Sicher wählen mit Geheimtinte
Scantegrity, eine neue Wahltechnologie, soll mit Hilfe eines kryptographischen Verfahrens das maschinelle Auszählen von Stimmzetteln endlich zuverlässig und überprüfbar machen.
- Erica Naone
Scantegrity, eine neue Wahltechnologie, soll mit Hilfe eines kryptographischen Verfahrens das maschinelle Auszählen von Stimmzetteln endlich zuverlässig und überprüfbar machen.
Unvergessen ist das Wahlmaschinen-Debakel bei den US-Präsidentschaftswahlen von 2000 in Florida: In verschiedenen Wahlbezirken hatte die automatische Zählung der gestanzten Stimmzettel versagt. Nach dieser Blamage mit einer altmodischen Stanztechnik sollten es dann Wahlcomputer richten. Aber auch die gelten inzwischen nach diversen Pannen und Sicherheitslücken als problematisch. David Chaum, der Ende der neunziger Jahre bereits das Online-Bezahlsystem Digicash entwickelt hat, gibt aber nicht auf: Mit einem kryptographischen Verfahren will er das maschinelle Auszählen endlich zuverlässig und überprüfbar machen.
Für die Wähler bringe das Scantegrity-System keine große Veränderung, betont Chaum. Die Bürger kreuzen auf dem Stimmzettel wie gehabt einen Kreis neben dem Namen ihres Kandidaten an. Anschließend schieben sie das Papier in ein Gerät, das es einscannt und das Ergebnis abspeichert.
Den entscheidenden Unterschied zu bisherigen Zähltechnologien soll dabei eine spezielle Tinte machen, mit der Wähler sein Kreuz setzt. Sobald die in einem Feld das Papier berührt, erscheint ein zuvor unsichtbarer Code. Den kann sich der Wähler notieren. Wieder zuhause am Rechner, kann er mit ihm in einer Online-Datenbank abfragen, ob seine Stimme auch registriert wurde. Die Codes werden den Stimmzetteln nach dem Zufallsprinzip zugeordnet, damit von ihnen keine Rückschlüsse auf individuelle Wahlentscheidungen möglich sind.
Damit nicht genug, prüfen schon vorher unabhängige Gutachter, dass alle Stimmzettel mit den Zufallscodes korrekt gedruckt werden. Vor einer Wahl werden dann einige Test-Stimmzettel ausgefüllt, um sicher zu gehen, dass auf ihnen auch tatsächlich die Codes erscheinen, die für sie vorgesehen waren. Gibt es hier keine Fehler, gelten die restlichen Stimmzettel als OK.
Nach der Wahl können Gutachter dann zwei Listen checken, die ihnen die Wahlbehörden vorlegen. Auf der einen stehen die Codes mit den dazugehörigen Entscheidungen – ohne Hinweis auf einen Wähler –, auf der anderen die Zählergebnisse. In einem Abgleich beider Listen können sich die Gutachter dann davon überzeugen, dass die sich nicht widersprechen. Das System sei vom Druck der Stimmzettel bis zur Wahlprüfung sicher, bekräftigt Chaum.
Für Alan Sherman, Informatiker an der Universität von Maryland, lässt sich das Scantegrity-System sogar noch besser überprüfen als klassische Papierwahlen, in denen Stichproben nachgezählt werden. „Hinsichtlich der Unverfälschbarkeit des Ergebnisses ist es drastisch besser“, urteilt Sherman, der an der Entwicklung beteiligt war. Ein weiterer Vorteil sei, dass die Wahlergebnisse auch von beliebigen Gutachtern überprüft werden könnten.
Der erste echte Scantegrity-Einsatz fand vergangene Woche bei der Kommunalwahl in Takoma Park, einem Vorort von Washington statt. Ben Adida, Informatiker und Kryptographie-Experte an der Harvard University, wird das Ergebnis als Gutachter überprüfen: „Das Problem mit Wahltechnologien ist ja, dass man endlos über sie streiten kann, ohne am Ende einen Beweis zu haben“ – so wie bei den Präsidentschaftswahlen in Florida damals. Mit dem neuen System hätten sich Wähler und Kandidaten gleichermaßen vergewissern können, dass alles korrekt ausgezählt ist.
Anne Sergeant, die Vorsitzende des Wahlausschusses von Takoma Park, hat Scantegrity im April einem Testlauf unterzogen, um rechtzeitig etwaige Haken entdecken zu können. Immerhin 30 Prozent der Testwähler hätten später zuhause nachgeprüft, ob ihre Stimme auch erfasst worden sei. Danach hätten die Scantegrity-Entwickler ausführlich Wähler und Behörden nach Schwachstellen befragt und noch einiges verbessert. Sergeant ist zuversichtlich, dass die Wähler das neue System akzeptieren.
Scantegrity sei im Vergleich zu anderen Konzepten schon „eine ziemlich gute Mischung aus Benutzerfreundlichkeit, Sicherheit und Verständlichkeit“, lobt auch Ben Bederson, ein Informatiker an der Universität von Maryland, der Wahltechnologien untersucht, die Technologie. Für manche Wähler könnte es aber immer noch zu kompliziert sein, gibt er zu bedenken. Seine Forschungsgruppe ist zu dem Ergebnis gekommen, dass „Wähler bei jeder Form von Verifizierung deutlich mehr Hilfe brauchen“. Wenn die bei der Stimmabgabe verunsichert sind und mehr Zeit als bisher benötigen, könnte es zu Schlangen vor den Wahllokalen kommen – was wiederum einige abschrecken dürfte, überhaupt wählen zu gehen. „Ich möchte wirklich nicht herumkritteln, denn das Konzept ist gutgemeint und erhöht tatsächlich die Sicherheit, aber ich glaube nicht, dass man es im großen Maßstab einsetzen kann“, so Bederson’s Fazit.
(nbo)