Scheibenwelt

Eine kleine, sentimentale Reise in die historischen Tiefen der digitalen Aufzeichnungstechnologie.

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Von
  • Peter Glaser

Eine kleine, sentimentale Reise in die historischen Tiefen der digitalen Aufzeichnungstechnologie.

Als ich Ende der siebziger Jahre mit der Homecomputerei anfing, waren Disketten etwas für die Großen. Sowas benutzte man in RECHENZENTREN. Manchmal sah man auf einem Flughafen einen Mann im blauen Anzug, der eine tortengroße Scheibe mit einer transparenten Abdeckhaube bei sich trug – eine Computerspeicherplatte!

Solche Männer handhabten auch Disketten (damals noch im LP-Format; was eine LP ist, liebe Kinder, behandeln wir in der nächsten Stunde). Als normalsterblicher Kleincomputerbesitzer benutzte man damals, um Software zu laden oder zu speichern, einen Cassettenrekorder. Die Programme wurden auf gewöhnlichen Audiocassetten gespeichert. Man wusste: Computer sind rasend schnell, und so dauerte es auch keine fünf Minuten, bis der Ladevorgang vollführt war – jedenfalls, wenn der Rekorder ungestört seiner Arbeit nachgehen konnte. Stieß man unabsichtlich gegen den Tisch, auf dem das Gerät ruhte, schlug die Nadel der Aussteuerungsregelung (die man bereits beim Überspielen von Schallplattenaufnahmen fürchten gelernt hatte) jäh in den roten Bereich aus und das Laden ging in neuer Frische los.

1971 hatte IBM die ersten 8 Zoll (etwa 20 Zentimeter) durchmessenden Disketten auf den Markt gebracht. 1976 führte die Firma Shugart die ersten 5 1/4-Zoll-Disketten ein. Es erwischte mich dann Ende der siebziger Jahre, als ich einen Job als Setzer für eine Stadtzeitung machte. Die Geschäftsführung hatte eine Lichtsatz-Anlage angeschafft, damals hypermodern, und ich hielt zum ersten Mal eine Diskette in der Hand. Abgesehen davon, dass es von der Entwicklerflüssigkeit für die Belichtung der Satzfahnen fortan ständig nach totem Fisch roch, überzeugten mich die Komforts der elektronischen Textverarbeitung.

Die Vernichtung lästiger Manuskripte, die ich eingegeben hatte, ließ sich mit einem einzigen Knopfdruck bewerkstelligen. Es ging sogar noch einfacher: Wenn ich mit dem Bürostuhl ein wenig auf dem Kunststoffteppichboden hin und her rollte, lud ich mich mit ausreichend statischer Elektrizität auf, um den Satzrechner schon durch eine sachte Berührung k.o. zu streicheln.

Wesentlichen Beitrag zur Aufhellung meiner Gemütsverfassung leistete eine Extra-Diskette, die ein Servicetechniker dagelassen hatte. Sie enthielt zwei Programme. Das eine malte einen Weihnachtsbaum aus Buchstaben auf den Bildschirm. Dazu spielte es mithilfe des Tongenerators, der sonst nur PIEP machte, "Oh du Fröhliche". Auch wenn es sich anhörte, wie wenn man einen eingeschalteten Rasierapparat auf einen Porzellanteller legt, so war ich doch begeistert: Die Lichtsatzmaschine versuchte zu SINGEN! Das andere Programm hieß Breakout und war eine Variante der Computerspiel-Pioniertat Pong. Ab sofort saß ich acht bis zehn Stunden täglich vor dem grünen Bildschirm, um Artikel zu setzen, und anschließend weitere drei, vier Stunden, um Breakout zu spielen.

Warum? Warum setzen sich Menschen in Taucheranzügen auf den Grund eines Swimmingpools und spielen Skat? Warum fahren Menschen mit 300 Stundenkilometern tagelang immer im Kreis herum? Meine Augen brannten, ich hatte Kreuzschmerzen und taube Fingerspitzen, und ich spielte Breakout. Ping. Pong. Ping. Es gab nichts zu gewinnen als das Gefühl, es dieser gleichgültigen Maschine gezeigt zu haben, die nie lächelte und so rührend falsch sang.

Alle diese digitalen Wunder wurzelten auf eine Weise, die ich nicht genau verstand, in den Disketten. Anfangs hatte ich Angst, die Diskette wieder aus dem Laufwerk zu nehmen, nachdem das Satzprogramm gestartet war. Ich war mir sicher, dass eine Art geheimer elektrischer Verbindung zwischen der Diskette und dem Computer bestand, die ich abreissen wĂĽrde, wenn ich die Diskette aus dem Laufwerk zog.

Durch einen Schlitz in der schwarzen Diskettenhülle konnte man das Trägermaterial erkennen. Es war die selbe braune Beschichtung wie bei Videobändern und Audiocassetten. In Gestalt der Diskette war das Material aber ehrfurchtgebietender. Auch auf dieses Bestandteil strahlte der Mythos der Computers ab. Nach einer Weile legte sich das aber wieder. Anfang der achtziger Jahre waren viele Wohnungen noch mit Kohleöfen ausgestattet, so auch meine. Neben dem Tisch, auf dem mein Computer stand und sich die Disketten (720 Kilobyte Fassungsvermögen) stapelten, stand der Ascheimer, und da ich zu faul war, ihn jeden Tag runterzutragen, bildete sich eine gelbe Ascheschicht auf allen ebenen Flächen im Zimmer.

In den sechziger Jahren durcheilten Raumschiffe wie die Orion oder die Enterprise mit ihrer stets sauberen Innenausstattung den Weltraum und entwarfen ein Bild der Zukunft. Hätte ich damals jemandem erzählt, dass die Zukunft so aussehen wird, wie in meinem Zimmer, man hätte mich eingeliefert.

Der Sammeltrieb, der sich frĂĽher an Briefmarken und FuĂźball- oder Astronautenbildern entladen hatte, schwenkte nun auf Software um. Die Diskette war das universelle Sammelalbum dafĂĽr. Auch wenn man immer nur sein eines Lieblingskopierprogramm benutzte, sammelte man Kopierprogramme, PacMan-Versionen, alles, was zu kriegen war. Man besuchte sich mit der Diskettenstation unterm Arm und wenn die Diskettenstation des Gastgebers heiĂźlief, kam das mitgebrachte Laufwerk zum Einsatz und das ĂĽberhitzte in den KĂĽhlschrank.

Die Disketten wurden kleiner, robuster und bestimmten die Herrenmode: das einzige, worauf ein echter Computerfreak beim Kauf eines Hemds oder einer Jacke achtete, war, ob die Taschen groß genug waren, um Disketten einzustecken. Dann überholte der Speicherplatzbedarf das Fassungsvermögen der Disketten. Festplatten wurden erschwinglich, CDs und CD-ROMs verbreiteten sich.

Um auf einem Rechner Windows 95 einzurichten, waren bereits mehr als 30 Installationsdisketten nötig. Apple lieferte seine Rechner seit 1998 ohne Diskettenlaufwerk aus. Heute feiert die Diskette in umgewidmeter Form ihr Comeback – als Designobjekt. Vor allem die Gestalt der kleinen 3,5-Zoll-Disketten in der steifen Plastikverkleidung wird gern zu Trinkglasuntersetzern, Notizbuchumschlägen oder Tapetenmustern verfremdet. Es gibt inzwischen CDs in Hüllen, die aussehen wie Diskettenhüllen, USB-Laufwerke im Diskettendesign und in Diskettenform genähte Geldbörsen. Die Floppy Disk lebt – als Symbol einer Zeit, in der die Welt wieder eine Scheibe geworden war. (bsc)