig Jahre nach ihrer Auflösung sind die (Rest-)Beatles immer noch für eine Überraschung gut. Seit kurzem wird ihre digital überarbeitete Werkschau auch in Form eines Apfels angeboten, an dessen Stiel man einen USB-Stick mit sämtlichen Songs herausziehen kann. Tolle Idee. Obwohl ich alle Beatles-Alben als Vinyl habe, habe ich doch kurz mit dem Gedanken gespielt, diesen Apfel-Tonträger zu kaufen (der nebenbei daran erinnert, dass Apple nicht nur ein Computerkonzern ist).
Aber eigentlich ist das Vinyl nicht zu toppen. Die Schallplatte ist nicht nur eine Kunstform unter den Tonträgern, die durch ihr Großformat besticht, vor allem bei Klapp-Covern. Sie ist auch eine intuitive Landkarte der Musik: Die Veränderungen im Rillenmuster verraten viel über die Dynamik eines Stückes, und mit ihrer Hilfe kann man Passagen wiederfinden, ohne sich irgendwelche Zählerstände oder Zeitpunkte merken zu müssen.
Man hat sozusagen über den Tonarm einen Zugang in der dritten Dimension auf die zweidimensionale Musikwelt. Die CD hat hingegen nichts Vergleichbares, ein MP3-File nur, wenn man es in einem Programm wie Audacity öffnet, das das Wellenmuster der Aufnahme anzeigt.
Mit dem Datenstream wird ein Musikstück im Wesentlichen wieder zu der linearen Blackbox, die es vor langer Zeit war, als es nur live gehört werden konnte. Zu etwas Flüchtigem, dessen Vorhandensein davon abhängt, dass die arbeitsteilige Technikkultur von heute die passenden Prozessoren, Speicher, Datenformate und Programme verfügbar hält.
Meine älteste Schallplatte ist von 1953. Sie funktioniert ungeachtet aller zwischenzeitlichen Innovationen bei Plattenspielern immer noch. Deren Grundprinzip war damals schon ausgereift.
Ich bin gespannt, ob der Beatles-Apfel im Jahr 2050 noch brauchbar ist. Klar, Musik-Dateien können von einem Format ins nächste hinüberkopiert werden. Und man kann sie natürlich bearbeiten und neue Musik draus machen. Das geht, muss ich anerkennen, mit der Schallplatte nicht, sie ist ein fertiger Gegenstand, den man höchstens zu Obstschalen recyclen kann.
Aber als kultureller Speicher ist sie eigentlich unschlagbar, weil sie im Prinzip sogar rein mechanisch genutzt werden könnte. Nur Bücher sind noch robuster. Der DJ, Musik-Produzent und Blogger Jace Clayton antwortete neulich im Spex-Interview auf die Frage nach den besten Speichermedien in der digitalen Gesellschaft: "Vinyl, Zelluloid, Papier." Im ersten Moment eine seltsame, ja blödsinnige Antwort. Beim zweiten Nachdenken dann völlig richtig (nur beim Zelluloid bin ich skeptisch, wahrscheinlich, weil ich es nicht nutze).
Denn diese physischen Speichermedien haben noch einen großen Vorzug: Man muss sich mit ihnen anders auseinandersetzen. Sie nehmen Platz weg, sie haben Gewicht, sie starren einen ungelesen oder ungehört an und fordern, dass man sich mit ihnen beschäftige - Eigenschaften, die sich mit der totalen Beliebigkeit des digitalen Alles-haben-Könnens nicht vertragen. Sie zwingen dazu, eine Auswahl zu treffen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, die eigene geistige Landkarte zu verfeinern. Tugenden, die heute nicht hoch im Kurs stehen, die wir aber in Zukunft noch brauchen werden. In diesem Sinne: Kauft Schallplatten. Tomorrow never knows.
(nbo)