Offizielle CA-Module von Nagravision angekündigt

Der Verschlüsselungsspezialist Nagravision hat überraschend bekannt gegeben, dass bereits 2010 offizielle Conditional Access Modules erscheinen sollen. Unklar ist allerdings bislang, in welchen Receivern sich die neuen CAMs einsetzen lassen.

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Wer bislang verschlüsselte digitalen Fernsehsender empfangen wollte, musste entweder zum vom jeweiligen Programmanbieter zeritifiziertem DVB-Receiver greifen oder sich einen Digital-TV-Empfänger mit Common Interface (CI) kaufen. In letzterem Fall wurde in den CI-Slot dann ein sogenanntes Conditional Access Module (CAM) einschließlich freigeschalteter Smartcard eingeführt. Vorteil der CAM-Lösung: Der Anwender ist bei der Wahl des Receivers nicht auf die Modelle beschränkt, die den offiziellen Segen des TV-Anbieters besitzen, sondern kann zu Geräten mit zusätzlichen Features (wie PC-Anbindung) greifen. Unbestrittener Marktführer auf dem Gebiet der CA-Module zum Empfang der mit Nagravision verschlüsselten Kanäle von Sky (vormals Premiere) und Kabel Deutschland (KDG) ist bislang die Firma Mascom mit ihrem Alphacrypt-(Light-)Modul.

Am heutigen Dienstag gab das hinter dem Verschlüsselungsverfahren stehende Unternehmen Nagravision, ein Unternehmen der Kudelski-Gruppe, überraschend die Unterzeichnung "eines umfassenden Lizenzvertrages" mit dem französischen CAM-Hersteller Neotion bekannt. Auf der Grundlage dieses Vertrages kann Neotion CAMs herstellen und vermarkten, in die das Conditional Access System (CAS) von Nagravision integriert ist. Neotion beabsichtigt, sein erstes Nagravision-CAM in der ersten Jahreshälfte 2010 zu lancieren. Zuerst sollen die Märkte in Spanien, Frankreich, Italien und Deutschland beliefert werden. In einer zweiten Phase soll der Vertrieb auf weitere europäische Märkte ausgeweitet werden.

Unklar ist jedoch noch, in welchen Receivern die neuen CA-Module laufen werden. Bislang ist nur zu erfahren, dass die von Neotion hergestellten CAMs einen Prozessor der Reihe NKE-1 V2 enthalten werden, der von Nagravision als NOCS 1.1 (Nagra On Chip Security) zertifiziert wird. Die NOCS-Technik von Nagravision wurde nach Angaben des Unternehmens "von allen bedeutenden Chipsatzherstellern für über 30 Chipsätze zertifiziert". Dies soll einem Gerätevolumen von insgesamt über 30 Millionen installierten Settop-Boxen und Pay-TV-Geräten von über 50 Herstellern entsprechen.

Welche Hersteller konkret NOCS-Chips in ihren Geräten verbauen, ist aus den Angaben von Nagravision allerdings nicht ersichtlich. Befragte Experten äußerten sogar die Vermutung, dass es sich hierbei um eine Art "Legacy-CAMs" handeln könnte, die schon bei HD+ im Gespräch waren: Ein Modul würde demnach nur in bestimmten Geräten eines Herstellers laufen.

In ersten Gesprächen zeigte sich, dass die deutschen Programmanbieter von der Mitteilung ebenso überrascht wurden wie die Presse. Sicher scheint bislang jedoch, dass sich wegen der kommenden Nagravision-CAMs nichts an ihrer Geschäftspolitik ändern dürfte. So verlangen beispielsweise Sky und Kabel Deutschland bei Abschluss eines Abos vom Kunden den Nachweis, dass er einen zertifizierten Receiver besitzt.

Sollten die kommenden Nagravision-CAMs in gewöhnlichen CI-Receivern einsetzbar sein, dürften sie vor allem für Kabel-Deutschland-Kunden interessant werden, da Mascom vor einiger Zeit gerichtlich die Unterstützung bestimmter KDG-Karten untersagt wurde. Mascom war bislang für eine Stellungnahme noch nicht zu erreichen.

Denkbar ist, dass Nagravisions Vorstoß eine Reaktion darauf ist, dass Konkurrent NDS mit seinem Verschlüsselungssystem Videoguard immer mehr Fuß fasst. So setzt Sky bei der Satellitenausstrahlung seines Programms bereits Nagravision und Videoguard parallel ein; Kabel Deutschland will im kommenden Jahr folgen, um CI-Plus-CAMs von NDS als offizielle Empfangslösung zulassen zu können. Verwunderlich ist jedoch, dass Nagravision die Lizenzvereinbarung mit Neotion geschlossen hat und nicht mit dem CAM-Hersteller SmarDTV, der ebenfalls zur Kudelski-Gruppe gehört. (nij)