Darth Rupert träumt sich einen Todesstern

Murdoch und Microsoft wollen Google knacken. Bei allem Sarkasmus: Der Vorstoß ruft drei drängende unbeantwortete Fragen zur Zukunft des Internet in Erinnerung.

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  • Niels Boeing

Murdoch und Microsoft wollen Google knacken. Bei allem Sarkasmus: Der Vorstoß ruft drei drängende unbeantwortete Fragen zur Zukunft des Internet in Erinnerung.

Im digitalen Zeitalter ist auch das Böse vergänglich. Noch 1984 hatte IBM aufrechten Zeitgenossen als dessen Inkarnation schlechthin gegolten, verewigt in Ridley Scotts legendärem Big-Brother-Spot für Apple. Nur vierzehn Jahre später hatte bereits Microsoft den zweifelhaften Staffelstab übernommen, der dann auch mit einer Monopolklage seitens der US-Regierung geehrt wurde. Kurz darauf trat in Kalifornien ein Start-up mit dem expliziten Motto "Don't be evil" an. Vergeblich: 2009 ist Google das Böse geworden, das Medienhäuser, Urheber und Datenschützer in Rage versetzt, weil es liederlich mit den geistigen Früchten anderer umgehe.

In diese aufgeladene Situation platzte nun vor zwei Tagen ein Bericht der Financial Times: Medienmogul Rupert Murdoch verhandele mit Microsoft darüber, die NewsCorp-Medienseiten für Googles Suchindex zu sperren und gegen Bares nur bei Microsofts Suchmaschine Bing auftauchen zu lassen. Statt schadenfroh zu sein, erwischte ich mich jedoch bei einer gewissen Bestürzung, ja ergriff innerlich spontan für Google Partei, weil sich Darth Rupert einen digitalen Todesstern erträumt.

Nüchtern betrachtet ist das sicher Quatsch. Nicht nur würden sich Newscorp-Medien einen gehörigen Teil ihres Traffics abschneiden, wie etliche Blogger umgehend notierten (beim Wall Street Journal etwa laufen knapp 27 Prozent der Zugriffe über Googles Suchseite und Google News). Auch wäre es für Millionen User im doppelten Sinne kein Verlust. Zum einen ist die neoliberale Propaganda vieler Murdoch-Medien entbehrlich. Zum anderen ist deren Anteil an den Google-Suchergebnissen ähnlich marginal wie der der deutschen Medien, die die Hamburger Erklärung unterzeichnet haben, wie The Reach Group im September ermittelte: Die kommen auf fünf Prozent, während allein die Wikipedia 13 Prozent erreicht.

Dennoch ruft der Vorgang drei drängende, unbeantwortete Fragen in Erinnerung.

Was soll Google in Zukunft sein? Ein Quasi-Monopolist, der eine latente Gefahr für die Informationsfreiheit darstellt – oder eine Informationsinfrastruktur auf der Höhe der Zeit, die ein Unternehmen mit Innovationen geschaffen hat, für die andere zu blöd waren?

Beim Microsoft-Prozess in den Jahren nach 1998 stand die Zerschlagung des Software-Giganten im Raum, die klassische kartellrechtliche Lösung, die zuvor etwa bei AT&T angewandt worden war. Sie kam mir schon damals veraltet vor. Die Offenlegung des Quellcodes und damit dessen Überführung in ein Gemeineigentum wäre zeitgemäßer gewesen. Anstatt zu versuchen, Google kleinzukriegen, könnte man darüber nachdenken, ob es nicht langfristig in eine Not-for-Profit-Organisation à la Icann überführt werden müsste, die seine Informationsinfrastruktur unter internationaler Aufsicht verwaltet und weiterentwickelt – gerade weil Google eine Macht über Daten hat, die weder in private noch in einzelstaatliche Hand gehört.

Zweite Frage: Soll der Zugang zu Inhalten im Netz an neue Bedingungen geknüpft werden? Konkreter: jeder Link und jeder Klick bezahlt werden? Ich will das Internet nicht über Gebühr idealisieren, es ist nie so frei gewesen, wie manche behaupten. Aber Kontrollphantasien, wie sie Darth Rupert hat – und nicht nur er –, würden die Grundidee eines freien Hypertextes weiter aushöhlen, auf der gerade Errungenschaften wie Wikipedia und Blogosphäre aufbauen.

Zwar habe ich den Ärger über Google News seitens der Medienhäuser immer unlogisch gefunden. Streng genommen dürften die dann alle auch keine RSS-Feeds anbieten, mit denen ich die Online-Werbung der Medienportale ebenso umgehe wie mit Google News (vielleicht habe ich da aber kaufmännisch etwas Entscheidendes übersehen). Am Ende zählt doch nur, dass ich auf deren Seiten lande, nicht wie ich dahin gekommen bin. Aber um Logik geht es eben auch nicht, sondern um die Macht, Zugriffe und letztlich Inhalte zu kontrollieren.

Wenn das freie Verlinken aufgegeben wird (und ich rede hier nicht von Deep Links), wird eine Balkanisierung des Netzes in Bezahlzonen wiederkehren, die es vor zwanzig Jahren mit Diensten wie Compuserve und AOL einmal gab und die gottseidank verschwunden ist.

Drittens: Welche Rolle sollen die professionellen Medien in Zukunft spielen? Auch wenn ich mich als Journalist damit auf Glatteis begebe: Die Probleme im Netz haben sich mindestens die Printmedien redlich verdient. Content wurde zu lange mit Container verwechselt: Hauptsache möglichst schnell Tonnen standardisierter Inhalte raushauen. Dass die Leser Printmedien auch wegen des über Jahrzehnte aufgebauten Knowhows, Informationen darzustellen und aufzubereiten, schätzten, wurde im Goldrausch der späten Neunziger vergessen. Selbst seriöse Titel schoben Boulevard-Inhalte, die früher nur unter "Vermischtes" liefen, ganz nach vorne. Tempo statt Tiefe.

Sicher gab es anfangs technische Beschränkungen wie Bandbreite und Bildschirmauflösung. Aber es ist erstaunlich, dass sich manche Gestaltungsformate für Online-Medien erst in den letzten drei, vier Jahren durchsetzten, obwohl man ihren Nutzen schon vor zehn Jahren hätte erkennen können. Die einzige Rettung sehe ich im E-Paper, die die Trennung zwischen Print und Online hinfällig macht – wenn es denn irgendwann funktioniert.

Darth Ruperts Todesstern mit der Bing-Kanone mag ein Rohrkrepierer werden. Aber er steht für den gefährlichen Ansatz, das Internet in ein rückwärtsgewandtes Profitcenter zu verwandeln. Deshalb sollten wir ihn ernst nehmen. Sonst erkennen wir das Netz in zehn Jahren nicht wieder. (nbo)