Nukleares Tauwetter

In die Diskussion um die Vor- und Nachteile der Kernenergie scheint eine neue NĂĽchternheit eingezogen zu sein.

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Von
  • Manfred Pietschmann

Kürzlich nahm ich – nach langer Pause – als Zuhörer an einer Diskussion teil, bei der es um die Zukunft der Atomenergie ging. Auf dem Podium saßen zwei ausgewiesene Experten: der Leiter des Instituts für Kern- und Energietechnik (IKET) Prof. Dr.-Ing. Thomas Schulenberg und der Geologe Jürgen Kreusch, Fachmann für Atommülllagerung der INTAC GmbH, einem Beratungs- und Begutachtungsinstitut in Hannover. Obwohl die Redner nach meinem Verständnis unterschiedlichen Lagern zuzuordnen waren, verlief die Diskussion sehr sachlich auf hohem Niveau, der Ton war freundlich.

Freundlich? Das kannte ich nicht. Früher teilten sich die mit Atomenergie befassten Wissenschaftler in zwei Blöcke, die wie Gesäßbacken durch einen unüberbrückbaren Graben getrennt waren. Bei öffentlichen Debatten oder in Gremien argumentierte man nicht – man drosch aufeinander ein, hoch emotional und gar nicht wissenschaftlich, immer nach dem Motto: Wir sind die Guten, ihr seid die Bösen. Wenn es überhaupt zur Diskussion kam. Oft wurden ebenso absurde wie unerfüllbare Vorbedingungen gestellt, etwa "Solange auch nur ein Atomkraftwerk am Netz ist, reden wir nicht über Endlager."

Das habe sich in der Tat sehr geändert, bestätigte Jürgen Kreusch den von mir vermuteten Klimawandel und begründet ihn teilweise mit einem natürlichen Generationswechsel. "Viele Hardliner sind inzwischen Rentner – auf beiden Seiten", erklärte er, und die jüngeren Kollegen "seien einfach lockerer drauf". Bei der Gesellschaft für Reaktorsicherheit etwa oder dem Bundesamt für Strahlenschutz hätten früher völlig unzugängliche Atomkraftideologen den Ton angegeben. Deren Nachfolger dagegen seien wesentlich konzilianter, der Umgang gestalte sich ideologiefrei und offen, etwa zu sehen in der Entsorgungskommission des Bundesministeriums für Umwelt.

Dieser Trend hat, so Kreusch, sich schon mit dem Beginn der rot-grünen Koalition angedeutet. Sie setzte 1998 einen Arbeitskreis "Auswahlverfahren Endlagerstandorte" ein, in dem Atomkraftbefürworter und –gegner miteinander auskommen mussten. "Nach anfänglichem Fremdeln hat das erstaunlich gut funktioniert." Der Endbericht des Arbeitskreises von 2002 gilt heute noch als positives Beispiel für lagerübergreifende Zusammenarbeit.

Mich erinnert dies sehr an unsere Redaktion, die in Fragen der Technologieentwicklung auch nicht immer einer Meinung ist. Trotzdem sehen wir es als gemeinsame Verpflichtung an, den Sachstand einer Debatte – zum Beispiel über Atomenergie oder die richtigen Maßnahmen gegen die Klimaerwärmung – ideologiefrei abzubilden. Dazu gehört auch, dass wir etwa neue Reaktortypen vorstellen oder Methoden zur Ozeandüngung. Diese Vollständigkeit der Information schulden wir Ihnen, unseren Lesern. Damit Sie sich ihre eigene Meinung bilden können. (bsc)