Toten-Automaten
Für Platznot bei Grabstätten gibt es jetzt eine Lösung: Hochregallager. Und auch Friedhöfe können nun sterben.
- Peter Glaser
In den dunklen Novembernachmittagen kommt die Erinnerung. Vor langer Zeit schrieb ich einmal auf einer elektrischen Schreibmaschine. Plötzlich dachte ich, ich sei tot. Meine Finger schlugen auf die Tasten, aber kein Buchstabe klatschte mehr auf das Papier. Die Materie gehorchte mir nicht mehr, also war ich wohl tot. Ein Kurzschluß hatte die Sicherung ausgelöst. Dieser Kurzschluß war mit einer fundamentalen Erkenntnis verbunden: Dass es nämlich mit Maschinenhilfe eine neue, virtuelle Arten des Todes gibt. Der Autor und Software-Promoter Yuri Rubinsky hat schon einmal eindrucksvoll Besuchern einer Konferenz in Kalifornien das digitale Schattendasein demonstriert. Während das staunende Publikum auf den Projektionsschirmen seine Rede verfolgte, verließ er das Podium – sein Vortrag war aufgezeichnet gewesen und er hatte eine Weile synchron mitgesprochen.
In anderen Bereichen wollen die Atome noch nicht ganz verschwinden, obwohl das Leben bereits aus ihnen gewichen ist. So hat etwa jeder US-Veteran bei seiner Beisetzung Anspruch auf einen Hornbläser in Uniform, der für ihn eine Abschiedsmelodie spielt. Das Problem: Immer mehr Angehörige der Weltkriegsgeneration sterben, das US-Militär verfügt jedoch nur über insgesamt 500 Hornisten. Nach Tests bei etwa 1000 Beisetzungen, bei Regen und in schneidender Kälte hat das Pentagon nun ein kleines, batteriebetriebenes Gerät zur Benutzung freigegeben, das man diskret ins Innere eines Horns steckt. Es bringt auf Knopfdruck eine perfekte Melodie hervor. Man braucht nur noch jemanden, der das Horn hält und so tut, als würde er spielen. Die Trauernden bekommen meist gar nicht mit, dass der Hornist keiner ist. Berufsmusiker beklagen, dass sich in der digitalisierten Melodie kein Gefühl mehr ausdrücken könne. Bei der Beisetzung von John F. Kennedy im Jahr 1963 schaffte der Hornist Keith Clark die höchste Note nicht – "a chip" nennen Musiker ein solches Malheur. Ganz Amerika behielt diesen "chip" als Ausdruck der nationalen Trauer im Gedächtnis. Die virtuelle Fanfare macht keine solchen Fehler mehr.
Und nicht nur Teile der Abschiedszeremonie gehen im digitalen Zeitalter dahin. In Folge der Digitalisierung können nun sogar ganze Friedhöfe sterben. Steve und Naomi Hoffman etwa betreiben von San Francisco aus einen der größten Online-Tierfriedhöfe im Netz. Sie haben ihr Unternehmen vor einiger Zeit über das Online-Auktionshaus eBay zum Kauf angeboten, allerdings wollte niemand einen virtuellen Friedhof kaufen (vor allem nicht für eine Million Dollar). Was aber passiert, wenn ein solcher Friedhofsserver den Weg aller Server geht? Man stirbt nur zweimal?
Am Tod herrscht im übrigen kein Mangel, aber es gibt zunehmend Orte, an denen es am Platz für Gräber fehlt. In Japan haben findige Friedhofserneuerer nun eine billigere Variante einer letzten Ruhestätte erfunden, um den exorbitanten Kosten für Grabstellen in den hochverdichteten Großstädten zu begegnen. Die Lösung ist, ähnlich dem Mainstream in der Kommunikationstechnik, mobil. Urnen werden hierzuin einem mehrstöckigen Bestattungshaus untergebracht und mit Hilfe einer Hightech-Lagerverwaltung bei Bedarf zugänglich gemacht. Die Hinterbliebenen können mit Hilfe einer Chipkarte einen Roboterarm aktivieren, der die Urne aus dem Lager in den Trauerraum transportiert. Dort wird die Ankunft der Urne von Musik aus dem Lautsprecher begleitet und auf einem Bildschirm werden Fotos des Verstorbenen gezeigt. Die Nachfrage für die neuen Totenhäuser ist groß. Bis zu 7.000 Verstorbene können so auf einer Fläche untergebracht werden, auf der auf einem herkömmlichen Friedhof maximal 100 Tote Platz hätten. Dies zu Kosten, die um die Hälfte unter denen für eine altgewohnte Grabstätte liegen. Das siebzigfache an Platz zum halben bisherigen Preis: Jedenfalls für die Betreiber scheinen die Verstorbenen-Selbstbedienungsautomaten einen bedeutenden Gewinn zu versprechen.
(bsc)