Schall und Rauch
- Bert Ungerer
Im Juni 1991 konnte iX die Domain ix.de beim Deutschen Network Information Center – damals ein Projekt der Uni Dortmund – registrieren lassen. Ein ähnlicher Plan für die Schwesterzeitschrift c't und somit ct.de blieb etwas zu lange in der Schwebe: Ab 1994 durfte, wer einen Host unter „.de“ im DNS bekannt machen wollte, keine Domainnamen mehr benutzen, die weniger als drei Zeichen hatten, nur aus Ziffern bestanden oder mit der Bezeichnung eines Kfz-Zulassungsbezirks übereinstimmten. Die technischen und administrativen Begründungen dafür, etwa ein Fehler im DNS-Server BIND, waren vage. Sowohl ix.de als auch andere Zwei-Buchstaben-Domains (nicht nur unter .de) haben immer anstandslos funktioniert.
Es grenzt angesichts der hohen Juristendichte im Internet an ein Wunder, dass die heutige DENIC eG erst jetzt auf dem Rechtsweg dazu gezwungen wurde, diese willkürlichen, zum Teil einander widersprechenden und technisch kaum zu begründenden Einschränkungen in einem Fall aufzuheben: vw.de. Aber nur Volkswagen musste für „seine“ Domain durch alle Instanzen gehen. Kaum war das Urteil im Oktober 2009 rechtskräftig, brachen die Dämme.
Die DENIC gab alle genannten Einschränkungen binnen einer Woche auf und löste damit eine heftige Nachfrage nach kurzen Domainnamen aus. Schon wenige Minuten nach der Freigabe waren keine Second-Level-Domains mit einem oder zwei Buchstaben mehr zu haben.
Nachdem sich der Staub gelegt hat, zeigt sich jedoch: Die Nachfrage war da, aber einen inhaltlichen Mehrwert haben die neuen Domains kaum gebracht. Wie denn auch? Wer jetzt noch nicht „im Internet“ ist, wird nicht ausgerechnet durch einen neuen Domainnamen dazu angestachelt. Einige Firmen wie O2 oder HP sind froh, nun zusätzlich mit ihrem Kürzel unter „.de“ erreichbar zu sein. Und natürlich die c't. Den Markt dominieren jedoch Sammler, die kommen und gehen – wie ehedem bei Telefonkarten oder Plastikuhren. Ein kleiner Test im Web zeigt, dass die meisten neuen Domains entweder zu nichts führen oder in eine Art Vitrine: auf einen Domain-Parkplatz.
So wird es wohl auch bleiben, denn Domainnamen allein taugen nicht als Statussymbole wie bestimmte Nummernschilder, die sich an teure Autos schrauben lassen. Eigentlich braucht auch niemand mehrere Domains. Wer würde schon eine neue Rufnummer beantragen, nur damit er mehrmals im Telefonbuch erscheint? Kein Kunde muss die Firmen-Website unter mehreren Domains aufsuchen können, und jede weitere E-Mail-Adresse lockt nur mehr Spam an. Das gilt auch für neue Top-Level-Domains. Ob „.eu“, „.info“ oder „.biz“: Manch einer hat schon genervt die Augen verdreht, der den Namen seiner Firma schon wieder bei einer neuen Registry anmelden lassen musste – nur damit es kein anderer tut, der dann vor Gericht rausgeboxt werden müsste.
Dem größten Teil der Anwender dürften die Domainnamen der von ihnen aufgesuchten Websites sogar egal sein. Sie finden mithilfe von Google und Co. sowie über Browserfunktionen wie Lesezeichen zum Ziel – was Sicherheitsfachleute ohnehin seit Jahren predigen. Der Erfolg eines Internetauftritts hängt vom Inhalt ab, von Produkten und Services – nicht vom coolen Eintrag in einem Namensverzeichnis. (bs)