Auf der Suche nach dem Echtzeit-Web

Google-Boss Eric Schmidt will die Algorithmen des Internet-Konzerns kĂĽnftig deutlich optimieren, um der Beschleunigung im Netz Herr zu werden.

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Von
  • Erica Naone

Nachrichten sind inzwischen nirgendwo schneller zu finden als bei Twitter. Da wundert es kaum, dass der Internet-Riese Google in diesem neuen Echtzeit-Web mitspielen will.

Der Netzkonzern hat deshalb kĂĽrzlich einen Vertrag mit dem Kurznachrichtendienst geschlossen, der es ihm erlaubt, aktuelle Twitter-Updates in seine Ergebnislisten einflieĂźen zu lassen. Der Deal ist zentraler Teil einer neuen Strategie der Firma, ihr Kernprodukt, die Suchmaschine mitsamt der hochprofitablen Werbevermarktung, weiter im Spiel zu halten.

Google-Chef Eric Schmidt äußerste sich in der vergangenen Woche bei einem Besuch im amerikanischen Cambridge dazu. Dabei erläuterte er nicht nur die möglichen Probleme, die der Aufbau dieser Echtzeit-Suche auf Ebene der Ranking-Algorithmen mit sich bringt, sondern sprach auch davon, dass dieser Wandel zu den schwierigsten Herausforderungen gehört, die Google in Zukunft haben dürfte.

Grundlegende Suchfunktionen haben sich in den letzten Jahren drastisch verbessert. Das hat zu einem intensiveren Wettbewerb geführt, die wichtigsten Netzinformationen so schnell wie möglich für die Nutzer verfügbar zu machen – und zwar am besten immer genau dann, wenn sie im Internet publiziert wurden. Da ist es kein Wunder, dass Microsoft seinen neuen Google-Konkurrenten Bing ebenfalls mit einer Twitter-Anbindung (und einem entsprechenden Vertrag) ausgestattet hat.

Technische Herausforderungen gibt es bei der Echtzeit-Suche genug. Die Mächtigkeit von Googles Suchtechnik liegt vor allem darin begründet, dass sie in der Lage ist, die relative Gewichtung verschiedener Web-Seiten zu ermitteln und eine vernünftige Reihenfolge, eben das Ranking, aufzustellen. Schon das sei bei Twitter-Botschaften ein Problem, sagt Schmidt in Cambridge: "Wie rankt man Tweets untereinander und gegenüber all den anderen Inhalten? Das ist ein Beispiel für die Arbeit, die wir in letzter Zeit geleistet haben und weiter leisten müssen."

Das Problem nehme tagtäglich einen größeren Umfang an, weil immer mehr Informationen ins Netz gestellt würden, so Schmidt. "Vom Anbeginn der Menschheit bis ins Jahr 2003 wurden vielleicht fünf Exabyte an Informationen generiert. Diese Informationsmenge entsteht nun alle zwei Tage." Es habe in den letzten sechs, sieben Jahren eine Explosion des Wissens gegeben. "Das ist schon mathematisch gesehen überwältigend." So überwältigend, dass "wir wissen, dass wir nicht alles haben".

Während große Teile dieser Informationen nur für wenige Menschen wirklich relevant sind, sind sie es dennoch wert, gespeichert und indexiert zu werden, meint Schmidt. "Wir haben das gemessen und eine furchtbar große Menge an Anfragen ist sehr speziell. Es ist eine Tatsache, dass es genug an Daten dort draußen gibt, dass es kein verbranntes Kapital wäre. Es ist tatsächlich sinnvoll, alles zu erfassen."

Natürlich hat Google neben der Suche noch andere Eisen im Feuer. Der Konzern engagiert sich im Mobilbereich mit seinem Betriebssystem Android, arbeitet mit Google Apps an einer Bürosoftware, die Microsofts Office-Dominanz anzugehen versucht. Der Kampf dürfte sich durch den neuen Browser Google Chrome und das darauf aufbauende geplante Betriebssystem weiter verstärken.

Doch keiner dieser Geschäftsbereiche hat für Google eine vergleichbare Umsatzbedeutung wie die Suchmaschine und die darauf aufbauende Werbung, sagt Schmidt, zumindest nicht auf absehbare Zeit. "Das Werbegeschäft ist so groß und wächst so schnell bei uns, dass es noch eine sehr lange Zeit dauern wird, bis die Suche von anderen Dingen überholt wird." Verteilte Umsatzströme blieben natürlich wichtig, doch sei man allein im Reklamesektor so breit aufgestellt, dass man die vergangene Rezession gut überstanden habe. Andere werbefinanzierte Unternehmen habe sie hart getroffen. (bsc)