Molekulare Sonnenbrillen

Zwei neue Wirkstoffe sollen endlich die trockene Makuladegeneration, häufigste Ursache für Erblindung bei über 50-Jährigen, therapierbar machen.

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Von
  • Emily Singer

Zwei neue Wirkstoffe sollen endlich die trockene Makuladegeneration, häufigste Ursache für Erblindung bei Über-50-Jährigen, therapierbar machen.

Die häufigste Ursache für das Erblinden bei Über-50-Jährigen ist die altersbedingte Makuladegeneration (AMD). Bei dieser Krankheit fallen nach und nach die Zellen des so genannten Gelben Flecks, der Makula lutea, auf der Netzhaut aus. Während für die schlimmere, „feuchte“ Form der AMD in den letzten Jahren verschiedene Therapien entwickelt wurden, gab es bislang für die „trockene“ Form, auf die 90 Prozent der Erkrankungen entfallen, keine Behandlungsmethode. US-Forscher wollen der trockenen AMD nun mit einer Art molekularen Sonnenbrille zu Leibe rücken.

Sollten sie Erfolg haben, gäbe es neue Hoffnung für Millionen AMD-Patienten in aller Welt. Allein in Deutschland sind rund zwei Millionen Menschen betroffen. „Wenn wir die trockene AMD behandeln können, schlagen wir außerdem zwei Fliegen mit einer Klappe“, sagt Paul Sieving, Direktor des amerikanischen National Eye Institute. Denn die Molekül-Therapie könnte nicht nur in einen frühen Stadium den Sehverlust stoppen, sondern auch verhindern, dass sich die trockene zur feuchten Form weiterentwickelt, was häufig vorkommt.

Zwar versteht die Wissenschaft noch nicht genau, wie es zum Ausbruch der Krankheit kommt. Genetische Anlagen, Alter und Lebenswandel scheinen gleichermaßen eine Rolle zu spielen. Es gibt aber vermehrt Belege dafür, dass sich im Auge von Patienten bestimmte Substanzen bilden, die den Verfall des Makula-Gewebes beschleunigen. Sie sammeln sich in den lichtempfindlichen Zellen der Netzhaut, wenn deren Pigmente auf Licht reagieren und dabei ihre molekulare Form verändern.

Vor allem ein solches Pigment, das eine Abwandlung des Vitamin A ist, reagiert besonders stark und sickert in das angrenzende Gewebe des Retinalen Pigmentepithels. „Wir glauben, dass diese Substanzen dieses Gewebe belasten. Von ihm hängt aber die Funktionstüchtigkeit der lichtempfindlichen Zellen im gesunden Auge ab“, erklärt Janet Sparrow, Direktorin des Retinal Cell Biology Laboratory an der Columbia University in New York. „Bei der trockenen AMD stirbt es ab, woraufhin auch die Fotorezeptor-Zellen absterben.“

Die Forscher wollen diesen Prozess nun verlangsamen, indem sie die Stäbchen in der Netzhaut – die Zellen, die für das Nachtsehen verantwortlich sind – behandeln. „Am Tage arbeiten die Stäbchen wie verrückt und verschwenden dabei viel Vitamin A. Das ist ein bisschen so, als ob sie die Sensoren einer Digitalkamera grellem Sonnenlicht aussetzen“, beschreibt Ryo Kubota, das Problem. Der Augenarzt ist Gründer des Start-ups Aculela in Seattle, das sich der Therapierung der Makuladegeneration verschrieben hat.

Aculela hat hierfür einen Stoff entwickelt, der das Enzym blockieren soll, das das Lichtpigment von einer molekularen Form in eine andere verwandelt. Weil dieser Prozess nur im Auge stattfindet, werde anderes Gewebe nicht beeinträchtigt, versichert Kubota. Seine Firma hat bereits die ersten Sicherheitstests an Menschen abgeschlossen und wird in einigen Wochen mit der ersten klinischen Studie beginnen.

In der soll untersucht werden, wie gut der Stoff bei AMD-Patienten im fortgeschrittenen Stadium wirkt. Zugleich will Kubota herausfinden, ob er auch gegen diabetische Retinopathie – einem Verlust der Sehfähigkeit bei Zuckerkrankheit – und gegen die Stargardt-Krankheit hilft, eine genetisch bedingte Variante der Makuladegeneration.

Das in Florida ansässige Pharmaunternehmen Sirion Therapeutics arbeitet derzeit an einem ähnlichen Verfahren. Es hat einen Wirkstoff entwickelt, der an einem anderen Mechanismus im Auge ansetzt. Dabei handelt es sich um eine synthetisch hergestellte Vitamin-A-Variante. Indem es sich mit einem Protein verbindet, das an der Lichtreaktion der Netzhautzellen beteiligt ist, soll die Bildung eines Toxins im Auge verhindert werden.

Erste Untersuchungen zeigen, dass die typische Vernarbung, die bei trockener AMD in der Netzhaut auftritt, um fast die Hälfte verringert werden konnte. Ob dieses Ergebnis eine statistische Aussagekraft hat, lässt sich aber erst nach Ende der Studie im kommenden Jahr sagen. Weil es das erste wirksame Medikament gegen AMD sein könnte, hat die US-Arzneimittel-Behörde FDA hat der Prüfung des neuen Mittels höchste Priorität eingeräumt. (nbo)